Von allen guten Geräuschen verlassen: Hanno Millesis Der Charme der langen Wege

REZENSION Barbara E. Seidl 26. August 2021

Die Welt ist voller Knistern, Surren, Brummen, Knarren und Klopfen. Jedes Lebewesen, jeder Gegenstand, ja sogar die Luft produziert Geräusche. Oft werden diese nur unbewusst wahrgenommen und wenn wir die Augen schließen, stellen wir uns mitunter etwas anderes vor als das, was das Geräusch verursacht hat.

Lambert, Hanno Millesis Protagonist in Der Charme der langen Wege, war einst der kreative Kopf des begehrten Geräuschemacherduos Sindy & Bert. Als Bert produzierte er eine fantastische Klangwelt für Filmproduktionen. So sprühte er etwa Glasreiniger auf eine erhitzte Herdplatte, um das Abfeuern von außerirdischen Laserkanonen nachzuempfinden. Das Geräusch eines Segels, das sich im Wind aufbläht, erzielte er mit einem Regenschirm, der auf Knopfdruck von alleine aufgeht.

Doch dann kann die Computertechnik und ließ den Geräuschemacher alt aussehen. Den endgültigen Todesstoß versetzte Berts Karriere allerdings ein Golfball, der ihn eines Tages beim Spaziergang mit voller Wucht am Kopf traf und sein Hörvermögen entscheidend beeinträchtigte. Und so wurde aus Bert schließlich wieder Lambert, jener ziellose Eigenbrötler, der er vor seiner Zeit als Geräuschkünstler gewesen war.

Millesi führt die Leser:innen in klangvollen Sprachbildern die langen Wege in Lamberts Vergangenheit entlang, zu denen sich der ehemalige Geräuschemacher mit seinem in eine Scheibtruhe gepacktem Aufnahmegerät –der legendären DX-8-80T– aufmacht.

Hanno Millesi, Der Charme der langen Wege, Edition Atelier 2021, 192 Seiten, €20.

Foto: Jorghi Poll/ Edition Atelier

Hanno Millesi, geboren in Wien, Studium an der Universität Wien und an der Hochschule für angewandte Kunst; in den 90er-Jahren u.a. Assistent von Hermann Nitsch und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums moderner Kunst in Wien. Auszeichnungen (Auswahl): Reinhard-Priessnitz-Preis (2017), Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien (2011, 2012), Projekt- und Staatsstipendium für Literatur des BKA.
Mit seinem Roman Die vier Weltteile, der innerhalb kurzer Zeit die dritte Auflage erreichte, war er für den Österreichischen Buchpreis 2018 nominiert und im April 2018 auf der SWR Bestenliste sowie im Mai und im Juni Jahres auf der ORF Bestenliste vertreten-

Die schräge Odyssee liest sich nicht nur als Versuch Lamberts, die eigene Identität zu rekonstruieren und seinen alten Weggefährten Sindy wiederzufinden, sondern auch als Kritik an den Nebenwirkungen des technischen Fortschritts.

Dabei lassen Millesis verschachtelte Satzkonstruktionen die Leser:innen die zunehmende Orientierungslosigkeit seines Protagonisten nachempfinden.

„Mit Hilfe sorgfältig aufeinander abgestimmter Sprays gelang es ihm, Geräuschkulissen heraufzubeschwören, deren vielfältige Akustik sogar einen Laien begeistert hätte, vorausgesetzt dieser hätte auch nur einen Hauch einer Idee davon gehabt, welch außergewöhnlichen Einfallsreichtums es bedarf, etwas, das es nicht gibt, wie etwas klingen zu lassen, das Bildern den Anschein von Wirklichkeit verleiht.“

Hanno Millesi, Der Charme der langen Wege

Innerhalb der Klangwelt des Romans ist nichts, wie es scheint. Unermüdlich experimentierte Bert mit Geräuschen um dem Publikum Klänge vorzugaukeln, von denen sie zuvor keine Vorstellung hatten. Als die Arbeit des Geräuschemachers schließlich durch Computer ersetzt wird, bedeutet dies den ultimativen Fake – ein Universum künstlich produzierter Klänge.

Die Wirklichkeit abzubilden und neue Welten zu erschaffen, gehört auch zu den Eigenschaften der Literatur. Wenn etwa Millesi in Der Charme der langen Wege mit Hilfe von Worten Töne nachzubilden sucht, ist dies letztlich auch eine (gelungene) Täuschung.

Ein Roman, der nachdenklich stimmt und dabei sehr viel Charme versprüht.

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