Abenteuer Sprache: Im Gespräch mit Clemens Setz

REZENSION UND PODCAST Barbara E. Seidl, 24. Februar 2021

Während viele Clemens J. Setz als Sprachkünstler kennen, wussten bisher nur wenige um seine Liebe zu Kunstsprachen. In Die Bienen und das Unsichtbare nimmt er seine Leser*innen mit auf die Reise durch eine Welt der Plan- und Symbolsprachen und gibt dabei auch Einblicke in ganz persönliche, schwierige Etappen seines Lebens.

Ein zum Sprechen anhebender Mensch hat, so scheint es, etwas Magisches. Dieses Magische aber verwandelt sich schnell in tragische Verwunschenheit, ja mitunter sogar in einen Fluch, wenn der Betreffende irgendwo ganz für sich allein mit Wörtern im Gehirn hantiert, ohne Aussicht auf einen ihm verständnisvoll lauschenden Mitmenschen, der dieselbe Sprache spricht.

Die Bienen und das Unsichtbare (Suhrkamp 2020)

Es gibt Momente im Leben, die uns sprachlos machen. So sehr wir uns auch anstrengen, wir finden einfach nicht die richtigen Worte. Diese Sprachlosigkeit kann viele verschiedene Auslöser haben. Manchmal ist sie bedingt durch körperliche Beeinträchtigung, oder hat psychische Ursachen. Dann wieder gibt es auch Emotionen oder Erfahrungen, für die sich in der eigenen Sprache kein geeigneter Ausdruck findet. Dies alles ist mit ein Grund, warum sich viele Menschen bemühen, ihren Horizont mit Hilfe anderer Sprachen zu erweitern. Manche von ihnen gehen sogar so weit, eine neue Sprache zu erfinden.

Das Buch:

Clemens J. Setz, Die Bienen und das Unsichtbare. Suhrkamp 2020, 416 Seiten, € 24,70

In Die Bienen und das Unsichtbare teil Clemens J. Setz seine Erfahrungen mit diesen erfundenen Sprachen – Plansprachen, oder Kunstsprachen, wie sie auch genannt werden. Dutzende von ihnen hat der Autor bereits studiert und ausprobiert, viele davon, wie er zugibt, mittlerweile auch wieder vergessen. Zu viele Sprachen gibt es zu entdecken. Denn Sprachen wollen gepflegt werden und bleiben nur dann dauerhaft präsent, wenn sie mit der eigenen Lebenswelt verknüpft sind. Umso schlimmer ist es, wenn niemand anderer da ist, der die gleiche Sprache spricht, wie etwa im Fall eines Aboriginal-Mannes, der der letzte Sprecher seiner Sprache war.

Die Gründe warum Menschen eine Plansprache erfinden sind ebenso unterschiedlich, wie der Erfolg, der diesen Kunstsprachen letztendlich zuteil wird. So steht etwa hinter Charles Bliss‘ Symbolsprache die Suche nach „reiner Bedeutung“ und dabei gleichzeitig der Wunsch nach Befreiung vom „hinterlistigen Spiel der Wörter“, den Stimmsprachen, denen Bliss die Schuld an zwischenstaatlichen Missverständnissen gab. Auch wenn sich zunächst kaum jemand für Bliss‘ friedensstiftende Absichten interessierte, ermöglichte es die von ihm erfundene Sprache Kindern mit körperlicher Beeinträchtigung, sich zum ersten Mal auszudrücken. Der Sprache Láadan, die von der Autorin Suzette Haden Elgin erfunden wurde, liegt wiederum der Wunsch nach einer spezifisch weiblichen Sicht auf die Welt zugrunde. Dass Kunstsprachen auch durchaus politisch sein können, zeigt Setz am Beispiel von Talossa, der Plansprache des gleichnamigen Königreichs, das ein Teenager 1979 in seinem Schlafzimmer ausrief. Auch wenn die Mikronation Talossa zunächst nur durch Mundpropaganda bekannt war und später online zu einer größeren (virtuellen) Community weiterwuchs, kam es, wie Setz beschreibt, schließlich zu Sezessionskriegen und einer Entthronung des Kaisers, dem Gründer Robert Ben Madison I.

Neben den teilweise äußerst kuriosen Geschichten rund um Plansprachen zeigt sich, dass der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten oft auch existenzielle Krisen zu Grunde liegen. Diese Vermengung von Sprach(er)findung und persönlichen Lebensumständen ist auch der Anknüpfungspunkt für Setz‘ autobiografische Notizen aus einer Zeit, als der Autor in einer „entsetzlichen“ Krise steckte. Auch hier würde die zur Verfügung stehende Sprache nicht ausreichen, um das damals Empfundene nachzuerzählen, stattdessen zitiert Setz „großzügig“ aus alten Tagebüchern und entdeckt dabei Parallelen zu den spontanen Worterfindungen anderer, die aus der Krise heraus mit neuen Ausdrucksmitteln experimentierten.

Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren, wo er Mathematik sowie Germanistik studierte und heute als Übersetzer und freier Schriftsteller lebt. 2011 wurde er für seinen Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Sein Roman Indigo stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2012 und wurde mit dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2013 ausgezeichnet. 2014 erschien sein erster Gedichtband Die Vogelstraußtrompete. Für seinen Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre erhielt Setz den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2015. Mit Vereinte Nationen war Setz 2017 und mit Die Abweichungen 2019 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Sein neues Buch Die Bienen und das Unsichtbare erscheint im Oktober 2020.

Clemens J. Setz‘ Die Bienen und das Unsichtbare ist ein ganz besonderes Buch, eine Liebeserklärung an die unendlichen Möglichkeiten der menschlichen Sprache. Von der ersten Seite an, infiziert der Autor die Leser*innen mit seiner Faszination für Sprache, nimmt sie mit auf eine abenteuerliche Reise durch die Welt der Kunstsprachen, und bleibt dabei trotz eines Schwalls an detailliert recherchierten Informationen dennoch immer seinem auf schräge Art sehr unterhaltsamen Erzählstil treu.

Die Bienen und das Unsichtbare ist ein informatives und dabei gleichzeitig auch sehr persönliches Werk, das nicht nur Lust macht, neue Sprachen zu entdecken, sondern auch dazu inspiriert, über sich selbst und den eigenen Sprachgebrauch zu reflektieren.

Im Interview für Das Litrophon spricht der Autor über mögliche Erfolgsrezepte von Plansprachen, seine eigenen Erfahrungen beim Ausprobieren verschiedener Sprachen und die verletzende Wirkung von Sprache in der Literaturkritik .

Übrigens: Das Litrophon gibt es auch als Abo, auf Spotify und Apple Podcast!


Barbara E. Seidl ist freie Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Trainerin für Deutsch und Englisch als Fremdsprache.

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