Schreiben heißt Fragen zu stellen

INTERVIEW, 21. Oktober 2020

In ihrem neuen Roman, Zorn und Stille, erzählt Sandra Gugić von einer serbisch-österreichischen Familie, die an den Nachwirkungen des Jugoslawien-Kriegs sowie unter dem Druck der eigenen Erwartungen zerbricht. Im Interview macht sich die Autorin Gedanken zum Thema Identität und Selbstbestimmung und stellt die von ihr mitbegründete Initiative WRITING WITH CARE / WRITING WITH RAGE vor, die dem Thema Schreiben und Elternschaft eine größere gesellschaftspolitische Aufmerksamkeit verschaffen möchte.

„You are what you pretend to be. So be careful what you pretend to be.“

aus Sandra Gugić, Zorn und Stille (Hoffmann und Campe 2020)

Billy Bana, die Protagonistin in Zorn und Stille, war in einem anderem Leben Biljana Banadinović. Können wir wirklich wählen, wer wir sind?

Einerseits ist da die Prägung, die wir dadurch erfahren, wie – also in welchem gesellschaftlichen Umfeld, mit welchen Vorbildern etc. – wir aufwachsen. Dann begegnen uns im Laufe unseres Lebens Menschen, die uns beeinflussen oder an denen wir uns abstoßen. Der Zeitgeist beeinflusst uns ebenso wie die Freiheiten die wir erfahren und die Grenzen, an die wir stoßen. Was macht das mit uns? Aber wir entscheiden uns auch bewusst für und gegen Dinge, Menschen, Orte. Wir wählen und werden gewählt – und wir können immer wieder neu ansetzen, neu anfangen.

Billy Bana hat sich definitiv neu erfunden und doch holt die Vergangenheit sie wieder ein. Aber was macht sie daraus? Welche Lösung findet sie für sich? Das erfährt die Leser*in dann im Roman.

Ich persönlich habe manchmal den Eindruck, dass der Drang zur Selbstdefinition zu einem großen Teil fremdbestimmt ist. Auch in Zorn und Stille wird dieser Druck von außen angesprochen („Seid ihr Serben oder Kroaten?“) Wie sehen Sie das?

Es gibt einen inneren Drang, sich zu definieren, das sieht man schon bei kleinen Kindern. Wer oder was bin ich in dieser Welt? Was will ich sein? Ebenso gibt es frühe Zuschreibungen, Schubladen, gegen die ein Mensch sich wehren muss. Ohne ein Gegenüber würden wir uns viele Fragen nicht stellen aber sich diese Fragen zu stellen und sich auf die Suche nach dem eigenen Ich zu machen, ist ja auch unglaublich spannend. 

In Bezug auf die Textstelle im Roman – Seid ihr Serben oder Kroaten? –geht es ja um die Frage nach Freund oder Feind, um nationalistisches Denken. Eine Frage, die im Bürgerkriegsszenario des zerfallenden Jugoslawien wurzelt und ihren Weg bis ins vermeintlich sichere Wien findet. Was/wen schließt unsere Gesellschaft ein und was/wen aus? Wer steht in der sogenannten „Mitte“ der Gesellschaft und wer am Rand? Und was sagt es über uns als Gesellschaft aus, wenn wir Veränderung nicht annehmen, unser genormtes Denken nicht überwinden können?

In einem Interview haben Sie gemeint, dass Sie in ihren Texten Fragen stellen. Wie könnte man Zorn und Stille anhand einer zentralen Frage zusammenfassen?

Eine ganz zentrale Frage ist schwierig zu fassen, es geht ja auch um die Sehnsüchte und Fragen von vier Figuren, die in unterschiedliche Richtungen ziehen. Aber was sowohl die Eltern als auch Billy und ihren Bruder Jonas Neven verbindet sind wahrscheinlich die Fragen: 

Wovon träumen wir? Und mit welchem Recht?

und 

Können wir uns selbst neu erfinden? Und wenn ja, um welchen Preis?

Auch die Frage nach der Möglichkeit von alternativen Gesellschaftsformen und neuen Familienkonstrukten spielt eine Rolle.

