Stationen einer persönlichen Reise: Jaqueline Scheibers Offenheit

REZENSION Barbara E. Seidl, 17. Jänner 2021

Ein Social Media Profil ist wie ein Fenster zur Welt. Viele von uns schauen immer wieder gerne mal in andere Fenster, doch nicht alle werden auch selbst gerne gesehen. Sie haben Vorbehalte, Informationen oder Fotos von sich ins Netz zu stellen, bemüht ihre Privatsphäre zu schützen. Andere wiederum nutzen die Möglichkeit zur Selbstdarstellung, eine Art des Sich-Selbst-Zur-Schau-Stellens, das nicht notwendigerweise etwas mit Narzissmus zu tun hat. Vielmehr kann es dazu dienen, sich selbst bewußter zu werden und dabei gleichzeitig das Bewusstsein für Themen zu stärken, die einem am Herzen liegen.

Ich bin eine Leuchtreklame.

Jaqueline Scheiber, Offenheit

Jaqueline Scheiber gehört zu jenen, die sich in die Auslage stellen und die Öffentlichkeit an ihrem Leben teilhaben lassen. Unter dem Pseudonym Minusgold stellte sie von 2010 bis 2017 auf ihrem Blog Lyrik und Prosa online, auf ihrem gleichnamigen Instagram-Account teilt sie Bilder und Texte zu teilweise unbequemen, gesellschaftskritischen Themen. „Ich bin eine Leuchtreklame,“ verkündet sie gleich zu Beginn ihres autobiographischen Langessays Offenheit und widmet die folgenden Seiten wichtigen Stationen ihrer persönlichen Reise.

In offenen Worten beschreibt sie ihren Umgang mit dem Schönen und dem Hässlichen im Leben und schreckt dabei auch nicht vor Themen zurück, bei denen andere vielleicht Vorbehalte hätten, sie mit der Öffentlichkeit zu teilen. So lässt sie die Leser*innen an ihren Erfahrungen mit Trauer, psychischer Krankheit und Gewichtsschwankungen teilhaben und erzählt, wie ihr das Schreiben im digitalen öffentlichen Raum zu einer Begleitung wurde, die ihr dabei hilft, sich selbst besser zu verstehen.

Offenheit ist strukturiert in Form eines Hauses. Es beginnt bei den Grundmauern, die die Kindheit symbolisieren und setzt sich treppaufwärts fort, wo sich im Lauf der Jahre viele neue Räume eröffneten. Dabei gewährt die Autorin ihrem Publikum allerdings trotz Offenheit nicht zu allen Räumen Zutritt.

Jaqueline Scheiber, Offenheit. Kremayr & Scheriau, 2020. Seiten, €

Jaqueline Scheiber geboren 1993 und aufgewachsen im Burgenland, seit 2012 Wahlwienerin, ist Sozialarbeiterin, Mitbegründerin des Young Widow_ers Dinnerclub Wien, Kolumnistin, Autorin und eigens ernannte Selbstdarstellerin. Von 2010 bis 2017 veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Minusgold Lyrik und Prosa auf ihrem Blog. Auf dem gleichnamigen Instagram-Account bespricht sie gesellschaftskritische Themen, teilt Teilrealitäten ihres Alltags und verarbeitet Eindrücke in kurzen literarischen Erzählungen.

Die Einblicke, die sie gibt, zeigen auch Risse im Fundament. So wird etwa aufgezeigt, dass es auch junge Menschen gibt, die mit dem Verlust eines geliebten Menschen konfrontiert werden – ein Thema, das sonst nur selten so offen angesprochen wird. Mag sein, dass es Leser*innen gibt, die von Jaqueline Scheibers Offenheit irritiert sind, viele, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, werden in ihren authentischen Schilderungen jedoch Trost finden.

Auf Instagram, wo es vor Photoshop-optimierten Bildern einer scheinbar heilen Welt nur so wimmelt, ist Minusgold mit ihrer ungeschönten Selbstdarstellung vielen ein Lichtblick. Statt ihren Followern einen Eindruck zu vermitteln, mit dem sie nicht mithalten können, gibt sie ihnen das Gefühl, dass es OK ist, einfach man selbst zu sein.

Ähnliches gelingt Jaqueline Scheiber auch in ihrem Buch, in dem jedes Wort behutsam ausgewählt wurde und dabei doch immer authentisch bleibt. Offenheit ist eine inspirierende Lektüre, die zum Reflektieren anregt.


Barbara E. Seidl ist freie Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Trainerin für Deutsch und Englisch als Fremdsprache.

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