Ein Wort öffnet das nächste: Mathias Müllers Birnengasse

GASTREZENSION Astrid Nischkauer, 23. Februar 2022

Die Sprache von Mathias Müller im Band Birnengasse vermittelt eine ungeheure Leichtigkeit, aber nicht im Sinne von einfach, sondern eher von schwerelos schwebend. Mathias Müller zeichnet sich gerade durch große Genauigkeit und Ernsthaftigkeit im Umgang mit Sprache aus, tut das aber scheinbar ganz beiläufig und sehr vergnügt. Das Buch nennt keine Gattungsbezeichnung und enthält Prosa, Gedichte und sehr viele Zitate. Am ehesten könnte man es vielleicht als Gespräch bezeichnen, da das Gespräch neben dem permanenten Gehen und in-Bewegung-sein die zweite treibende Kraft hinter diesem Text ist, der Wegen ohne Namen durch den Wald und über die Wiesen folgt. Es geht um Beobachtung, Bewegung und Beschreibung: 

Das Licht 

fiel auf den Tisch, aber nicht mit Absicht.

Mathias Müller, Birnengasse

Der Band ist in drei Kapitel unterteilt, mit jeweils anderem Setting. Der erste Teil streift über Wiesen und durch wilde Gärten, der zweite ist unbestimmbar unterwegs und im letzten Teil geht es dann durch die Straßen einer Stadt. Bei alledem weht ein steter Wind durch die Zeilen und Gräser, die Blätter rauschen und während wir tastend weitergehen führt eins zum andern:

Ähnlichkeiten und Erinnerungen führten unsichtbar von

Wort zu Wort. So war die Welt nicht mehr Welt, sondern:

Verbindungen, Entfernungen, Schritte, Schauen und

Augenschließen.

Birnengasse

Der Blick richtet sich zum einen auf Nahes, wie Grashalme, zum anderen aber auch in die Ferne, wenn beispielsweise der Himmel beobachtet wird:

Der Mond, die Planeten und die Sterne stören bekanntlich das

Schauen sehr in seinem Lauf. Ein Kommen und Gehen war

darin. Unregelmäßigkeiten wie Kometen, oder ein Wagen, der

überraschend wendet.

Birnengasse

Die Sehnsucht nach Meer nimmt im Text viel Raum ein. Gefunden wird die See unter anderem in einem Wort wie „Segel“ und zu hören ist sie im Rauschen der Blätter einer Esche.

Der Wind rauschte in den Blättern der Esche

und wir hörten nur das Meer.

Birnengasse

An dieser Stelle sei auf Ian Hamilton Finlay verwiesen, der Ähnliches machte und sich in seinem Künstlergarten Little Sparta im Landesinneren Schottlands durch die Sprache das von ihm sehr vermisste Meer zurückholte. So befestigte er an einem großen alten Baum eine Steinplakette mit der Aufschrift „MARE NOSTRUM“, da auch ihm das Rauschen der Blätter Meeresrauschen war.

Wo konnten wir eintreten?

An den Stellen, an denen ein Buchstabe und ein anderer leicht

zu vertauschen waren.

Birnengasse
Mathias Müller, Birnengasse, Sonderzahl Verlag 2021, 144 Seiten, € 20
© Foto k.A.

Mathias Müller, geboren 1988 in Bludenz, Vorarlberg, lebt und arbeitet in Wien. Studium der Komparatistik. Zusammen mit Versatorium entstanden Übersetzungen zu Rosmarie Waldrop, Charles Bernstein und Roberta Dapunt. Er ist Mitglied des Ilse-Aichinger-Hauses und des Neuberg College – Verein für Übersetzung der Gesellschaft.

