„Man sollte immer den eigenen Impulsen folgen“

Als minusgold berührt Jaqueline Scheiber auf Instagram mit sehr persönlichen, leuchtenden, manchmal unbequemen Posts. Im Interview über ihr neues Buch, Offenheit, beschreibt sie den Balanceakt zwischen Öffentlichkeit und Privatheit.

In deinem Buch Offenheit beschreibst du sehr private Dinge, die du unter dem Pseudonym Minusgold auch auf einem Blog und auf Instagram ungeschönt dokumentierst. Nun ist es so, dass es viele eine regelrechte Angst davor haben, etwas von sich ins Netz zu stellen, weil sie ihre Privatsphäre um jeden Preis schützen wollen. Kannst du diese Ängste nachvollziehen? 

Die Ängste kann ich sehr gut nachvollziehen und zu einem gewissen Teil sind sie ja völlig gerechtfertigt und gesund. Mein Appell ist dabei ja auch nicht „Tut es mir alle gleich!“ – sondern „Lasst uns den Diskurs diverser gestalten!“, deswegen ist es jedenfalls notwendig (auch für mich) die eigenen Grenzen stets zu adaptieren und zu reflektieren. Es mag das Bild entstehen, dass die Grenzen zwischen Privatleben und Öffentlichkeit bei mir verschwimmen, dabei sind sie sehr klar gesetzt. 

Welche Tipps kannst du anderen geben, die jetzt–inspiriert durch deine Texte und Bilder–überlegen, ihr Leben im öffentlichen Raum darzustellen?  

Den eigenen Impulsen folgen und nicht etwas erschaffen, mit der Hoffnung, anderen zu gefallen. Im besten Fall lieber etwas erschaffen, weil man den Drang verspürt oder etwas verändern möchte. 

Wie du beschreibst, sind die meisten Rückmeldungen auf deine Posts sehr positiv. Trotzdem bietet eine öffentliche Selbstdarstellung auch eine Angriffsfläche. Wie geht man am besten mit Kritik oder vielleicht sogar Anfeindungen auf Social Media um?

Es gibt sehr viele mögliche Bewältigungsstrategien. Mir persönlich gehen Kritik und Anfeindungen nicht allzu nahe. Ich stehe zu dem, was ich sage – und selbst wenn sich meine Meinung zu etwas geändert hat, kann ich gut dazu stehen, dass ich mich geirrt habe. Ich glaube, die Angriffsfläche verringert sich, wenn man vollends hinter den Inhalten steht, die man produziert. 

In Offenheit näherst du dich den vielen Facetten deines Lebens anhand der Struktur eines Hauses. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Das war ein spontaner Einfall und ist mir gegen Ende des Buch-Schreibens in den Kopf geschossen. Quasi der erste Entwurf der Kapitelreihenfolge ging durch und passte, wie die Faust auf’s Auge. Und: ich mag Sprachbilder und Metaphern sehr gerne. 

Es ist immer auch spannend zu erfahren, was Autor*innen selbst lesen. Gibt es Autor*innen, oder auch Künstler*innen, deren Arbeit dich beeindruckt oder vielleicht sogar ein bisschen inspiriert?

Unzählige, und wahrscheinlich zu viele, um sie alle aufzuzählen. Prompt fällt mir Karen Köhler ein, deren „Miroloi“ ein ganz besonderes Buch ist – auch ihre Kurzgeschichten sind sehr zu empfehlen. Else Lasker-Schüler in der Lyrik, dicht gefolgt von Paul Celan, der mich wesentlich seit frühester Jugend geprägt hat. Roger Willemsen in seiner präzisen Sprache, aber auch beispielsweise Marianne Leky für ihr besonderes Talent lebhafte Geschichten zu erschaffen. Pflichtlektüre meiner Meinung nach: Margarete Stokowski, Liv Strömquist, Melisa Erkurt, Anneliese Mackintosh. 


JAQUELINE SCHEIBER geboren 1993 und aufgewachsen im Burgenland, seit 2012 Wahlwienerin, ist Sozialarbeiterin, Mitbegründerin des Young Widow_ers Dinnerclub Wien, Kolumnistin, Autorin und eigens ernannte Selbstdarstellerin. Von 2010 bis 2017 veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Minusgold Lyrik und Prosa auf ihrem Blog. Auf dem gleichnamigen Instagram-Account bespricht sie gesellschaftskritische Themen, teilt Teilrealitäten ihres Alltags und verarbeitet Eindrücke in kurzen literarischen Erzählungen.

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