Billy Bana ist Fotografin. An einer Stelle meint sie, dass sie mit Fotografie mehr aussagen kann, durch Text. Wie man auf Ihrer Webseite erfährt, fotografieren Sie selbst auch gerne. Was kann Fotografie, was Text nicht kann?

Fotografie und Text sind sehr gut korrespondierende Medien, die aber unterschiedliche Wege gehen. Sie wählen Perspektive, Form, Technik, mit Licht und Schatten, mit Auslassungen und Leerstellen. Fotografie ist dabei wahrscheinlich unmittelbarer.

Der Roman beschäftigt sich nicht zuletzt auch mit dem Stellenwert von Familie. Betrachtet man die österreichische Literaturlandschaft, so fällt auf, dass das Thema Familie in Texten zwar ein sehr wichtiges Thema ist, der Literaturbetrieb aber andererseits nur wenig familienfreundlich ist. Nun haben Sie mit Kolleginnen die Initiative „Writing with care/writing with rage“ ins Leben gerufen. Worum geht es da?

WRITING WITH CARE / WRITING WITH RAGE ist ein Kollektiv aus Schreibenden, das über die scheinbar unvereinbaren Gegenpole von künstlerischer Arbeit und Care Arbeit nachdenkt und die Frage nach der gerechteren Verteilung von CARE/Sorgearbeit mit RAGE/dem nötigen Zorn verbindet. Als vielstimmiges Kollektiv sprechen wir aus unterschiedlichen Perspektiven, die über die Erfahrung biologischer Elternschaft hinausreichen. 

Die Arbeit im Kollektiv ermöglicht es, Kräfte zu bündeln und Kompliz*innenschaften zu bilden.

Schon als Mitbegründerin und Teil des Kollektivs gegen Rechts „Nazis und Goldmund“ (2016 bis 2019) konnte ich in dieser Hinsicht gute Erfahrungen sammeln und mein Schreiben über die eigenen Texte hinaus mit politischem Engagement verbinden.

Das Ziel von WRITING WITH CARE / WRITING WITH RAGE ist es, diesem Feld gesellschaftspolitisch größere Aufmerksamkeit zu verschaffen und Veränderungen – unter anderem in der literarischen Förderlandschaft – anzustoßen.

Wir sind eine – oberflächlich betrachtet – recht homogene Gruppe (mehrheitlich weiß, cis, hetero), doch haben wir bei aller geteilten Erfahrung einen unterschiedlichen Erfahrungshorizont und einen singulären Blick auf den Komplex von Schreiben und Mutterschaft. Es gibt eben nicht eine Geschichte zu erzählen, sondern noch unendlich viele. Wir begreifen uns nicht als geschlossene Gesellschaft. Und wir fangen gerade erst an.

Unter dem Titel FRAGMENT EINS ist ein Kollektivtext in der aktuellen Edit N. 81 erschienen. In diesem Text wird auf vielstimmige Weise verhandelt, was es bedeutet, jeden Tag aufs Neue zu versuchen, künstlerische Arbeit mit Care-Arbeit zu vereinbaren.


Sandra Gugić, *1976 in Wien, ist eine österreichische Autorin serbischer Herkunft. 2009 begann sie zu schreiben. Sie studierte an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, Arbeiten für Theater und Film. Sie schreibt Prosa, Lyrik, Dramatik und Essays. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. 

Für ihren Debütroman Astronauten (C.H. Beck, 2015) erhielt sie den Reinhard-Priessnitz-Preis und die Prämie des österr. Bundeskanzleramts.

Sie ist Mitbegründerin von Nazis & Goldmund, Autor*innenallianz gegen die europäische Rechte, und war mitverantwortlich für die künstlerische Leitung der Literaturkonferenz Ängst is now a Weltanschauung 2018 in Berlin.

2019 erschien ihr Lyrikdebüt Protokolle der Gegenwart im Verlagshaus Berlin. 

Zuletzt wurden ihr das Stipendium des Berliner Senats und das Heinrich-Heine-Stipendium zugesprochen. Ihr zweiter Roman Zorn und Stille erschien im August 2020 bei Hoffmann und Campe.

Sandra Gugić lebt als freie Autorin mit ihrer Familie in Berlin.

www.sandragugic.com

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