Vom Ende eines Missbrauchs: Marlen Pelnys Liebe / Liebe

GASTREZENSION von Timo Brandt, 20. September 2021

Hinten im Roman Liebe / Liebe von Marlen Pelny befindet sich eine Trigger-Warnung, auf die auch auf dem Umschlagdeckel hingewiesen wird: „Dieses Buch konfrontiert dich mit sexueller Gewalt, Kindesmissbrauch und Selbstverletzung.“ Ich möchte als Rezensent diese Trigger-Warnung bekräftigen: In diesem Buch geht es um Versehrtheit, um tiefgreifende Verletzungen und um den langsamen Weg aus einem von Missbrauch und Lieblosigkeit geprägten Leben. Das bedeutet zwar nicht, dass das Buch nicht auch manch Schönes, Erfreuliches bereithielte, aber es ist kein Unterhaltungsroman und ich behaupte, er kann auch nicht als solcher gelesen werden.

Dieses Buch konfrontiert dich mit sexueller Gewalt, Kindesmissbrauch und Selbstverletzung.

Trigger-Warnung am Umschlagdeckel

Ein kurzer Abriss des Inhalts: Sascha wächst in einem Hochhaus in der Stadt auf. Die Mutter steht meist am Fenster und kümmert sich fast gar nicht um ihre Tochter, weist sie höchstens zurecht oder spannt sie für ihre Fantasien von einer heilen Welt ein. Der Vater schleicht dafür lange Zeit nachts in ihr Zimmer, für einen „Gute-Nacht-Kuss“ – so bezeichnet er seinen sexuellen Missbrauch. Schließlich kommt Sascha aber zu ihrem Großvater, den sie früher noch fürchtete, der aber seit dem Tod ihrer Großmutter ein ruhigerer und freundlicherer Mensch geworden ist. Bei ihm erlebt sie zum ersten Mal so etwas wie Geborgenheit. Bald können auch der Hund Rosa und das Mädchen Charlie diese Geborgenheit ergänzen. Die alten Schrecken ihrer Kindheit erscheinen wie ein ferner Schatten, der aber immer wieder auf sie fällt, wenn der Vater seine Pakete schickt …

Pelny hat bisher zwei Gedichtbände veröffentlicht und auch ihre Band „Zuckerclub“ sowie ihre Solomusik seien jedem*r ans Herz gelegt. Liebe / Liebe ist ihr Romandebüt. Wie viele Debüts vereint das Buch Stärken in einigen Punkten mit Schwächen in anderen Punkten. Aber der Reihe nach.

Marlen Pelny, Liebe / Liebe, Haymon Verlag 2021, 216 Seiten, €19,90.
Foto © Mike Auerbach

Marlen Pelny plakatierte deutsche Städte mit Lyrik und veröffentlichte die Gedichtbände „Auftakt“ (2007) und „Wir müssen nur noch die Tiere erschlagen“ (2013). Ihre Worte bringt sie nicht nur auf Wände und Papier, sondern mit ihrer Band Zuckerklub auch zum Klingen. Ihre klare Poesie durchströmt auch ihr Romandebüt „Liebe / Liebe“ (2021): Für jede Phase, jedes Gefühl Saschas findet sie den eigenen, eindringlichen Ton.

Als Autorin stand Pelny vor der Aufgabe, ein Leben greifbar zu machen, in das sich wohl niemand gerne hineinversetzt sehen will.

Ich muss wohl kaum betonen, wie schwierig es ist, ein Buch über so eine Thematik zu schreiben. Als Autorin stand Pelny vor der Aufgabe, ein Leben greifbar zu machen, in das sich wohl niemand gerne hineinversetzt sehen will. Der Grad ist schmal, denn weder dürfen die Schilderungen un(er)tragbar sein fürs Publikum, noch dürfen Zweifel an dem Ausmaß und der Schwere der Vorgänge aufkommen; geschweige denn der Belastung, die diese für die Psyche und das Selbstbild/-bewusstsein der Protagonistin darstellen. 

