Das Schweigen zur Sprache bringen: Katherina Braschels Heim holen

REZENSION und PODCAST Barbara E. Seidl-Reutz 6. März 2026

Katherina Braschels Roman Heim holen beginnt mit einem Moment, der zunächst unscheinbar wirkt und doch alles verschiebt. In einem Gespräch mit ihrer Mutter erfährt die Protagonistin Lina, dass ihr Großvater bei der SS war. Die Information fällt nebenbei. Für Lina wird sie zum Ausgangspunkt einer Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte, in kollektiven Erinnerungen und in dem, was sie bisher für selbstverständlich gehalten hat.

Aufgewachsen ist Lina in einer Gemeinschaft der Donauschwaben in Österreich. Feste, Bräuche und Vereine prägen diese Welt ebenso wie eine bestimmte Erzählung über die Vergangenheit: die Geschichte von Flucht, Vertreibung und Verlust der Heimat. Diese Perspektive ist real und historisch begründet. Doch sie ist unvollständig, wenn sie allein stehen bleibt. Lina beginnt zu fragen, was in dieser Geschichte fehlt und wer darüber gesprochen hat – oder eben nicht.

Katherina Braschel erzählt diesen Prozess ohne Pathos. Linas Recherche führt sie zu Dokumenten, Gesprächen und Erinnerungen, die sich widersprechen oder unvollständig bleiben. Die Figur des Großvaters steht dabei weniger als Einzelperson im Zentrum als vielmehr als Teil einer größeren Struktur. Der Roman richtet den Blick auf eine Gemeinschaft, die über ihre eigenen Erfahrungen gesprochen hat, während andere Aspekte der Vergangenheit kaum Platz fanden.

Katherina Braschel, Heim holen. Residenz Verlag, 2026. 272 Seiten.

Interessant ist dabei auch Linas eigene Position. Sie versteht sich als politisch interessierte und informierte Person. Umso irritierender ist für sie die Erkenntnis, dass es in der eigenen Familiengeschichte eine Lücke gibt, die sie lange nicht hinterfragt hat. Der Roman zeigt damit eine Erfahrung, die viele Menschen der Enkelgeneration kennen: Das Gefühl, spät zu begreifen, dass bestimmte Fragen nie gestellt wurden. Diese Auseinandersetzung verändert den Blick auf die Familie. Erinnerungen an die Großeltern bleiben bestehen. Erinnerungen an Nähe und Fürsorge. Gleichzeitig tritt eine Vergangenheit hervor, die nicht zu diesen Bildern passt. Heim holen interessiert sich genau für dieses Nebeneinander. Menschen können liebevolle Großeltern sein und zugleich Teil einer Geschichte, die weit über die private Familie hinausreicht.

Neben dieser historischen Ebene verankert der Roman seine Figuren fest in der Gegenwart. Freundschaften spielen eine wichtige Rolle, ebenso Fragen nach Zugehörigkeit und danach, wo ein Gefühl von Zuhause entstehen kann. Gleichzeitig zeigt die Autorin die alltäglichen Anforderungen der Care-Arbeit und die Doppelbelastung vieler Menschen, insbesondere vieler Frauen. Arbeit, politische Überzeugungen, Beziehungen und familiäre Verantwortung stehen oft gleichzeitig im Raum und müssen miteinander vereinbart werden. Der Titel Heim holen trägt diese Spannungen bereits in sich. Er erinnert an das Zurückholen von etwas Verlorenem, aber auch an das Hervorholen von Vergangenem. Was lange verdrängt wurde, taucht wieder auf und verlangt Aufmerksamkeit.

Am Ende steht keine einfache Auflösung. Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Auch die Herkunft nicht. Einfluss haben wir auf die Art, wie wir mit ihr umgehen. Wir können Fragen stellen, Verantwortung anerkennen und die eigene Geschichte um jene Teile erweitern, die lange gefehlt haben. Heim holen zeigt, dass genau darin eine Aufgabe der Gegenwart liegt. Die Geschichten bleiben dieselben. Aber die Weise, wie wir sie erzählen, kann sich verändern.

