Dirndlpower: Helena Adlers Die Infantin trägt den Scheitel links

REZENSION, B.E. Seidl, 13. August 2020

Barbara E. Seidl ist freie Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Trainerin für Deutsch und Englisch als Fremdsprache.

Man stelle sich einen idyllischen Bauernhof in der Nähe von Salzburg vor. Urgroßeltern, Eltern und drei Töchter sitzen bei Tisch und essen schwarze Regensuppe zum Nachtmahl. Fast wie ein animiertes Gemälde von Peter Bruegel. Oder etwa doch nicht?

Die Gummistiefel trotzig in den Gatsch stampfend, packt die Erzählerin die Leser*innen wie ein Wirbelwind und entführt sie auf ein fast schon fantastisch anmutendes Abenteuer durch ihre Welt. In dieser Welt wird alles lebendig und ausgeschmückt mit Hilfe kindlicher Fantasie: Kühe brüllen zum Rosenkranz, die Familie wird zu einer Herde tierischer Ungeheuer. Auf der Flucht vor den sadistischen älteren Zwillingsschwestern und der bigotten Mutter kann es schon mal passieren, dass die Satansbrut, wie sie im Dorf genannt wird, unabsichtlich den Hof abfackelt. Und auch sonst weiß sich die Infantin gegen alle Bedrohungen zu wehren, die ihr, wie es bei guten Heldengeschichten nun mal so ist, in den Weg gestellt werden.

Helena Adlers Die Infantin trägt den Scheitel links ist eine Coming-of-Age Geschichte der etwas anderen Art. Mit Sätzen, die beinahe überquellen an Wortwitz und Einfallsreichtum, wühlt die Autorin jede Bauernromantik auf wie ein Pflug. Das Leben am Land ist kein Honiglecken. Der Vater träumt vom Biobauernhof und versäuft sein Geld bei nächtlichen Streifzügen in Spelunken. Die Mutter tobt. Und dann sind da auch noch die höllischen Schwestern, ein gnadenloser Jäger, gefährliche Freunde und ein unwiderstehlicher Cousin. Gespickt mit einer Vielzahl an karikaturhaften Charakteren, zwingt die Autorin ihre Leser*innen, dem dörflichen Alltag ins unschöne Glotzauge zu schauen. „Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd‘, weil der Teifi net aufkimmt,“ steht auf dem Lieblingshäferl des Urgroßvaters. Tatsächlich wähnt man sich zwischen der zum Folterzimmer umfunktionierten Selchkammer und den Experimenten der Dorfjugend mit Drogen und inzestuösem Sex in einem alpinen Sodom und Gomorra.

Die Infantin trägt den Scheitel links ist ein schrilles, rotzfreches Sittenbild, das mit Augenzwickern deixhaft überzeichnet. Es ist aber auch die Geschichte eines starken unabhängigen Mädchens, das sich nicht unterkriegen lässt, selbst wenn es das Schicksal immer wieder an den Zöpfen zieht. Nicht zuletzt auf Grund seiner an Kreativität schwer zu übertreffenden Sprachbilder bietet der Roman einen Unterhaltungswert, der auch nach mehrmaligem Lesen nicht verloren geht.

Foto: Eva Trifft

Helena Adler, geboren 1983 in einem Opel Kadett. Studium der Malerei am Mozarteum sowie Psychologie und Philosophie an der Universität Salzburg. Diverse Ausstellungen und Kunstaktionen, Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Adler lebt als Autorin und Künstlerin in der Nähe von Salzburg.


Das Buch:

Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links, Roman, Jung & Jung, 176 Seiten, € 20.-

www.jungundjung.at

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s