„Unser Ziel ist es, die Lyrik einerseits von der Community her zu stärken, aber auch wieder vermehrt ins öffentliche Bewusstsein zu rücken“

Foto © Udo Kawasser

Der Dichter und Übersetzer Udo Kawasser hat es sich zur Aufgabe gemacht, Lyrik wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und dabei gleichzeitig auch die Lyrik-Community zu stärken. Zusammen mit der Autorin und Literaturkritikerin Monika Vasik und dem Autor und Literaturwissenschafter Peter Clar, setzt sich Kawasser nun bereits seit mehr als zwei Jahren intensiv für die Förderung zeitgenössischer Dichtkunst ein: mit Hilfe des dreitägigen Lyrikfestivals poesiegalerie und der gleichnamigen digitalen Plattform http://www.poesiegalerie.at.

Herr Kawasser, die von Ihnen initiierte Poesiegalerie ist ursprünglich aus einem Festival entstanden – wie kam es zu der Idee einer digitalen Plattform für Lyrik?

Udo Kawasser: Da möchte ich kurz ausholen: Die erste POESIEGALERIE fand im November 2018 statt und war mein Versuch, die wunderbaren Erfahrungen, die ich bei mehreren Auftritten in der Lyrikbuchhandlung, die von den unabhängigen Lyrikverlagen jeweils parallel zur Leipziger Buchmesse ausgerichtet wird, auf Wien zu übertragen. Was mich beim Lesen dort so begeistert hatte, war das konzentrierte Interesse der Anwesenden, die zu einer nicht geringen Anzahl aus Autor*innen, Verleger*innen, Literaturredakteur*innen und anderen Aficionados bestanden, und die Anwesenheit der liebevoll gemachten Bänder der verschiedenen Verlage auf einem großen Tisch in der Mitte. Ich beriet mich mit Ralph Klever, der mich ermutigte einen Versuch zu starten, den ich allerdings ohne irgendeine Förderung durchführen musste und glücklicherweise zu äußerst positiven Rückmeldungen von den lesenden Autor*innen und den Zuhörer*innen führte. Mir war aber von Anfang klar, dass das Lyrikevent nur ein erster Schritt sein konnte und entwickelte einen umfassenden Plan, der darauf zielt für die Poesie wieder Boden gutzumachen, den sie über die letzten Jahrzehnte in der Gesellschaft verloren hat, bewohnte sie doch nur mehr „eine Ecke der Ecke Literatur“, wie das Michael Hammerschmid kürzlich in einem Interview auf unserer Seite formulierte. Tatsache ist, dass Gedichte und Rezensionen von Gedichtbänden kaum mehr in den großen Medien vorkommen, dass die Lyrikregale in den Buchhandlungen die Größe eines Feigenblatts angenommen haben und auch in den Schulen kaum mehr Gedichte gelesen und es an den Universitäten fast keine Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Lyrik gibt. Unser Ziel ist es, die Lyrik einerseits von der Community her zu stärken, aber auch wieder vermehrt ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Wobei wir einen sehr offenen Poesiebegriff vertreten und wir von Anfang an auch die transmediale Poesie mit an Bord hatten. Mit wir meine ich übrigens neben mir die beiden Mitbegründer*innen von poesiegalerie. verein zur förderung der zeitgenössischen dichtkunst die Autorin und Literaturkritikerin Monika Vasik und den Autor und Literaturwissenschafter Peter Clar.

Auf Poesiegalerie wird nicht nur Lyrik publiziert und besprochen, sondern auch der Schaffensprozess thematisiert.

Udo Kawasser: Die Seite www.poesiegalerie.at soll als Plattform die Poesie weithin sichtbar machen und die Aktivitäten der Lyrikcommunity unterstützen und dort einspringen, wo das literarische Feld Lücken aufweist, wie etwa beim kritischen Diskurs über Lyrik. Das beginnt mit der Publikation mit einem täglichen Gedicht von heute, geht weiter mit der Besprechung der Gedichtbände aller aus Österreich kommenden oder in Österreich produzierenden Autor*innen und zieht sich fort in Interviews mit Playern im Lyrikfeld in Österreich, aber auch mit den Autor*innen selbst, damit sie ihre Erfahrungen, als Poet*in unter den gegebenen Bedingungen zu existieren, an dieser Stelle artikulieren können. Das scheint mir zur Bestimmung unserer Lage wichtig zu sein, vor allem auch um aus der Einzelwahrnehmung herauszukommen.

Das Schreiben ist ja im Grunde eine ziemlich einsame Tätigkeit, bei der der kreative Austausch, wie es etwa bei Musikern der Fall ist, oft fehlt. Sehen Sie hier in neuen digitalen Formaten eine Chance für mehr Interaktion? 

