Was wäre wenn: Im Gespräch mit Tanja Raich

REZENSION und PODCAST 8. März 2022

In Bezug auf das Matriarchat existieren die unterschiedlichsten Vorstellungen. Meist wird es als Gegenteil zum Patriarchat angesehen und mit vorwiegend negativen Assoziationen belegt. Von der Unterdrückung der Männer ist oft die Rede, von kriegerischen Amazonen, von vertauschten Rollen. Auf der anderen Seite wird die Idee einer Welt, in der Frauen das Sagen haben, oft auch verklärt gesehen: alles wäre besser im „weiblichen Paradies“. Tanja Raich hat zwanzig Autorinnen und Autoren eingeladen, ihre Version des Matriarchats zu schreiben. Die Texte, die sie in der Anthologie Das Paradies ist weiblich. 20 Einladungen in eine Welt, in der Frauen das Sagen haben vereint hat, hätten kaum unterschiedlicher ausfallen können. 

In Form von Essays, autobiografischen Erinnerungstexten, einem Comicstrip und einem Dramolett loten die Beitragenden verschiedene Spielarten des Matriarchats aus. Die Bandbreite reicht von Auseinandersetzungen mit Mutterfiguren, über kritische Betrachtungen des Literaturbetriebs bis hin zu Geschlechtsumwandlungen im Tierreich und „Queertopia“, einem Ort, an dem jede*r so akzeptiert wird, wie er*sie ist. 

Tanja Raich (Hrsg.) Das Paradies ist weiblich. 20 Einladungen in eine Welt, in der Frauen das Sagen haben. Kein & Aber 2022. 256 Seiten, € 24,70.

„Welches Matriarchat hätten Sie denn gern?“ fragt gleich zu Beginn Mithu Sanyal, denn dass es nicht bloß das eine einzige Gegenmodell zum Patriarchat gibt, das versteht sich von selbst. Auch die Annahme, dass es beim Matriarchat bloß darum geht, Hierarchien umzukehren, wird schnell widerlegt: vielmehr sollen diese in Frage gestellt werden. Wie sehr diese Hierarchien auch im Literaturbetrieb nach wie vor fest verankert sind, wird spätestens beim Lesen von Nicolas Mahlers satirischem Comicstrip „Die Verlegerin“ und Simone Hirths köstlich überspitzten Rezensionen von Klassikern der Literaturgeschichte in Erinnerung gerufen. Ziel ist es, Missverhältnisse aufzuzeigen und Veränderungen nahezulegen, dazu müssen Frauen nicht erst zum aggressiven Hyänenweibchen werden. Trotzdem täte, wie Gertraud Klemm betont, auch eine realgetreuere Darstellung von Tierfiguren im Kinderprogramm gut, wo Frauenherden für kitschige Vater-Sohn-Geschichten herhalten müssen und männliche Seepferdchen belächelt werden, weil sie ihre Jungen gebären.  

Das Paradies ist weiblich ist ein ungemein aufschlussreiches, spannendes und auch sehr unterhaltsames Buch, das einiges an Denkanstößen bietet und Vorurteile zurechtrückt. Bevor sich jemand ein voreiliges Bild über das Matriarchat macht, sei ihm/ ihr ans Herz gelegt, diesen 20 Einladungen in eine Welt, in der Frauen das Sagen haben zu folgen. Einiges, was dort auf die Lesenden wartet, wird sie sicherlich überraschen. 


Mit Beiträgen von Shida Bazyar, Mareike Fallwickl, Linus Giese, Kübra Gümüşay, Simone Hirth, Gertraud Klemm, Julia Korbik, Miku Sophie Kühmel, Kristof Magnusson, Nicolas Mahler, Barbara Rieger, Emilia Roig, Jaroslav Rudiš, Mithu Sanyal, Tonio Schachinger, Margit Schreiner, Anke Stelling, Sophia Süßmilch, Philipp Winkler und Feridun Zaimoglu.


Im neuesten Podcast Gespräch für Das Litrophon betont Herausgeberin Tanja Raich, was das Thema Matriarchat auch heute noch hochaktuell macht und gibt überdies Einblicke in die (patriarchalen) Strukturen des Literaturbetriebs.

Erzählen gegen Armut Das Litrophon

Lisa Höllebauer engagiert sich bereits seit längerem im Kulturbetrieb. 2020 hat sie gemeinsam mit Tamara Markel den Grazer Literaturbetrieb "Wir sind lesenswert" ins Leben gerufen, 2021 organisierte sie mit Lisa Schantl "Writers in (Climate) Crisis", einen Workshop mit Lesung zur Klimawandel-Literatur. Mit ihrem neuesten Projekt, "Erzählen gegen Armut" möchte Lisa Höllebauer ihre Liebe zur Literatur dafür einsetzen, Gutes zu tun. Aus dem Wunsch, die Leidenschaft für deutschsprachige Gegenwartsliteratur mit einem guten Zweck zu verbinden, entstand die Idee, mit Hilfe eines Erzählbandes Spenden für geflüchtete Menschen zu sammeln. Die Autor*innen Irene Diwiak, Katharina J. Ferner, Valerie Fritsch, Lisa Krusche, Lucia Leidenfrost, Martin Peichl, Benjamin Quaderer, Barbara Rieger, Stephan Roiss, Clemens J. Setz, Mercedes Spannagel und Barbara Zeman haben sich bereit erklärt, einen Text für den Erzählband bereitzustellen. Im Interview erzählt Lisa Höllebauer, wie die Idee zu ihrem Projekt entstanden ist, welcher Text sie persönlich am meisten berührt hat und warum Literatur eine wichtige Rolle einnimmt, wenn es darum geht, gesellschaftlich relevante Themen zu vermitteln.
  1. Erzählen gegen Armut
  2. Vergrabe dein Herz
  3. Was wäre wenn
  4. Abenteuer Donau-Auen
  5. Erzählte Erinnerung

Übrigens: Das Litrophon gibt es auch als Abo, auf Spotify und Apple Podcast!


Tanja Raich wurde 1986 in Meran (Italien) geboren und lebt als Lektorin und Autorin in Wien. Ihr Debütroman Jesolo ist im März 2019 erschienen und wurde für den Österreichischen Buchpreis Debüt 2019 sowie für den Alpha Literaturpreis 2019 nominiert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s