Im Podcast Gespräch spricht Katherina Braschel über ihren Debütroman Heim holen, erschienen im Februar 2026 im Residenz Verlag. Im Zentrum des Gesprächs stehen die Geschichte der Donauschwaben, Erfahrungen von Vertreibung sowie eine SS-Vergangenheit innerhalb der Familie. Katherina Braschel erzählt davon, wie Vergangenheit literarisch verhandelt werden kann, wie sich Schuld und Verantwortung benennen lassen und was es bedeutet, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Darüber hinaus geht es um den Literaturbetrieb: um Sichtbarkeit, Erwartungen, Konkurrenz und die Realität des Schreibens als Autorin heute.

Katherina Braschel, geboren 1992 in Salzburg, studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien. Sie lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin in Wien. Neben ihrer literarischen Arbeit ist sie als Kulturveranstalterin tätig, Redaktionsmitglied zweier Literaturzeitschriften und gibt Schreibworkshops.
2024 war sie Writer-in-Residence der Max Kade Foundation an der Bowling Green State University in Ohio (USA). Katherina Braschel erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, darunter den Förderpreis der Rauriser Literaturtage (2019), den WORTMELDUNGEN-Förderpreis (2019) sowie den Limburg-Preis (2022). 2020 erschien ihr experimenteller Band es fehlt viel. Heim holen, 2026 im Residenz Verlag erschienen, ist ihr erster Roman.


Katherina Braschel’s novel Heim holen begins with a moment that at first seems inconspicuous and yet shifts everything. In a conversation with her mother, the protagonist Lina learns that her grandfather had been in the SS. The information is mentioned in passing. For Lina, it becomes the starting point for a search for traces in her own family history, in collective memories, and in what she has long taken for granted.

Lina grew up in a community of Danube Swabians in Austria. Festivals, customs, and associations shape this world, as does a particular narrative about the past: the story of flight, expulsion, and the loss of homeland. This perspective is real and historically grounded. Yet it remains incomplete if it stands alone. Lina begins to ask what is missing from this story and who has spoken about it—or not. Katherina Braschel tells this process without pathos. Lina’s research leads her to documents, conversations, and memories that contradict one another or remain incomplete. The figure of the grandfather stands less at the center as an individual person than as part of a larger structure. The novel turns its attention to a community that has spoken about its own experiences, while other aspects of the past have found little space.

Lina’s own position is also interesting. She sees herself as a politically interested and informed person. All the more unsettling for her is the realization that there is a gap in her own family history that she has not questioned for a long time. In this way, the novel captures an experience familiar to many people of the grandchildren’s generation: the feeling of realizing late that certain questions were never asked. This confrontation changes the way Lina looks at her family. Memories of her grandparents remain. Memories of closeness and care. At the same time, a past emerges that does not fit these images. Heim holen is interested precisely in this coexistence. People can be loving grandparents and at the same time part of a history that extends far beyond the private family.

Alongside this historical dimension, the novel firmly situates its characters in the present. Friendships play an important role, as do questions of belonging and of where a sense of home can emerge. At the same time, the author shows the everyday demands of care work and the double burden carried by many people, especially many women. Work, political convictions, relationships, and family responsibilities often arise at the same time and must be reconciled with one another. The title Heim holen already contains these tensions. It evokes the bringing back of something lost, but also the bringing to light of something from the past. What has long been suppressed resurfaces and demands attention.

In the end, there is no simple resolution. The past cannot be changed. Neither can one’s origins. What we can influence is how we deal with them. We can ask questions, acknowledge responsibility, and expand our own story to include those parts that have long been missing. Heim holen shows that this is precisely a task of the present. The stories remain the same. But the way we tell them can change.


Katherina Braschel, born in Salzburg in 1992, studied Theatre, Film and Media Studies at the University of Vienna. She lives and works in Vienna as a freelance writer. Alongside her literary work, she is active as a cultural organiser, serves on the editorial boards of two literary magazines, and leads writing workshops. In 2024 she was Writer-in-Residence of the Max Kade Foundation at Bowling Green State University in Ohio (USA). Katherina Braschel has received numerous prizes and scholarships, including the Förderpreis of the Rauris Literature Days (2019), the WORTMELDUNGEN Förderpreis (2019), and the Limburg Prize (2022). Her experimental volume es fehlt viel was published in 2020. Heim holen, published by Residenz Verlag in 2026, is her first novel.

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