Udo Kawasser: Was man über die letzten Jahrzehnte beobachten konnte, ist ein Abwanderungsprozess der Lyrik ins Digitale, weil es in den großen Verlagen und Medien keinen Platz mehr für sie gab. Doch war das in Deutschland viel stärker und hat auch zu Plattformen wie signaturen, lyrikkritik oder fixpoetry, das nach Jahren der Selbstausbeutung leider wieder eingestellt werden musste, geführt, die für das literarische Leben große Bedeutung erlangt haben. In Österreich sehe ich eher Versuche von Einzelpersönlichkeiten wie etwa auch Litrobona, die aber noch nicht von großen Communitys unterstützt werden. Mir scheint, dass die stärker von Förderungen alimentierten Autor*innen in Österreich, da noch eher gewohnt sind, in ihrer Vereinzelung zu verharren als die Lyriker*innen in Deutschland, die nicht so großzügig subventioniert werden. Nichtsdestotrotz bieten digitale Formate das Potential Sichtbarkeit und Wirkungsfelder für die Poesie herzustellen und spielen eine wesentliche Rolle in der Vernetzung der Künstler*innen.

Welche Trends können Sie in der Lyrik momentan beobachten?

Udo Kawasser: Mit dieser Frage überfordern Sie mich, denn das poetische Feld ist weit zerklüfftet oder positiv formuliert, eher von sehr individuellen Poetiken als von großen gemeinsamen Entwürfen geprägt. Trends sind Zuspitzungen, die meistens erst von Medien hergestellt werden. Während die sich in Zeitlupe vollziehende Klimakatastrophe schon seit längerem thematische Vorgaben liefert, wird es sicher interessant sein, ob die Covidpandemie lesbare Spuren in der Lyrikproduktion der kommenden Jahre hinterlassen wird, da aber die Verlage generell eine Vorlaufzeit von ein bis zwei Jahren haben, wird man erst nächstes Jahr im Herbst ein deutlicheres Bild bekommen. 

Wie geht es mit der Poesiegalerie weiter? Gibt es Pläne, die Plattform noch weiter auszubauen? 

Udo Kawasser: Ja, es gibt ein großes Konzept, das an verschiedenen Seiten ansetzt und Überlegungen enthält, wie die Lyrik wieder in die Buchhandlungen, Medien, literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung und ins allgemeine Gespräch gebracht werden kann. Wir suchen dazu auch bewusst die Kooperation mit vorhandenen literarischen Institutionen wie etwa die Alte Schmiede, aber werden auch auf Buchhandlungen, Bibliotheken und Initiativen in den verschiedenen Bundesländern zugehen. Was die Seite www.poesiegalerie.at im engeren Sinn angeht, so sollen in nächster Zeit vermehrt Interviews mit den wichtigsten Proponenten des Lyrikfelds erscheinen, im weiteren dann auch Werkbesichtigungen etablierter Lyriker*innen in der Rubrik Werkstattgespräche und wir werden vermehrt den Blick über den deutschsprachigen Tellerrand wagen und Übersetzungen von Gedichten spannender Autor*innen aus der ganzen Welt bringen. Leider hat uns Covid einen Strich durch die Rechnung gemacht, da wir eigentlich viel stärker den persönlichen Austausch zwischen den Autor*innen fördern wollten, sei es durch Lesungen im kleinen Kreis oder Übersetzungs- und Lyrikkritikworkshops. Auch die transmediale Poesie wird weiterhin präsent sein und Günter Vallaster diesen Teil bei der nächsten POESIEGALERIE, die vom 7.-9. Oktober stattfinden wird, kuratieren. Es sind noch viele andere Dinge geplant, die allerdings auch von den Förderungen abhängen, die wir aufstellen können. Lassen Sie sich überraschen!


Udo Kawasser *1965 in Vorarlberg am österreichischen Bodensee. Studium der Deutschen, Französischen und Spanischen Philologie in Innsbruck und Wien. Dichter, zeitgenössischer Tänzer, Choreograph, Übersetzer spanischsprachiger Literatur, Initiator der POESIEGALERIE und des Poesiewegs im Lauteracher Ried. Zahlreiche Veröffentlichungen Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien im In- und Ausland. Zuletzt im Jahrbuch der Lyrik, Schöffling, 2019 und Jahrbuch österreichischer Lyrik, Sisyphus, 2019. Seine Gedichte wurden ins Englische, Kroatische, Polnische, Spanische, Türkische übersetzt. Veröffentlichungen Ried. Sonderzahl, Wien, 2019 das moll in den mollusken. Leipziger Literaturverlag, Leipzig, Frühjahr 2018 Ache. Sonderzahl, Wien, 2018 Unterm Faulbaum. Aufzeichnungen aus der Au. Sonderzahl, Wien, 2016 kleine kubanische grammatik. gedichte. keiper verlag, Graz, 2012 vom augenrand. gedichte. Mit Bildern von Karin Ferrari. Bucher, Hohenems, 2011 kein mund. mündung. gedichte. parasitenpresse, Köln, 2008 Einbruch der Landschaft. Zürich – Havanna. Prosa. Ritter Verlag, Klagenfurt, 2007.

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