Bloß nicht erwachsen werden: Cornelia Travniceks Feenstaub

REZENSION Melanie Deutsch, 27. Juni 2020

Melanie Deutsch ist Germanistin, Theaterwissenschaftlerin und Trainerin für Deutsch als Fremdsprache.

Die Kindheit ist ein Zustand, dessen Ende einige schmerzlich herbeisehnen und dem andere niemals entfliehen wollen. Später denkt man gern zurück an die Zeiten von Schutz und harmloser Unvernunft. Doch was passiert, wenn Menschen Kinder bleiben und gleichzeitig wie Erwachsene für sich selbst sorgen müssen? 

In „Feenstaub“ schickt die niederösterreichische Autorin Cornelia Travnicek ihre Protagonisten als „verlorene Jungen“ auf die Spuren von Peter Pan. Petru, Magare und Cheta leben illegal im Land und schlagen sich als Taschendiebe durch. Einen Teil der Beute müssen sie an den brutalen Krakadzil abgeben, der jeden der Jungen durch familäre Verstrickungen in der Hand hat. Eines Tages lernt Petru Marja kennen und mit ihr ein gänzlich anderes Leben. Die Wende in Petrus Leben bringt jedoch das Auftauchen eines neuen Jungen mit sich, der Petru zu einer Entscheidung veranlasst, die das Leben der Gruppe für immer verändern wird.

Travniceks Szenen sind knapp, aber intensiv. Sie erzählt eine Geschichte über Freundschaft und Zusammenhalt, aber auch über Ausbeutung und Gewalt. Petru und seine Freunde stehen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, zur Volljährigkeit, aber ihr illegaler Status zwingt sie dazu, Kinder zu bleiben: „Klein bleiben, das ist wichtig, und sich klein machen, wenn das mit dem Bleiben schwierig wird.“ Wer das Gesetz überschreitet, ist als vermeintlich Minderjähriger noch immer am besten geschützt. Was für ein Leben ist das? Es ist ein Leben im Verborgenen und vor allem ist es ein Leben in der Schwebe. Was zählt, ist die Gegenwart, denn die Vergangenheit ist vorbei und die Zukunft wird ignoriert, da man in ihr größer und älter wird, was doch gar nicht passieren soll. 

Die Handlung wird aus Petrus Sicht geschildert, er ist der Erzähler, es sind seine Worte, die den Leser durch sein „Niemandsland“ führen. Seine Sprache beschreibt die Probleme des Erwachsenwerdens und die damit verbundenen Gefühle direkt, aber auch gleichzeitig poetisch. So auch als er Marja zum ersten Mal vor der Schule begegnet, während sie mit Freundinnen das Gebäude verlässt: „Eine von ihnen trifft mich, trifft mich mitten ins Herz.“ Die Sprache ist es auch, die die beiden einander näherbringt, denn Petru kann nicht lesen. Marja und ihre Eltern helfen ihm, es zu lernen. Und sie zeigen ihm noch mehr, nämlich das, was er nicht (mehr) hat: eine Familie. Dort sind die Eltern für die Kinder verantwortlich. In Petrus Gruppe übernimmt er diese Rolle für den kleinen Neuankömmling Luca. Für ihn überschreitet er eine Grenze und sorgt somit für eine Wende im Leben aller. 

„Feenstaub“ ist ein berührendes Buch und es wäre nicht verwunderlich, wenn es in den nächsten Jahren auch auf den Leselisten diverser Oberstufenschüler auftauchen würde.

© Paul Feuersänger

Cornelia Travnicek, geboren 1987, lebt in Niederösterreich. Nach ihrem Studium der Sinologie und Informatik arbeitet sie als Researcherin in einem Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung. Für ihre literarischen Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet. Ihr Debütroman Chucks wurde 2015 verfilmt. Nach Junge Hunde (2015) und dem Gedichtband Parablüh erschien 2019 ihr erstes Kinderbuch Zwei dabei.

Das Buch:


Cornelia Travnicek
: Feenstaub

Roman

ISBN: 978-3-7117-2090-0 
278 Seiten, gebunden

www.picus.at

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