„You are, what you pretend to be“: Sandra Gugićs Zorn und Stille

REZENSION Barbara E. Seidl 17. Oktober 2020

Barbara E. Seidl ist freie Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Trainerin für Deutsch und Englisch als Fremdsprache.

Heimat ist ein Begriff, der sehr unterschiedliche Bedeutungen annehmen kann. Für die einen sind Wurzeln ein wichtiger Teil der Identität, andere möchten sich nicht auf einen Ort festlegen und verbinden den Begriff vielleicht eher mit Menschen, die in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielen.

In Sandra Gugićs Roman Zorn und Stille zeigt sich die Sehnsucht nach Heimat anhand des Bemühens, die Welt und den eigenen Platz darin zu verstehen. Der Roman erzählt von Familie Banadinović. Die Eltern, Azra und Sima, kamen zu Beginn der 1980er Jahre aus Serbien nach Wien, in der Hoffnung ihren Kindern ein besseres Leben zu schaffen. Doch die Kinder suchen nach anderen Wegen, als jene die ihre Eltern für sie erträumen. Biljana, die ruhige brave Tochter, verlässt mit sechzehn die elterliche Wohnung und bricht den Kontakt mit der Familie ab. Sie wird Billy Bana, eine erfolgreiche Fotografin, die gleich einer modernen Nomadin die Welt bereist. Jonas Neven, ihr kleiner Bruder, möchte die alte Heimat seiner Eltern kennenlernen und verschwindet spurlos.

Die Leser*innen begegnen Azra, Sima, Billy und Jonas Neven auf Etappen ihrer Reisen. Die Fragmente, aus denen sich schließlich ein Bild zusammenfügt, gleichen Fotos aus einem Familienalbum. Da sind die Eltern als glückliches junges Paar auf ihrer ersten Reise nach Wien, auf einem anderen Foto die Kinder Hand in Hand vor dem ersten Familienauto. „The problem starts when you stop taking pictures,“ erinnert Ira Goldfarb ihre Freundin Billy, als diese zur Beerdigung ihres Vaters zurück nach Serbien reist. Doch Billy lässt alle Motive an sich vorüberziehen.

Zorn und Stille zeigt Risse auf, die auch durch die Erwartungen von außen entstanden sind. „Seid ihr Serben oder Kroaten?“ schreit ein anonymer Anrufer der fünfzehnjährigen Billy am Telefon ins Ohr, die sich weder als das eine noch als das andere versteht. Frustriert von der Enttäuschung in der alten und den Hindernissen in der neuen Heimat, fühlen sich auch die Eltern bald in den eigenen beengenden vier Wänden nicht mehr wohl.

Sandra Gugić, geboren 1976 in Wien, ist eine österreichische Autorin serbischer Herkunft. 2009 begann sie zu schreiben. Sie studierte an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. 2012 gewann sie den Open Mike. Ihr erster Roman Astronauten (C.H. Beck) erschien 2015 und erhielt den Reinhard-Priessnitz-Preis. 2019 erschien ihr Lyrikdebüt Protokolle der Gegenwart im Verlagshaus Berlin. Zuletzt wurden ihr das Stipendium des Berliner Senats und das Heinrich-Heine-Stipendium zugesprochen. Sandra Gugić lebt als freie Autorin mit ihrer Familie in Berlin.

Sandra Gugićs Zorn und Stille ist ein Roman, der viele Fragen stellt. Dabei beleuchtet die Autorin die Thematik der Selbstfindung nicht nur aus verschiedenen Erzählperspektiven einer zerbrochenen Familie, sondern reflektiert indirekt auch die Nachwirkungen des Jugoslawien-Kriegs. Ein vielschichtiges Buch, das letztlich auch Mut macht. Schließlich kann jede und jeder versuchen, sich immer wieder neu zu erfinden.


Das Buch:

Sandra Gugić: Zorn und Stille. Hoffman und Campe, 240 Seiten, 24,90 Euro

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