Wenngleich keineswegs vergleichbar, ist es doch ebenso schwer, einen Roman über so ein Thema zu bewerten, also einzuschätzen, inwieweit die Schilderungen als gelungen und/oder glaubwürdig gelten können. Ich möchte also zunächst klarstellen, dass Liebe / Liebe auf jeden Fall ein wichtiges und mutiges Buch ist, das darüber hinaus in einigen Passagen auch sprachlich zu bestechen weiß. Hervorragend ist auch, wie Pelny Wege findet, ihre Protagonistin gleichsam durchaus als Opfer, aber auch als selbstbestimmte Person zu zeigen, ohne das dies widersprüchlich erscheint.

Etwas kritischer sehe ich die Form der Erzählung: Obwohl das Buch einen Zeitraum von ca. 14-17 Jahren abdeckt, werden nur ein paar Ereignisse ausführlich erzählt. Es wechseln sich also Schilderungen, die sich mit Erinnerungen/Zeiträumen beschäftigen, ab mit solchen, in denen es um konkrete Situationen geht. 

Hier besteht für mein Gefühl ein leichtes Ungleichgewicht, was die Sprache angeht. So sind die Situationsdarstellungen intensiviert, mitunter detailversessen, es gibt poetische Anklänge, während die anderen Passagen einen geradlinigen Stil aufweisen, der die Geschichte konsequent vorantreibt, während die Situationsdarstellungen sie quasi verlangsamen, teilweise geradezu stocken lassen. 

Prinzipiell ist dies ein spannendes Verfahren, auch weil die Leser*innen durch die Entschleunigung immer wieder dazu gezwungen werden, sich auf die Gefühlswelt von Sascha einzulassen, sie sehr genau wahrzunehmen. Dennoch ist das Leseerlebnis dadurch auch erschwert und alles in allem zerstreut diese Dynamik die Eindrücke manchmal mehr, als sie zu bündeln.

Auch die Sprachbilder, auf die sich Pelny ohne Frage versteht, unterstützen an manchen Stellen nachdrücklich die Darstellung, an anderem Stelle wirken sie ein wenig deplatziert. Das hat, so glaube ich, viel mit den Unterschieden in der Ökonomie von Roman und Gedicht zu tun: Wo in letzterem ein zusätzliches Bild die Idee des Textes noch tiefer führen oder in sich konzentrieren kann, führt dies bei Prosa schnell zum Anschein von Manierismus. Ich will Pelny gewiss nicht unterstellen, sich über diese Unterschiede keine Gedanken gemacht zu haben/sich ihnen nicht bewusst zu sein und ihr Roman ist auch alles andere als überladen mit Bildern. Aber dennoch gibt es Passagen, in denen sich die Schilderungen ein bisschen zu sehr auf die Bilder stützen.

Ich habe am Anfang gesagt, dass dieses Buch kein Unterhaltungsroman ist und das könnte missverstanden werden als ein Abraten von der Lektüre. So will ich es nicht verstanden sehen, aber es ist, so glaube ich, wichtig zu wissen, worauf man sich bei Liebe / Liebe einlässt. Denn man wird zwangsläufig Teil einer schmerzhaften Auseinandersetzung. Und diese Auseinandersetzung wird, spätestens gegen Ende des Romans, auch zu einer Konfrontation. Wer diesen Prozess, literarisch aufbereitet, erleben will und sich es sich zutraut, dem sei Pelnys Buch empfohlen. Warnen muss man alle, die sich einfach nur Einblicke oder eine ergreifende Geschichte erwarten – Pelnys Buch ist mehr als das und gerade deswegen eine schwierige Lektüre. 


Foto © Dilan Tas

Timo Brandt, geboren 1992 in Düsseldorf, aufgewachsen in Hamburg, lebt seit 2014 in Wien. Studium der Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien, dort Mitherausgeber der Literaturzeitschrift JENNY. Schreibt Gedichte, Essays und Literaturrezensionen für Zeitschriften (z. B. Bella Triste, Metamorphosen, STILL, Seitenstechen), Anthologien und Online-Magazine (fixpoetry, Babelsprech.org). Einzeltitel: Enterhilfe fürs Universum (edition offenes feld, 2017), Ab hier nur Schriften (Aphaia, 2019) und Das Gegenteil von Showdown (Limbus, 2020). Einige Auszeichnungen und Förderungen, zuletzt Artist in Residence bei Prosanova 2017, Gisela-Scherer-Stipendium des Hausacher Leselenz (2018) und Wiener Arbeitsstipendium für Literatur (2018).

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