Dietmar Füssels Ricardi

GASTREZENSION VON Andreas Tiefenbacher, zuerst erschienen auf www.buecherschau.at

Franz Pospischil beginnt in Wehrstadt ein Studium der Germanistik und erhofft sich davon wichtige Impulse, um ein weltberühmter Schriftsteller und Nobelpreisträger zu werden. Sein Freund Martin Bachmüller begleitet ihn. Die beiden teilen sich ein Zimmer im Studentenheim. 

Franz merkt schnell, dass das Studium zu theoretisch ist. So konzentriert er sich darauf, „möglichst viele möglichst gute Texte“ zu schreiben. Doch weil Martin, der sich Baccu nennt, ein rücksichtsloser Schwätzer ist, der Drogen nimmt und schon am Nachmittag mit dem Schnapstrinken beginnt, fehlt es ihm an Ruhe. Er mietet daher eine große Wohnung, in der er täglich „mindestens zwei Kurzgeschichten und ein halbes Dutzend Gedichte“ verfasst und daneben eine romantaugliche Idee entwickelt. 

Diese steht im Zusammenhang mit dem Namensgeber der Wohnadresse: Giovanni Ricardi, einem italienischen Maler, der Anfang des 17. Jahrhunderts während eines kurzen Aufenthaltes in Wehrstadt drei Gemälde hinterlässt, von denen das auffallendste die drei Töchter Herzog Friedrichs zeigt. Ganz in blau und weiß gehalten, schauen die jungen Frauen wie „bedrohliche Spukgestalten“ aus. 

Franz, der sich aus Kostengründen die Wohnung mit Baccu und Marie Hillinger teilen muss, in die er sich unsterblich verliebt, als er sie auf einem Fest zur Gitarre singen hört, will herausfinden, warum Ricardi gegen sämtliche Regeln der damaligen Porträtkunst dieses „gespenstische Bild“ gemalt hat. Doch außer einen kurzen Beitrag von Dr. Odin Gruber im Museumsführer findet er nichts, lässt sich aber von seiner Idee, einen historischen Roman schreiben zu wollen, nicht abbringen. Franz weiß, dass ein guter Schriftsteller immer den Weg des größten Widerstands gehen muss. 

Dietmar Fussel, Ricardi. Sisyphus Verlag, 2020. 154 S, € 14,80.

In den ersten Wochen kommt er in „grimmiger Entschlossenheit“ noch gut voran. Dann ebbt sein Ideenstrom ab, bis ihm gar nichts mehr einfällt. Er bittet deshalb Marie, ihn ins Schlossmuseum zu begleiten, weil er sich vom Betrachten des Bildes mit den Marmorfrauen neue Impulse erhofft. Dabei fällt ihm auf, dass die Frau in der Bildmitte Marie ähnlich sieht. Baccu bekommt es kurze Zeit später deswegen überhaupt mit der Angst zu tun, weil er glaubt, gesehen und gehört zu haben, wie sich die drei Marmorfrauen bewegen und eine von ihnen sagt: „Die erste Berührung schreckt dich. Die zweite Berührung verändert dich. Die dritte Berührung tötet dich.“ Und danach die Mittlere auf ihn zukommt und ihn berührt. Als sie beim Inspizieren des Kellers schließlich auch noch drei quaderförmige, übermannshohe Blöcke aus Marmor entdecken, wo in einem die unhörbar schreiende Marie festzusitzen scheint, erleidet Baccu einen schweren Schock. Er kommt in die Nervenheilanstalt nach Linz, wo eine „paranoide Schizophrenie“ diagnostiziert wird. 

Bei Franz führen die übernatürlichen Erscheinungen zu Alpträumen und Schlafmangel, der ihn die Marmorfrauen „als Spiegelungen in einem Schaufenster, inmitten einer über den Himmel ziehenden Wolkenformation oder (…) auf dem Bildschirm der Überwachungskamera im Supermarkt“ sehen lässt. Um die porös gewordene Trennwand zwischen Traum und Wirklichkeit wieder in Ordnung zu bringen, bricht Franz sein Romanprojekt und seine Laufbahn als Schriftsteller ab, bittet seinen Vater, die Wohnungsauflösung zu übernehmen, verlässt Wehrstadt und sucht sich einen Job. 

Obwohl er wegen seiner negativen Erfahrung mit Marie denkt, seine markante Nase minimiere die Chancen bei Frauen, tut sie das nie wirklich. Er merkt nur mit der Zeit, dass ihn eine feste Beziehung immer weniger reizt, genauso wenig wie heiraten, zusammenziehen und gemeinsame Kinder. So schlüpft er statt in die Rolle des treusorgenden Familienvaters in die des mit seiner Arbeit verheirateten Sportjournalisten, der beim Versuch, seiner Midlife-Crisis als Easy Rider zu entkommen, einen schweren Unfall erleidet. Irgendwann zwingt ihn der volle Keller, zu entrümpeln. Dabei stößt er auf seine „Ricardi-Notizen“; unter ihnen eine Geschichte als Liebeserklärung an Marie, die er seit über dreißig Jahren nicht mehr gesehen hat. Franz schickt ihr den Text und fährt, als sie sich (wie auch schon vorher) nicht meldet, nach Wehrstadt, weil dort gerade die Volleyball-EM stattfindet und die Berichterstattung in sein Ressort fällt. Der Besuch zeigt ihm die Abgründe von Maries Schweigen auf. 

Sein Bericht aus der Ich-Perspektive, der weitgehend als Rückblende in die Vergangenheit gestaltet ist, gerät zu einer Mischung aus Liebesgeschichte, Historien-Erzählung und Anti-Künstlerroman. Über mehrere Erzählebenen entsteht so ein vielschichtiges Panorama, das mystisch-historische Elemente genauso zeigt wie es ernste sozial- und gesellschaftskritische Schatten wirft. Unter ihnen auch ein Appell gegen „eine Welt von Tätern“, in der es alles andere als gerecht zugeht. Denn Täter kennen keine Scham. So bleibt den Opfern nur, sich damit zu trösten, „dass es immer noch Schlimmeres gibt“. 


Dietmar Füssel, Geboren 1958 in Wels/Oberösterreich. Mit sieben Jahren schrieb er seine erste Abenteuergeschichte über einen heldenhaften Drachentöter.
1977 gewann er als jüngster Teilnehmer beim Literaturwettbewerb der OÖ. Arbeiterkammer den Publikumspreis. Seine im Eichborn Verlag erschienene Kurzgeschichtensammlung ‚Wirf den Schaffner aus dem Zug‘ wurde 1983 vom Hessischen Schriftstellerverband mit dem Preis für das beste deutschsprachige Erstlingswerk des Jahres ausgezeichnet.
Zahlreiche weitere Buchpublikationen folgten.
Dietmar Füssel lebt als Schriftsteller und Bibliothekar in Ried im Innkreis.

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