Im Schatten des Rehragouts: Ferdinand Schmalz‘ Mein Lieblingstier heißt Winter

REZENSION Barbara E. Seidl 29. Oktober 2021

Als Dramatiker hat sich Ferdinand Schmalz bereits international einen Namen gemacht. Nun erschien sein Romandebüt Mein Lieblingstier heißt Winter, aus dem Auszüge bereits 2017 mit dem Bachmannpreis ausgezeichnet wurden.

Auch in seinem Romanerstling erweist sich Ferdinand Schmalz als großartiger Erzähler, der seine Leser:innen in eine Welt voll schrulliger Gestalten entführt. Im Mittelpunkt von Mein Lieblingstier heißt Winter steht Franz Schlicht, ein kleinkrimineller Tiefkühlwaren-Lieferant, der einem Kunden dabei helfen soll, seine Leiche nach dem Selbstmord an einem schönen Platzerl im Grünen auszusetzen. Obwohl der Auftrag weit über die übliche Rehragout-Lieferung hinausgeht, willigt Schlicht ein, den Toten aus dem Gefrierschrank zu holen, wo er sich nach Einnahme von Schlaftabletten hineinlegen wolle. Einziges Problem: als der Tiefkühlspezialist zum vereinbarten Zeitpunkt am Tatort eintrifft, ist der Gefrierschrank leer und der Kunde verschwunden.

Was folgt ist eine Kette sich überschlagender Ereignisse gespickt mit Intrigen, Skandälchen und Verschwörungstheorien.

Verpackt in eine tiefschwarze, sehr österreichische, Detektivgeschichte, spielt Schmalz seine schrägen Charaktere gegeneinander aus. In Mein Lieblingstier heißt Winter ist niemandem zu trauen und wer nicht aufpasst, der findet sich schnell in einem verschlossenen Sarg unter der Erde wieder – als Ehrengast einer „venezianische Trauerfeier“.

Die dichte Handlung ist dabei in anschauliche Szenen verpackt, die dank rasch wechselnder Schauplätze für kurzweilige Unterhaltung sorgen.

Foto © Apollonia T. Bitzan
Ferdinand Schmalz, geboren 1985 in Graz, aufgewachsen in Admont in der Obersteiermark, erhielt gleich mit seinem ersten Theaterstück »am beispiel der butter« 2013 den Retzhofer Dramapreis und wurde zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt. Sein Stück »jedermann (stirbt)« wurde am Burgtheater uraufgeführt und mit dem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnet. 2017 nahm er an den Tagen der deutschsprachigen Literatur teil und gewann mit einem Auszug aus »Mein Lieblingstier heißt Winter« den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2021 erschien sein gleichnamiger Debütroman, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises sowie auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises 2021 steht. Ferdinand Schmalz lebt in Wien.
Ferdinand Schmalz, Mein Lieblingstier heißt Winter, Fischer Verlag 2021, 192 Seiten, € 22,95

Schmalz‘ ungewöhnliche rhythmische Sprache wird möglicherweise die eine oder andere Leserin anfangs ein wenig irritieren. Was auf der Bühne originell klingt, muss nicht automatisch auch in einem Prosatext funktionieren. Doch die erzählerische Kraft des Romans ist stark genug, um hineingezogen zu werden in diese Welt. Bereits nach wenigen Zeilen passt man sich automatisch dem Sprachrhythmus an.

Mein Lieblingstier heißt Winter ist auch ein Roman, der vor allem Fleischesser beim Lesen hungrig machen wird, denn wie in Schmalz‘ Theaterstücken spielt auch hier das Essen eine zentrale Rolle. Zwischen Rehragout und Rindsgulasch stimuliert der Autor die Geschmacksknospen der Leser*innen. Am Ende bekommt man Lust, wieder einmal in ein typisches Wirtshaus zu gehen und Stammgäste zu beobachten, die direkt dem Roman entsprungen sein könnten.

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