Toskanisches Inferno: Irene Diwiaks Malvita

REZENSION Barbara E. Seidl, 19. Dezember 2020

Barbara E. Seidl ist freie Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Trainerin für Deutsch und Englisch als Fremdsprache.

Die Toskana, ein perfekter Ort um ein wenig Abstand vom Alltag zu gewinnen. Diesen Gedanken hat auch Christina, die Protagonistin in Irene Diwiaks Roman Malvita. Mit ihrer neuen Kamera im Gepäck reist sie nach Italien, um bei der Hochzeit ihrer Cousine Marietta zu fotografieren. Der Reichtum ihrer italienischen Verwandten, die sie davor noch nie gesehen hat, ist überwältigend: auf einem Hügel thront die Villa Esposito schlossartig über dem Dorf Malvita.

Doch so beeindruckend die Villa von außen erscheinen mag, so bedrückend wirkt sie von innen. Wie ein Labyrinth führen die unübersichtlichen Gänge durch das riesige Haus, in dem es vor uniformierten Bediensteten wimmelt wie in einem Bienenstock. Die Angestellten, die in ihren dunkelblauen Uniformen nur schwer zu unterscheiden sind, waren einst Arbeiter in der stillgelegten Lederfabrik der Familie Esposito.

Nach und nach muss Christina erkennen, dass nicht nur die Villa selbst ihr zunehmend Unbehagen bereitet, sondern auch ihre Verwandten. Im Zentrum des Geschehens steht die Braut, Marietta, die Bienenkönigin. Umwerfend schön ist sie, nur wenn sie zu lachen beginnt, dann erinnert der schrille Ton an das Geräusch einer Kettensäge. Ihre Schwester Elena, ein Model, das alle anderen übertürmt, nimmt Christina mit nach Florenz und zeigt ihr in den Uffizien ihr Lieblingsgemälde: Judith und Holofernes von Artemisia Gentileschi. Und Christinas Tante Adelheid, die sich mittlerweile Ada nennt, wandelt durch die Villa wie ein schmuckbehangener Christbaum. Nur die männlichen Espositos wirken unscheinbar: Onkel Tonio tritt kaum in Erscheinung und Jordie, Mariettas und Elenas jüngerer Bruder, wird von allen wie ein gebrechliches Kind behandelt.

Christina fühlt sich unter ihren reichen Verwandten fehl am Platz. Als sie nach wenigen Tagen auch noch die Leiche von Bianca findet, die ursprünglich bei der Hochzeit fotografieren hätte sollen, wird ihr klar, dass sie niemandem in der Villa Esposito trauen kann. Zudem wird sie das Gefühl nicht los, dass man sie auf Schritt und Tritt verfolgt.

Irene Diwiaks Malvita ist eine bitterböse Charakterstudie, die ihre Leser*innen von der ersten Seite an fesselt. Sehr bildhaft geschrieben und voll origineller Ideen, spricht die Autorin heikle Themen mit einem provokanten Augenzwinkern an. So ist der Streifzug durch die Villa Esposito zwar gewissermaßen ein Abstieg in Dantes Inferno, aber auch eine göttliche Komödie, ein wunderbar bösartiges Lesevergnügen.

Irene Diwiak wurde 1991 in Graz geboren und wuchs in Deutschlandsberg/Steiermark auf. Sie studierte Komparatistik in Wien. Ihre Texte wurden bereits vielfach ausgezeichnet. 2017 erschien ihr erster Roman Liebwies.


Irene Diwiak, Malvita. Paul Zsolnay Verlag 2020. 304 Seiten, € 23.

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