Beispiele für derartige Durchgänge in die Sprache hinein und zwischen den Worten hindurch wären Huhn und Hund, oder auch Bienengasse und Birnengasse. Das Huhn taucht insofern unerwartet auf, als niemand der anwesenden sein Kommen bemerkt hatte und erst im Nachhinein beim Aufstehen am Abend festgestellt wird, „dass sich ein Huhn zwischen uns gesetzt hatte.“ Das Huhn gibt in weiterer Folge oft die Richtung vor und führt vor allem zu einem Hinunterbeugen und damit zu einer neuen alten Perspektive auf die Welt, von unten herauf, wie man es als Kind nicht anders gekannt hatte. Mathias Müller strebt in seinem Schreiben nach einer kindlichen Unbefangenheit der Wahrnehmung, nach dem kindlichen Staunen vor der Welt, wie schon mit dem ersten direkten Zitat im Buch von Inger Christensens klargemacht wird: „Det ved jo ethvert barn at man ingen vegne kommer i verden hvis man går den lige vej.“ („Jedes Kind weiß doch, daß man in der Welt nirgends hinkommt, wenn man den geraden Weg geht.“) Oder dasselbe anders gesagt, „richtig zitiert“, also von Mathias Müller nicht wortwörtlich zitiert, sondern wiederholt, „wie eine Geste, wie ein Gedicht,“: 

Warum sind wir auf dem Sprung?

Weil Inger Christensen uns beigebracht hat, dass man nirgends

hinkommt, wenn man den geraden Weg geht.

Birnengasse

Und so ist nur naheliegend, dass auch der Text und die Zitate immer wieder über die Seiten hüpfen und auf einer Seite manchmal gar nur eine einzelne Zeile in der Mitte oder auch ganz unten zu finden ist. Das hat etwas ungemein Verspieltes, Fröhliches an sich und trägt bei zum Eindruck der Leichtigkeit, die der Text von Mathias Müller vermittelt:

Ein

Wort öffnet das nächste und so gibt es keine Abgründe, über

die ihr nicht aus dem Stand oder mit Anlauf springen könnt.

Birnengasse

An einer Stelle heißt es, dass Wörter Flügel hätten, an einer anderen wird Ilse Aichinger mit den Worten: „Da flog das Wort auf, sinnlos in den Rübenhimmel.“ zitiert. Das erklärt auf gewisse Weise das Auftauchen des Huhnes. Huhn ist ein Wort und das Wort ist ein Huhn. Und Huhn ist nicht nur ein Wort sondern auch eine Metapher und ein Vogel. Es steht gerade auch für den verzweifelten Wunsch zu fliegen: so wird beschrieben, wie das Herz des in Händen gehaltenen Huhns zu rasen beginnt, wenn über ihm Vögel dahinziehen, da es gerne mitfliegen würde. Besonders einprägsam ist die tragikomische Stelle, bei der das Huhn sich mit großer Entschlusskraft und voll Mut in den Sturm wirft um sich so zumindest kurz in der Luft halten zu können. Damit wird das Huhn gleichsam zum tragischen Helden in der Nachfolge von Dädalus.

Vergleicht man diese Szene mit dem Albatros von Baudelaire, so ist die Situation des Huhns eine andere, da bei Baudelaire der Albatros, der für den Dichter steht, am Boden unter Menschen mit seinen riesigen Flügeln lächerlich und unbeholfen wirkt, jedoch hoch oben in der Luft durch seine Eleganz beeindruckt. Dem Huhn ist die Möglichkeit des eleganten Fliegens aus eigener Kraft nicht gegeben, es wird allerdings am Boden auch nicht verlacht, sondern vielmehr liebevoll und voll Mitgefühl hochgehoben. Ernst Jandl antwortete auf das berühmte Albatros-Gedicht Baudelaires mit seinem sarkastisch-brutalen Gedicht der wahre Vogel, in dem es darum geht, einer Amsel mit einer Schere die Füße abzuschneiden, damit ihr „niemals fiel das landen ein“. Friederike Mayröcker wiederum pflegte schreibend den Blick oft nach oben zu den laut schreienden Schwalben zu richten. Diese drei berühmten Beispiele nenne ich um darauf hinzuweisen, dass es eine lange Tradition gibt, Vögel als Metapher für die Dichtkunst zu verwenden. Nicht fehlen darf in so einem Exkurs natürlich das ebenso berühmte Gedicht „Das Huhn“ von Christian Morgenstern.

