Dieses Prinzip, dass in der literarischen Welt andere und für den Protagonisten undurchsichtige Gesetze gelten, fasziniert mich sehr

Simon Sailer, frischgebackener Clemens-Brentano-Preisträger und Meister doppelbödiger Erzählungen hat mit Das Salzfass eine weitere schaurig schöne Novelle vorgelegt – nach seiner im Vorjahr erschienenen Erzählung Die Schrift der zweite Teil seiner „Essiggassen-Trilogie“. Im Interview erzählt er von seiner Freunde am Irrationalen und gibt Einblicke in den Entstehungsprozess seiner Bücher.

Wie bereits Die Schrift ist auch Das Salzfass eine Erzählung, in der es zu scheinbar unerklärlichen, unheimlichen Vorfällen kommt. Könnte man sagen, dass es dir Spaß macht mit spekulativen Schauerelementen zu arbeiten? 

Ja, es macht mir wirklich Spaß. Obwohl mich das Unheimliche dabei weniger interessiert, es geht mir eher darum, etwas zu verrücken – die Oberfläche nicht realistisch darzustellen, um eine andere Ebene, sagen wir eine irrationale Schicht, besser erzählen zu können. Bei den Novellen („Die Schrift“ und „Das Salzfass“ sind ja Teil einer Novellentrilogie mit dem inoffiziellen Titel „Essiggasse“) kommt noch dazu, dass ich in jeder eine Gefühlslage des Lebens unter den gegenwärtigen Verhältnissen greifbar machen wollte: Ausgliefertsein, Herrschaft der Dinge über die Menschen, Ersetzbarkeit.

Deine Geschichten wurden in einigen Kritiken als Hommage an Franz Kafka und Edgar Allan Poe bezeichnet. Haben dich diese Autoren tatsächlich inspiriert?

Kafka schon. Ich lese ihn gerne und immer wieder. Dieses Prinzip, dass in der literarischen Welt andere und für den Protagonisten undurchsichtige Gesetze gelten, fasziniert mich sehr. Außerdem liebe ich diese absurden Situation und die langen Dialoge (vor allem in den Romanen), in denen oft nicht ganz klar ist, worüber eigentlich gesprochen wird, obwohl die Sprache immer präzise und konkret ist. Poe kenne ich etwas, aber habe weniger an ihn gedacht, wie ich diese Novellen geschrieben habe. Schon eher an die russische Erzählliteratur, Turgenjew, Gogol, Dostojewski. Da gibt es ja auch regelmäßig ein unheimliches und unerklärliches Element.

Der Protagonist in „Die Schrift“ war Ägyptologe, in „Das Salzfass“ ist die Hauptfigur Antiquitätenhändler. Warum hast du dich für diese, vielleicht etwas ungewöhnlichen, Berufe entschieden?

In „Die Schrift“ wusste ich, dass jemand eine rätselhafte Botschaft erhält – und wer bietet sich mehr als Rezipient dafür an, als jemand, der sich mit Hieroglyphen und Schriftzeichen beschäftigt? In „Das Salzfass“ wusste ich auch schon, dass es ein störrisches, unverkäufliches Salzfass geben würde, da liegt der Antiquitätenhändler als dessen Counterpart nahe. Im Grunde – übrigens auch im letzten noch nicht erschienen Band – bestimmen die Objekte den Beruf der Hauptfigur.

Beim Lesen deiner Geschichten hat man das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen. Wie recherchierst du für deine Erzählungen?

Bevor ich beginne zu schreiben, lese ich mich nur ein wenig ins Thema ein, lasse mich von dem Stoff anregen. Manchmal stoße ich auf etwas, das mir gut gefällt, dann nehme ich mir vor, das zu verwenden. Ansonsten recherchiere ich während des Schreibens, wenn ein Problem auftaucht. Wenn zum Beispiel in einer Szene eine bestimmte ägyptische Schrift vorkommt, lese ich darüber, bis ich mich sicher genug fühle, weiterzuschreiben.

Gibt es schon Ideen für das nächste Buch?

Als nächstes erscheint der letzte Band der Essiggassen-Trilogie. Aber ich schreibe nebenbei durchgehend weiter, jeden Tag einige Seiten, also hat sich in meiner virtuellen Schublade inzwischen einiges angesammelt.


Simon Sailer wurde 1984 in Wien geboren, wo er nach Aufenthalten in Berlin, Prag und Paris wieder lebt. Er studierte Philosophie in Wien und Paris sowie Art and Science an der Universität für Angewandte Kunst Wien. 2019 erschien sein Debütroman „Menschenfisch“ im Verlag Müry-Salzmann, 2020 seine Erzählung „Die Schrift“ und im Februar 2021 seine Erzählung „Das Salzfass“ (beides in der Edition Atelier).

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