Wir sprechen der Poesie jegliche Wichtigkeit ab, um ihre Wichtigkeit zu verdeutlichen

Nachdem im letzten Jahr sein Roman Fremdes Licht erschien, kehrt Michael Stavarič nun mit zu brechen bleibt die see zu seinen Wurzeln als Lyriker zurück. In einem eindrucksvollen Plädoyer, das im zweiten Teil von zwölf Autor*innen weitergesponnen wird, führt er uns wichtige Botschaften der Poesie vor Augen. Im Interview stellt er Überlegungen an, wie der gesellschaftliche Stellenwert von Literatur verbessert und insbesondere auch Lyrik populärer gemacht werden könnte.

In zu brechen bleibt die see wird die Sinnhaftigkeit von Poesie anhand eines lyrischen Plädoyers metatextuell in Frage gestellt. Was gab den Anstoß zu diesem Projekt?

Ich hatte im vergangenen Jahr (März) mein bislang umfangreichstes Romanprojekt publiziert – „Fremdes Licht“, erschienen bei Luchterhand. Dann folgte die Corona-Pandemie – und all die damit verbundenen Folgen und Einschränkungen. Ich wollte ein Buchprojekt verwirklichen, wo ich nicht nur zu meinen Wurzeln als Lyriker zurückkehren konnte (die formale Vorlage bilden nämlich alte Gedichte aus meinem Buch „Flügellos“, publiziert im Jahr 2000), vielmehr wollte ich auch andere AutorInnen dafür gewinnen, sich mit der Sinnhaftigkeit von Poesie auseinanderzusetzen. Gerade jetzt, wo sich so viele Sinnfragen aufdrängen, wo Existenzen auf dem Spiel stehen, wo sich unsere Welt (mal wieder) unwiederbringlich wandelt. Ein kollaboratives Buchprojekt schien mir genau das Richtige zu sein; und schnell war auch die „Grundformel“ des Buches klar: Wir sprechen der Poesie jegliche Wichtigkeit ab, um ihre Wichtigkeit zu verdeutlichen.

Poesie, so heißt es gleich zu Beginn, „generiert die allerwenigsten Likes“. Tatsächlich gibt es viele, die Lyrik gegenüber Vorbehalte haben. Als Argument wird dabei unter anderem gerne angegeben, Lyrik nicht zu verstehen. Was braucht es um Lyrik populärer zu machen? 

Die Literatur (und ich meine nicht die Populär-Belletristik und sonstige Genre-Literatur) hat deutlich an Stellenwert verloren. Es ist eine Tatsache, dass die meisten Menschen keine anspruchsvollen Bücher lesen. Es ist eine Tatsache, dass es in den meisten Häusern/Wohnungen keine Bibliothek mehr gibt. Oft nicht einmal ein Buchregal, und falls doch, dann finden sich dort meistens Ratgeber, Sachtitel, Genre-Bücher (Krimis und Co.) vielleicht ein paar Klassiker und Bücher von den üblichen Bestseller-Listen. Im Grunde ist dagegen auch nichts zu sagen, doch spiegelt das keinesfalls das Spektrum der Gegenwartsliteratur wieder. Um Lyrik (und anderes) populärer zu machen, sie wieder in der Mitte einer Gesellschaft zu verankern, müsste man wohl anders sozialisiert werden. Der Literatur müsste im Schulunterricht viel mehr Platz eingeräumt werden; Kunst und Kreativität müssten einen höreren Stellenwert als etwa Wirtschaft aufweisen; Kinder müssten in einer Art und Weise gefördert werden, dass Lyrik (bzw. das Musische im Allgemeinen) für sie zu einer Selbstverständlichkeit wird. Ja zu etwas Identitätsstiftendem. Will das unsere (politische) Gesellschaft? Nein, offenbar nicht. Und bis deutlich andere Schwerpunkte und Anreize geschaffen werden, wird die Literatur/Lyrik ein Minderheitenprogramm bleiben.

An anderer Stelle heißt es „früher vermochte Poesie noch alles und heute vermag sie nichts“. Wie siehst du den Stellenwert, der Lyrik heute beigemessen wird, im Vergleich zu früher?  

Ich will ganz bestimmt nicht behaupten, dass früher alles besser war, doch gab es schon Zeiten, wo der Literatur/Lyrik ein größerer Stellenwert eingeräumt wurde, man denke etwa an die alten Griechen zurück. Oder auch das Lyrikverständnis in der viktorianischen Zeit bzw. diverse Literaturgruppen und Manifeste im zwanzigste Jahrhundert. Heute werden Gedichtbände kaum noch von der Kritik wahrgenommen, sie werden in der Regel von engangierten und sich aufopfernden VerlegerInnen publiziert, denen ein Erscheinen am Herzen liegt– aber allen ist klar, dass kaum LeserInnen (Auflage!) erreicht werden, oder die Titel gar flächendeckend in großen Buchhandlungen erhältlich sind. Und – in Ländern wie Österreich – indirekt auch subventioniert werden müssen (über die Verlagsförderung). So lange nicht jede/r BürgerIn mindestens fünfzig Gedichtbände pro Jahr kauft und liest, wird sich daran nichts ändern.

Dein Plädoyer wurde von zwölf Autorinnen und Autoren weitergesponnen. Dabei stehen die Texte im Vordergrund, die alleine stehen, ohne Autor*innennamen. Warum habt ihr euch für diese Art der anonymen Darstellung entschieden?

Der Text hat meines Erachtens durchaus etwas von einem Manifest; alles in diesem Buch gehört allen, daher wollten wir auch nicht mehr explizit kennzeichnen, von wem genau was ist – das Projekt war schließlich nie als Anthologie gedacht. Und ja, es ist ein Experiment. Und ja, ich mag es gerne weiterspinnen – LiteratInnen sollten regelmäßiger zusammenarbeiten (wie etwa DrehbuchautorInnen).

Von insgesamt neunundachtzig Blickwinkeln wird betrachtet, was Poesie nicht kann. Nun drängt sich natürlich die gegenteilige Frage auf: Was kann Lyrik, was Prosa nicht kann? 

Das kann ich sofort sagen: Lyrik ist in der Lage, unser Sprachbewusstsein zu verändern, sie bringt Innovationen (etwa Neologismen, Metaphern etc.) mit sich. Und sie schafft es wie kein anderes Genre, mit wenigen Worten etwas Wesentliches zu thematisieren. Natürlich verrätselt sie, ist bisweilen hermetisch, sie erschließt sich einem nicht immer auf den ersten Blick, doch muss das so sein. Ein Gedicht ist nichts, das man konsumiert. Ein Gedicht ist etwas Symbiotisches – nur der/die LeserIn kann es zum Leben erwecken.


Michael Stavarič, geboren 1972 in Brno, lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer und Dozent in Wien. Zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, u. a.: LeseLenz-Preis für Junge Literatur, Adelbert-Chamisso-Preis, Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, Kinderbuchpreis der Stadt Wien, German Design Award, Literaturpreis Wartholz, Hohenemser Literaturpreis. Lehraufträge, u. a.: Stefan Zweig Poetikdozentur an der Universität Salzburg, Literaturseminare an den Universitäten Bamberg, Wien, München, Rutgers, New York. Aktuelle Publikationen: »Fremdes Licht«, »Balthasar Blutberg«, »Die Menschenscheuche«.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s