Das Huhn bei Mathias Müller stört keineswegs, die Sympathie gehört dem Huhn aber ebenfalls. Gegen Ende des Buches wird dann gar vom Huhnsinn gesprochen, oder auch vom Uhngleichgewicht, in das man durch das Huhn geraten sei:

War Huhn ein Wort oder eine Silbe. Es ließ sich schwer fangen,

wie ein Verb. Es konnte verschwinden, wie ein Substantiv, aber 

eine Erinnerung, eine Wärme oder eine Feder blieb zurück. 

Birnengasse

Die Wir-Perspektive, aus der heraus Mathias Müller schreibt mag vielleicht ungewöhnlich scheinen, erinnert mich aber an Ilse Aichinger („Kleist, Moos, Fasane“). Dass Mathias Müller die Werke Ilse Aichingers nicht nur gut, sondern sogar sehr gut kennt, davon ist auszugehen, ist er doch Mitglied des „Ilse-Aichinger-Hauses“. Manchmal spaltet sich das unbestimmte Wir aber auch kurzzeitig in ein Ich und Du auf: 

Wir gingen einen Bach entlang. Nein, das ist falsch gesagt.

Ich war. Du warst. Der Bach war Stein und Wasser und Licht

und wir nahmen diese Gegend wahr.

Birnengasse

Der Text ist sehr dialogisch, zum einen wegen den vielen Zitaten, die in gewisser Hinsicht ein Gegenüber darstellen. Die Zitate sind zunächst in Originalsprache zu lesen und dann erst im Anhang in der Übersetzung. Zum anderen taucht aber auch eine „Nadeshda Tabidse“ als Figur und Gesprächspartner auf. Nadeshda könnte, muss aber keine reale Person sein. Im Buch ist sie eine weise Frau die dem unbestimmt bleibenden Wir einiges lehrt. Der Name deutet auf einen russischen oder georgischen Ursprung hin. Der Name weckt Assoziationen zu Nadeschda Mandelstam, der Frau Ossip Mandelstams, die mit Anna Achmatowa befreundet war und es sich nach dem Tod ihres Mannes zur Aufgabe machte, das dichterische Werk ihres Mannes unter anderem dadurch zu bewahren, dass sie seine Gedichte auswendig lernte und bei Vertrauten hinterlegte. Der Name „Nadeschda“ bedeutet „Hoffnung“. Diese Assoziation zu Nadeschda Mandelstam wird insofern nahegelegt, als Ossip Mandelstam sich ebenfalls unter den zahlreichen im Buch Zitierten findet. Und mit Tizian Tabidse und Galaktion Tabidse gibt es gleich mehrere georgische Dichter mit dem Nachnamen „Tabidse“. 

Im Verhältnis zum knappen Umfang des Textes nehmen darin Originalzitate einen verhältnismäßig großen Anteil ein. Das wirkt ein wenig unsicher, so als würde Mathias Müller seinem eigenen Wort nicht genug Tragfähigkeit beimessen und sich wie haltsuchend auf die Worte großer Namen stützen, oder sich gar absichtlich hinter ihnen verstecken. Für den nächsten Band würde ich persönlich mir mehr O-Ton von Mathias Müller wünschen und weniger Fremdzitate, die man ohnedies jederzeit anderswo nachlesen kann. Dieser Kritikpunkt ist jedoch mehr Lob als Kritik und eher als aufmunterndes Anstupsen zu mehr Selbstvertrauen und insbesondere zu mehr Vertrauen in die eigene Stimme und die eigenen Worte zu verstehen. 


Astrid Nischkauer, *1989 in Wien. Studierte Germanistik und Komparatistik. Gedichte und Übersetzungen, zuletzt: du Wundergecko. Gedichte. (Köln: parasitenpresse, 2021). Und: Olalla Castro – Wir Frauen, im Hinterhof eines sehr großen Hauses / Nosotras, en el patio de atrás de una casa muy grande. (hochroth Heidelberg, 2020). Literaturkritikerin und Herausgeberin der Literarischen Selbstgespräche. (Wien: Klever Verlag, 2021). Lebt zwischen Bücherbergen und in Wien.

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