Wie das Leben so spielt: Alina Lindermuths „Die Wahrscheinlichkeit des Zufalls“

REZENSION Barbara E. Seidl 21. Dezember 2021

Wenn Sie an Ihre Kindheit zurückdenken, gibt es da ein Ereignis oder ein Geschenk, das Sie nachhaltig geprägt und spätere Entscheidungen beeinflusst hat? Geschichten, die Sie gehört, gesehen oder gelesen haben, Abenteuer im Kopf, die Sie bis ins Erwachsenenalter begleiten?

In Alina Lindermuths Romandebüt Die Wahrscheinlichkeit des Zufalls ist es ein Buch, das die Protagonistin Frida nachhaltig beeindruckt. Mit zehn Jahren bekommt Frida von ihrer Großmutter Amitav Ghoshs Roman Der Glaspalast geschenkt. Der historische Roman, der unter anderem in Burma spielt, hinterlässt einen bleibenden Eindruck bei dem Mädchen. Dreizehn Jahre später findet sich Frida in den Ebenen von Bagan wieder, inmitten jener Landschaft, die sie sich bereits als junges Mädchen in bunten Farben ausgemalt hat.

In der ersten Hälfte von Die Wahrscheinlichkeit des Zufalls wechselt die Erzählperspektive zwischen Chronik und Erinnerung. Abwechselnd begegnen die Lesenden Frida als Kind im ländlichen Kärnten und als Wirtschaftsstudentin in Wien. Bereits als kleines Mädchen steht Frida fest auf ihren eigenen Beinen und behauptet sich tapfer gegen ihren älteren Bruder Anton, der sie immer wieder aufs neue herausfordert. Auch später, als Studentin in Wien, geht die junge Frau ihren eigenen Weg, auch wenn sie nicht immer genau weiß, wohin dieser Weg sie führen wird. Erst im fernen Burma findet sie innere Ruhe und, dank eines unwahrscheinlichen Zufalls, Antworten auf ungelöste Fragen.

In Die Wahrscheinlichkeit des Zufalls erzählt Alina Lindermuth im Stile einer Coming-of-Age-Geschichte fragmenthaft die Suche einer jungen Frau nach dem Platz im Leben. Anstelle tiefgründiger Charakteranalysen treten Szenen aus dem Leben der jungen Protagonistin, die in ihrer Summe viele kleine Meilensteine ergeben und ihr schließlich den Weg zu sich selbst weisen.

Alina Lindermuth wurde am 8. Dezember 1992 bei dichtem Schneegestöber in Kärnten geboren. Sie wuchs am Fuß der Karawanken auf und verbrachte ihre Kindheit mehr draußen als drinnen. Nach der Matura suchte sie Kontrastprogramm zu Österreich und ging nach Indien. Im Anschluss daran folgten Studien der Südasienkunde, Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre in Wien, Singapur und Nepal sowie Aufenthalte in Italien und China. Seit kurzem arbeitet sie in einer Unternehmensberatung in Wien und berät dabei öffentliche und Non-Profit Unternehmen.
Alina schreibt seit der Schulzeit allerhand Texte, hat auch schon vorgelesen bei Poetry Slams und veröffentlicht bei der Wiener Zeitung, auf Goodnight.at und in der Literaturzeitschrift der Edition FZA. Sie schreibt gern auf Bergen, über Menschen, bei Regen und in Kaffeehäusern. Sie betreibt einen Lesekreis, fährt auf kurz oder lang Fahrrad und braucht fürs Glück viel Abwechslung.
Alina Lindermuth, Die Wahrscheinlichkeit des Zufalls, Text/Rahmen 2021, 404 Seiten, 15,90 € 

Es sind keine großen, dramatischen Ereignisse, sondern vielmehr die kleinen Höhen und Tiefen des Alltags, die dem Roman einen sehr lebensnahen, authentischen Ton geben. Untermalt wird dieses Gefühl nicht zuletzt auch durch zahlreiche, aus dem Leben gegriffene, Dialoge.

Von den Erinnerungen an kindliche Abenteuer am Fuß der Karawanken über Lust und Frust des Wiener Studentinnenlebens, erste literarische Erfolge bei Poetry Slam Auftritten und schließlich die langersehnte Reise nach Burma – Die Wahrscheinlichkeit des Zufalls beschreibt, was vielen Leser:innen mitunter bekannt vorkommen wird und schreibt sich vielleicht gerade auch deshalb in ihre Herzen.

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