„Dialekt selbst zu lesen, ist auch für Sprecher*innen oft eine Herausforderung“

Dialekt ist in der Literatur nach wie vor eine Randerscheinung. Als Redaktionsmitglied der österreichischen Dialektzeitschrift Morgenschtean hilft Katharina J. Ferner mit, Dialektdichtung zu fördern. Dialekt spielt aber auch in ihrem eigenen literarischen Schaffen eine wichtige Rolle – so verbindet sie etwa in ihrem Lyrikband nur einmal fliegenpilz zum frühstück (Limbus Lyrik, 2018) Dialekt mit Naturlyrik und stellt den dialektalen Sprachfluss einer hochsprachlichen Übersetzung gegenüber. Im Interview denkt Ferner darüber nach, was es braucht, um regionale Vielsprachigkeit aufzuwerten.

Welche Rolle spielt Dialekt in Ihrem Leben? Wurde in Ihrer Kindheit zu Hause im Dialekt gesprochen?

In meiner Kindheit wurde in verschiedenen Kontexten Dialekt gesprochen, vermehrt bei Familienbesuchen. Bewusst wurde mir das erst in der Jugend, als ich bereits erste Texte verfasste, die Dialekt auch konkret zum Thema hatten. Textnachrichten enthielten oftmals damalige (Salzburger) In-Wörter, wie z. B. zach. Mein heutiger Bezug kommt aber aus der Literatur und der Arbeit in der Morgenschtean-Redaktion.

In weiten Teilen Österreichs, besonders aber im Raum Wien, verliert sich das Dialektsprechen zunehmend – vor allem Jüngere sprechen oft nur mehr in einer standardisierten Sprache. Sind hier die Medien schuld?

Ich würde niemandem die Schuld an einer Sprachentwicklung geben, die ja immer von mehreren Faktoren geprägt und letztendlich auch ein natürlicher Prozess ist. In meinem Umfeld gibt es vermehrt Ansätze, den eigenen Dialekt wieder mehr zu zelebrieren oder neu zu entdecken. Eine Problematik sehe ich einerseits an der mangelnden Wertschätzung der regionalen Vielsprachigkeit, andererseits auch an der umgekehrten Sturheit von Dialektverfechter*innen, die Standardsprache als solche anzuerkennen. 

Was braucht es, um dieser Scheu vor Dialekt, dem Dialektsterben, entgegenzutreten?

Eine Möglichkeit wäre es gezielt Dialektautor*innen in den Deutschunterricht einzuladen. Es muss dann ja nicht ausschließlich um einen speziellen österreichischen Dialekt gehen, sondern  um die Erweiterung der Sprache und Sichtweisen und das Annehmen der Verschiedenheit. 

Ein Argument, das manchmal genannt wird, ist die Vermarktbarkeit: dass die österreichische Umgangssprache oder gar Dialekt am deutschen Buch- und Medienmarkt keine Chance hat. Stimmt das aus Ihrer Sicht?     

Ja und nein. Eine leichte sprachliche Färbung kann auch als Pluspunkt gelten, solange sie nicht zu stark ist und das überregionale Verständnis sehr einschränkt. Letztendlich gewinnt man hier das Publikum eher mit Lesungen – Dialekt selbst zu lesen, ist ja auch für Sprecher*innen oft eine Herausforderung. 

In der Literatur findet man Dialekt vor allem in Gedichten an – eignet sich Lyrik besser für Mundart als Prosa? 

Hier würde ich wieder auf die Lesbarkeit verweisen, allerdings gibt es ja durchaus Romane, in denen ein klarer Dialekt vorherrscht. Gleichzeitig bietet sich gerade der Dialekt mit seinem Rhythmus und seiner Lautmalerei für die Poesie besonders an. 


Katharina J. Ferner, 1991 geboren, lebt als Poetin und Performerin in Salzburg. Sie ist Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift &Radieschen sowie der österreichischen Dialektzeitschrift Morgenschtean. 2016–2019 Mitbetreuung der Lesereihe ADIDO (Anno-Dialekt-Donnerstag) in Wien.
2017 Stadtschreiberin in Hausach (D), 2019 Lyrikstipendium am Schriftstellerhaus Stuttgart. Bei Limbus erschien ihr vielbeachtetes Lyrikdebüt nur einmal fliegenpilz zum frühstück (2019) und Der Anbeginn (2020).

Ein Gedanke zu „„Dialekt selbst zu lesen, ist auch für Sprecher*innen oft eine Herausforderung“

  1. Dialekt – ist eine Sprachform die örtlich bzw. auf einen Personenkreis beschränkt ist – mit allen Vor- u. Nachteilen
    Dialekt kann sich eigentlich niemals aneignen
    Er muss gelebt werden, mit allen Zwischentönen und Silben!
    Niemals darf er zu einer sprachlichen „Sackgasse“ werden
    Schöne Zeit
    M Kuhl

    Gefällt 1 Person

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