Elena Messner über Das kleine Ich bin Ich von Mira Lobe

Elena Messner

Das Buch, das eines der ersten ist, an das ich mich mit Titel und Inhalt erinnern kann, und das bis heute nicht vergessen habe, ist „Das kleine Ich-bin-ich“, eine Art Langgedicht in Reimen, verfasst von Mira Lobe und illustriert von Susi Weigel. Weder von der Autorin noch von der Illustratorin wusste ich irgendetwas als Kind. Und: Ich habe als Kärntner Slowenin das Buch damals auf Slowenisch gelesen, nicht auf Deutsch, weil das 1972 veröffentlichte Buch 1988 in einem slowenisch publizierenden Verlag in Klagenfurt erschien, und zwar unter dem Titel, der bis heute in mir nachhallt: „Mali jaz sem jaz.“ 

Dieses Buch trägt so viele große und kleine Fragen in sich, dass es nicht schwer ist, zu beschreiben, warum es mich als Kind so geprägt hat und warum ich es noch heute für genial halte. Die Hauptfigur ist ein Hybrid-Tier, ein bunter Ausbund an Eigensinn, Wildheit, Lustigkeit. Es ist zu Beginn mit sich selbst zufrieden und in sich selbst ruhend. Wie auch nicht, da es so großartig und einzigartig ist: es kann fliegen und auf Wolken schlafen. Aber nur, bis ihm durch eine von „Außen“, nämlich durch einen Frosch, herangetragene Frage („Was bist du?“) die Nicht-Zugehörigkeit zu einer existierenden, klassifizierten Tiergruppe klargemacht wird. Daraufhin läuft es los und befragt zunehmend verzweifelt andere Wesen, ob sie denn wüssten, was und wer es sei. Schon die Vielzahl an Tieren, die hier miteinander sprechen, ist für Kinder natürlich ein Lese- und Anschau-Traum: Pferde, Fische, dazu ein Nilpferde, dann – unbedingt! – auch ein Papagei, und natürlich, wie jedes gute Kinderbuch – ein Hund. Da leider keines dieser Tiere dem kleinen Tierchen aber sagen kann, „was es ist“, stellt es sich plötzlich selbst in Frage, verzweifelt an dieser ihm entgegen geschmetterten „Nicht-Zugehörigkeit“ zu bereits bekannten und kategorisierten Tier-Gattungen. Dem Ausbruch der Verzweiflung folgt zum Glück die selbstbestimmte Erkenntnis. Denn das Tierchen stellt – fröhlich und klug fest: Ich bin ich, jaz sem jaz. 

Ich denke, es ist selbsterklärend, warum dieses Buch in slowenischer Übersetzung in Kärnten so großen Erfolg hatte und mehrere Auflagen erlebte. Ich finde erfreuliche Details zu der Rezeption des Buches im Internet: Seit 2011 ist es für den österreichischen Markt ins Türkische, Serbische und Kroatische übersetzt; und seit 2016 existiert es in einer dreisprachigen Ausgabe auf Deutsch, Arabisch und Farsi. 

Man muss dieses Büchlein also zum Glück nicht bewerben oder erst bekannt machen, es ist eines der erfolgreichsten der österreichischen Kinderliteratur. Kein Wunder: Denn die Suche nach sich selbst, so universal sie ist, und so sehr jeder Mensch – nicht nur in der Kindheit –, sie immer wieder neu antritt, ist eben besonders schwierig, wenn man in einer Gesellschaft aufwächst, die die Existenz einer sogenannten „Einheitskultur“ behauptet, oder noch schlimmer, wenn diese Gesellschaft von einer sich überlegen fühlenden Leitkultur dominiert wird, die alles, was als „fremd“ charakterisiert wird, degradiert. Umso schöner, wichtiger und berührender ist die Tatsache, dass eines „meiner“ Lieblings-Kinderbücher mit soviel Wärme, Freude und Phantasie den Gegenbeweis zur langweiligen Idee einer Dominanzkultur, zur Vorstellung einer eng zu definierenden Identität, oder überhaupt zu Gruppenzwang antritt: Kind und Mensch sein ist nichts von außen definiertes, sondern ständige (Selbst-)Entdeckung, Lust und Neugier. 


Elena Messner wurde 1983 in Klagenfurt geboren. Sie wuchs in Ljubljana und Salzburg auf und studierte Komparatistik und Kulturwissenschaften in Wien und Aix-en-Provence. Sie ist als Lehrende und Kulturwissenschaftlerin tätig, schreibt Prosa, Essays und Theatertexte. In der Edition Atelier erschienen die Anthologie »Warum feiern. Beiträge zu 100 Jahren Frauenwahlrecht« sowie ihre Romane »Das lange Echo« und »In die Transitzone«. www.elena-messner.com

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