REZENSION Barbara E. Seidl-Reutz 30. Oktober 2026
Wien hat bekanntlich viele Unterwelten. Keller, Katakomben und Grüfte, alte Kanäle, zugeschüttete Gänge und vergessene Schächte. Eine ganze Stadt unter der Stadt, in der sich Geschichte und Geschichten ineinander verschlingen. Spätestens seit Orson Welles als Harry Lime in Der dritte Mann durch die Wiener Kanalisation flüchtete, gehört diese Unterwelt auch zur filmischen Mythologie der Stadt. Wer Sarah Wipauers Debütroman Fehlende Gespenster gelesen hat, verspürt jedenfalls den dringenden Wunsch, selbst einmal hinabzusteigen. Am liebsten gleich durch den nächsten Kanaldeckel. Oder bei einer jener touristischen Dritte-Mann-Touren einfach ausbüchsen und auf eigene Faust im Dunkeln verschwinden.
Denn das eigentlich Faszinierende an diesem Roman ist weniger das, was geschieht, als vielmehr der Ort, an dem es geschieht. Oder geschehen sein könnte. Wipauer entwirft ein unterirdisches Wien, das zugleich vertraut und vollkommen fremd erscheint, eine labyrinthische Gegenwelt aus Tunneln, Röhren, Schächten und stillgelegten Transportsystemen. Hier lagern nicht nur die materiellen Überreste vergangener Zeiten, sondern auch all jene Geschichten, die es nie ganz in die offizielle Geschichtsschreibung geschafft haben. Und einige, die vermutlich überhaupt nie stattgefunden haben.
Durch dieses Reich führt Merian, eine Fremdenführerin, die es mit der historischen Genauigkeit nicht allzu ernst nimmt. Einer kleinen Gruppe junger Männer erzählt sie von den Geheimnissen der Wiener Unterwelt, von merkwürdigen technischen Errungenschaften und längst vergessenen Projekten. Etwa von einer pneumatischen Rohrpost, die einst Leichen zum Zentralfriedhof transportiert haben soll. Dass zu den angeblichen Passagieren auch Niki Lauda zählt, dessen Todesdatum sich im Lauf der Erzählung mehrfach verschiebt, macht die Sache nicht unbedingt glaubwürdiger. Aber Glaubwürdigkeit ist hier ohnehin eine eher nebensächliche Angelegenheit.
Die Autorin verwebt historische Versatzstücke, technische Kuriositäten, urbane Legenden und frei erfundene Anekdoten zu einem dichten Geflecht, in dem die Grenze zwischen dokumentierter Vergangenheit und Fantasie zunehmend verschwimmt. Und wo ließe sich ein solches Spiel besser treiben als in Wien? Einer Stadt, die ihre Toten mit besonderer Hingabe pflegt, ihre Vergangenheit gerne konserviert und das Morbide längst zur touristischen Attraktion gemacht hat. Oberirdisch wird Geschichte ordentlich beschildert, restauriert und vermarktet. Unterirdisch darf sie noch wuchern, sich verzweigen und unkontrolliert vermehren. Hier unten gelten andere Gesetze. Die Stadt wird zum Speicher des Vergangenen, Verdrängten und Erfundenen, zu einem Ort, an dem auch das Unwahrscheinliche seine Berechtigung hat.
Allerdings hat die Lust am Verirren auch ihre Tücken. So faszinierend die Abschweifungen, Anekdoten und historischen Fantasien sind, so verliert die Rahmenhandlung, die sie zusammenhalten soll, gelegentlich etwas an Kontur. Die Konstellation der Fremdenführerin und ihrer Besucher bleibt mitunter rätselhaft, nicht jede Wendung erschließt sich unmittelbar. Diese Unübersichtlichkeit passt durchaus zum Prinzip des Romans, der seine Leser*innen lieber auf Umwege schickt, als ihnen einen geradlinigen Weg vorzugeben. Nicht immer geht dieses Spiel gleichermaßen auf, aber die Freude am Verirren überwiegt.
Und diese Lust am Abschweifen ist es auch, die Fehlende Gespenster zu einer so reizvollen Lektüre macht. Sarah Wipauer gelingt es, den Blick auf eine vermeintlich vertraute Stadt zu verändern. Plötzlich erscheint jeder Kanaldeckel als möglicher Eingang in eine andere Wirklichkeit, jeder unscheinbare Schacht als Zugang zu einer Geschichte, die noch nicht erzählt wurde. Der Wirklichkeit ist nach dieser Lektüre jedenfalls nicht mehr uneingeschränkt zu trauen.
Sarah Wipauer, geboren 1986 in Wien, Studium der Sinologie und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Universität Wien. 2009–2010 Studienaufenthalt an der Universität in Wuhan. Seit 2010 arbeitet sie in der StudienServiceStelle am Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie. Ihre Texte sind in Literaturzeitschriften und Anthologien erschienen. Sarah Wipauer hat zahlreiche Stipendien erhalten, u. a. war sie 2011 Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses, 2017 Finalistin beim 25. Open Mike, 2025 Finalistin des FM4-Wettbewerbs Wortlaut und hat 2019 beim Bachmann-Preis in Klagenfurt gelesen. „Fehlende Gespenster“ ist ihr erster Roman.