„Die Frau wird in der Zeit der Schwangerschaft oft als Gefäß betrachtet, das dieses ungeborene Leben beschützt.“ 

Foto: Mercan Sümbültepe

In ihrem Debütroman Mama nähert sich Jessica Lind dem Thema Mutterwerden von einer neuen, sehr ungewöhnlichen Perspektive und bewegt sich dabei von einer klassischen Beziehungsgeschichte immer mehr in Richtung düsterer Fantastik. Im Interview verrät die Autorin, was für sie das Faszinierende am Unheimlichen ausmacht und was das mit Mutterschaft zu tun hat.

Jessica, du hast unter anderem als Dramaturgin Jessica Hausner bei ihrer Arbeit am Psychothriller Little Joe begleitet und auch dein Debütroman Mama spielt mit subtilem Horror. Was reizt dich am Unheimlichen?

Jessica ist für mich die Queen des Unheimlichen. Bei ihr findet sich der Horror oft im Alltäglichen und das macht ihn besonders unmittelbar. Ich selbst kenne das Gefühl gut, im Alltag auf Unheimliches zu stoßen. Mich fremd zu fühlen. Und ich glaube, viele teilen dieses Gefühl und fühlen sich ebenso zum Unheimlichen hingezogen. Es ist ein Ventil für unsere Angst. Ich bin von Natur aus recht ängstlich. Was ist also naheliegender, als diesen Ängsten einen Ort zu geben, wo sie stattfinden dürfen? 

Schauplatz von Mama ist ein Wald, der gleichzeitig faszinierend und irritierend ist. Warum, denkst du, wird der Wald in der Literatur so oft als etwas Bedrohliches dargestellt?

Ich bin mir nicht sicher, ob der Wald an sich bedrohlich dargestellt wird. Es verstecken sich Wesen in ihm, das schon. Aber der Wald kann auch ein Zufluchtsort sein. Ich glaube, er lässt sich nicht klar einordnen. Der Wald ist eine Urgewalt. Bevölkert von unzähligen Lebewesen. Ein eigener Organismus. Wurzeln ranken sich im Verborgenen und sind miteinander verbunden. Die Bäume zeigen nicht, wer sich hinter ihnen versteckt, aber sie beschützen einen auch, wenn man sich selbst verstecken will.

Mutterschaft wird hingegen ja meistens als etwas Erfreuliches behandelt, oft ist es das glückliche Ende einer Geschichte. Was hat dich zur Idee inspiriert, die unheimliche Seite dieses Themas zu zeigen?

Betrachten wir eine Schwangerschaft einmal so: Da wächst etwas in dir, was du nicht kontrollieren kannst. Das von dir zehrt wie ein Parasit. Dein Bauch wird unförmig. Dem Wesen geht mehr und mehr der Platz aus, schließlich tritt es von innen gegen deine Bauchdecke. Was, wenn du dich diesem Wesen nicht verbunden fühlst, es eher als feindselig begreifst, aber alle erwarten, dass du von Glück erfüllt bist? Eigentlich ist es ja eine ziemliche Zumutung, alle körperlichen Einschränkungen, die man während so einer Schwangerschaft erlebt, mit größter Freude ertragen zu müssen. Emilie Pine erzählt in Notes to Self wie die Gesundheit des Embryos im Vordergrund steht, bis er stirbt und sie plötzlich selbst wieder zur Patientin wird. Die Frau wird in der Zeit der Schwangerschaft oft als Gefäß betrachtet, das dieses ungeborene Leben beschützt. Und am Ende steht dieses unausweichliche Ereignis der Geburt. Der größte vorstellbare Schmerz. Schon ganz schön unheimlich, oder?

Du bist während der Entstehungsphase des Buchs dann selbst auch Mutter geworden, hat diese Erfahrung deinen Zugang zum Thema verändert?

Am Anfang meiner Arbeit stand definitiv der Body Horror und das Spiel mit den Zeitebenen im Vordergrund. Es hat mir große Freude bereitet, die Dramaturgie für das Buch herauszuarbeiten. Als ich dann selber ein Kind bekam, war mir der gesellschaftspolitische Aspekt sehr wichtig. Wie manche Frauen aus dem gesellschaftlichen Leben verschwinden, wenn sie ein Kind bekommen. Alle diese widersprüchlichen Erwartungen, die an eine Frau gestellt werden, wenn sie Mutter wird, aber auch, wenn sie keine Mutter wird. Rollenbilder, auch die im eigenen Kopf, finde ich sehr spannend. Wahrscheinlich, weil ich mich selber sehr davon beeinflussen lasse. Was ist eine gute Mutter? Wie wird man zur Rabenmutter? Eigentlich kann man es nur falsch machen. Auch wenn die Geschichte ausschließlich im Wald spielt, war es mir sehr wichtig, das mitschwingen zu lassen. Und ich glaube, es hat die Geschichte sehr bereichert.

Könntest du dir Mama auch als Film vorstellen?

Es freut mich sehr, dass in vielen Rezensionen steht, dass Mama auch ein cooler Film wäre. Ich arbeite ja auch als Drehbuchautorin und auch den Roman habe ich sehr szenisch geschrieben, weil mir dieses Erzählen am nächsten ist. Drehbücher sind allerdings immer Gebrauchstexte. Andere kommen und erwecken die Bilder zum Leben. Beim Roman entstehen die Bilder im Kopf. Das liebe ich. Und ich habe Mama absichtlich so konzipiert, dass es Leerstellen gibt, die von den Lesenden ausgefüllt werden müssen. Jetzt wo das Buch in der Welt ist, würde es mich aber sehr freuen, wenn aus Mama ein Film entstünde. Ob ich allerdings selber das Drehbuch schreiben wollen würde, lasse ich lieber noch offen.


Jessica Lind, geboren 1988 in St. Pölten, Drehbuchstudium an der Filmakademie Wien, lebt in Wien. Autorin des Science-Fiction-Films Rubikon (gemeinsam mit Regisseurin Magdalena Lauritsch). Als Dramaturgin betreute sie Little Joe von Jessica Hausner, Premiere in Cannes 2019. 2015 Gewinnerin des 23. open mike mit der Kurzgeschichte Mama, auf der dieser Roman aufbaut. 2016 Achensee.Literatour Stipendium. 2017 Stipendiatin des 21. Klagenfurter Literaturkurses, 2019 Stipendiatin der Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung.

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