Heimat ist dort, wo man sich an alles erinnert. Markus Köhle: Das Dorf ist wie das Internet, es vergisst nichts.

REZENSION Barbara Seidl-Reutz 30. September 2027

Das Dorf und das Internet haben mehr gemeinsam, als einem lieb sein kann: Beide vergessen nichts, beide wissen alles und beide sind erstaunlich schnell dabei, aus Halbwissen Gewissheiten zu machen. Markus Köhle macht aus dieser hübsch-bösen Beobachtung einen Roman über Herkunft, Provinz und die Schwierigkeit, von zu Hause wegzukommen, ohne es ständig mitzuschleppen.

Sein Protagonist Lukas, freiberuflicher Texter und Autor, stammt aus dem Tiroler Nassereith und reist mit der Bahn durch Österreich. Viel Bewegung also, nur führt sie auffällig oft zurück. Spätestens als der Bürgermeister des Heimatortes einen Literaturpreis in Aussicht stellt, nicht ganz ohne Erwartungen an eine freundliche Darstellung der Gemeinde, wird klar: Heimat ist bei Köhle weniger ein Ort als eine offene Rechnung.

Der Speisewagen wird dabei zum Österreich im Kleinformat. Hier wird geredet, gestritten, erinnert und beobachtet. Köhle lässt Stadt und Land, Vergangenheit und Gegenwart, Selbstbild und Fremdbild aufeinanderprallen und streift dabei Pflegearbeit, prekäre Existenzen und gesellschaftliche Befindlichkeiten. Das klingt nach schwerem Gepäck, reist bei ihm aber vergleichsweise leicht.

Denn Köhle ist Poetry-Slammer, und das merkt man beinahe jeder Seite an. Er liebt Wortspiele, Sprachverdrehungen, Dialekt und Pointen. Gelegentlich vielleicht so sehr, dass der Kalauer schon am Bahnsteig wartet, bevor der Gedanke eingefahren ist. Diese Lust am sprachlichen Überschuss gibt dem Roman seinen eigentümlichen Takt.

Das Dorf ist wie das Internet, es vergisst nichts ist deshalb kein Heimatroman im gemütlichen Sinn. Köhle schreibt über jene ambivalente Form von Zugehörigkeit, bei der man froh ist, weggekommen zu sein, und trotzdem nie ganz fortkommt. Man kann das Dorf verlassen. Aus seinem Gedächtnis löschen kann man es nicht.


Markus Köhle, geb. 1975 in Nassereith, Tirol, studierte Germanistik und Romanistik. Seit 2001 ist er literarisch, literaturkritisch, literaturwissenschaftlich und auch als Literaturveranstalter im In- und Ausland aktiv. Seit 2004 lebt und arbeitet er in Wien. Er ist Sprachinstallateur, Literaturzeitschriftenaktivist (www.dum.at) und Poetry Slammer der ersten Stunde.

Markus Köhle, Das Dorf ist wie das Internet, es vergisst nichts. Sonderzahl, 2023. 240 S.

Hinterlasse einen Kommentar