„Fremde Orte beleuchten die eigenen Meinungen aus einem ungewohnten Winkel“

In ihrem Romandebüt Die Wahrscheinlichkeit des Zufalls (Text/Rahmen 2021) erzählt Alina Lindermuth von der Suche nach dem Platz im Leben. Diese Suche führt die junge Protagonistin vom ländlichen Kärnten nach Wien und schließlich bis nach Burma. Im Interview spricht die Autorin über Einsichten, die man in der Ferne gewinnen kann, ihre Arbeit als Schriftstellerin und ihre Liebe zu Graugänsen.

Alina, wenn man deine Autorinnen-Biografie liest, fallen ein paar Parallelen zu Frida, der Hauptfigur in deinem Roman „Die Wahrscheinlichkeit des Zufalls“ auf. Könnte man sagen, dass der Roman autobiografische Züge trägt, oder ist das nur ein Zufall?

Schreiben hatte für mich schon immer viel mit Beobachten zu tun, war und ist ein Abpausen der Welt. Da fließt natürlich auch Erlebtes von mir selbst oder mir nahe stehender Menschen mit ein. So war es bei einigen Passagen auch in meinem Roman, die Handlung ist jedoch fiktiv. 

In den ersten Kapiteln, die Fridas Kindheit am Land behandeln, begegnen wir einer Entenfamilie, die das Mädchen und ihren Bruder sehr beschäftigen. Magst du selbst auch gerne Enten?

Enten mag ich. Noch lieber sind mir aber Hühner und eine große Leidenschaft hege ich für Graugänse. Unsere zwei Exemplare dieser Art, Konrad und Lorenz, sind erst vor wenigen Wochen von einem Fuchs tot gebissen worden, sehr tragisch. Sie waren so alt, dass wir schon aufgehört hatten, zu zählen. 

Auf der Suche nach dem richtigen Platz im Leben, zieht es Frida immer weiter in die Ferne. Zuerst vom ländlichen Kärnten nach Wien und schließlich nach Myanmar in die Ebenen von Bagan. Hilft es deiner Meinung nach manchmal, fortzugehen um neue Perspektiven zu gewinnen?

Mir persönlich hat die Ferne vor allem immer dabei geholfen, zu staunen. 
Und fremde Orte beleuchten die eigenen Meinungen aus einem ungewohnten Winkel, aber oft so, dass genügend Unschärfe bleibt, um das Neue in Ruhe zu untersuchen.

Was kann Myanmar Frida bieten, was sie am Fuß der Karawanken nicht finden konnte?

Die Reise konfrontiert Frida mit einer neuen Kultur, Schrift und Sprache, neuen gesellschaftlichen Gepflogenheiten und kulinarisch Ungewohntem, kurz, mit den Rahmenbedingungen einer ersten Fernreise. Sie findet sich ständig in Situationen wieder, die sie so noch nicht erlebt hat, muss laufend auf all das Neue reagieren. Und schließlich eröffnet Frida dieses Reagieren Winkel von sich selbst, die ihr bis dahin unbekannt waren. 

Neben deiner schriftstellerischen Tätigkeit bist du als Unternehmensberaterin im Non-Profitbereich tätig, lässt sich das Schreiben deiner Erfahrung nach leicht mit einem sogenannten Brotjob vereinbaren, oder fällt es manchmal schwer? 

Ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die tagsüber vollzeit in einem sogenannten Brotjob arbeiten und sich dann nachts ihren literarischen Projekten widmen können. (Auch nicht umgekehrt.) Etwa sechs bis acht Stunden produktive Arbeit sind für mich am Tag realistisch, unter Druck kurzfristig auch etwas mehr, aber das wars dann auch. Daher muss ich mich zwischen Schreib- und Kundenprojekt entscheiden. Beides macht mir sehr viel Spaß. Und zum Glück gab es bisher Modelle, die eine Abwechslung möglich gemacht haben. Ich kann nur hoffen, dass das so bleibt. 


Alina Lindermuth wurde am 8. Dezember 1992 bei dichtem Schneegestöber in Kärnten geboren. Sie wuchs am Fuß der Karawanken auf und verbrachte ihre Kindheit mehr draußen als drinnen. Nach der Matura suchte sie Kontrastprogramm zu Österreich und ging nach Indien. Im Anschluss daran folgten Studien der Südasienkunde, Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre in Wien, Singapur und Nepal sowie Aufenthalte in Italien und China. Seit kurzem arbeitet sie in einer Unternehmensberatung in Wien und berät dabei öffentliche und Non-Profit Unternehmen.

Alina schreibt seit der Schulzeit allerhand Texte, hat auch schon vorgelesen bei Poetry Slams und veröffentlicht bei der Wiener Zeitung, auf Goodnight.at und in der Literaturzeitschrift der Edition FZA. Sie schreibt gern auf Bergen, über Menschen, bei Regen und in Kaffeehäusern. Sie betreibt einen Lesekreis, fährt auf kurz oder lang Fahrrad und braucht fürs Glück viel Abwechslung.

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