Weil ich ein Mädchen bin? Im Gespräch mit Sandra Folie

PODCAST INTERVIEW Barbara E. Seidl 23. März 2021

Sandra Folie, Universitätsassistentin an der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Wien, setzt sich in ihrer Forschung mit Labelingpraktiken sogenannter Frauenliteratur, literarischen Aktivismen, Gatekeeping im Literaturbetrieb und derzeit insbesondere auch mit Wikipedia und ihrem Gender Bias/Gap auseinander. Im Podcast-Interview spricht sie über das Ungleichgewicht bei der Besprechung weiblicher und männlicher Autoren in der Literaturkritik, in literaturwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen und auf Wikipedia und erklärt, warum Labels wie „ChickLit“ problematisch sind. 

Unter dem Label ChickLit oder anderen infantilisierenden Bezeichnungen wie „literarisches Fräuleinwunder“ wird Literatur für Frauen noch immer gerne in pastellfarbenen Covers vermarktet. Dass diese Präsentation problematisch ist, erklärt sich unter anderem schon dadurch, dass es kein gleichwertiges Pendant wie „Männerliteratur“ oder „Herrleinwunder“ gibt.

Doch damit nicht genug, hat Literatur von Autor*innen auch in vielen weiteren Bereichen das Nachsehen. So schafften es gerade mal 25 Werke von Autorinnen unter die 200 Bücher umfassende Leseliste, die 2015 vom Wiener Stadtschulrat an Schulen verschickt wurde. Auch bei Buchbesprechungen kommen Frauen als Autorinnen kaum je über eine 1/3 Repräsentanz hinaus, bei Frauenbiographien auf der deutschen Wikipedia liegt die Quote gerade mal bei 16, 4 %.

Im Podcast Interview für Das Litrophon erklärt Sandra Folie, warum Zahlen in diesem Diskurs so wichtig sind. Außerdem zeigt sie den Nachholbedarf innerhalb der Literaturwissenschaft auf, wenn es darum geht, ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis bei der Auswahl der Lektüre für Lehrveranstaltungen zu erzielen und denkt Projekte an, mit deren Hilfe dem Gender Gap entgegengewirkt werden könnte.

Übrigens: Das Litrophon gibt es auch als Abo, auf Spotify und Apple Podcast!


Sandra Folie ist Universitätsassistentin an der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Wien, wo sie seit mehreren Jahren forscht und lehrt. In ihrer Dissertation Beyond ‚Ethnic Chick Lit‘. Labelingpraktiken neuer Welt-Frauen*-Literaturen im transkontinentalen Vergleich (erscheint bei transcript, 2021/22) hat sie sich mit der Etikettierung und Vermarktung zeitgenössischer Literatur von Frauen über Kultur- und Sprachgrenzen hinweg befasst. Im Mittelpunkt ihrer Forschung stehen nationale, kulturelle wie auch geschlechtsspezifische Bilder und Stereotype in der Literatur (Imagologie), Kanonisierungsprozesse, literarische Aktivismen, Gatekeeping im Literaturbetrieb und derzeit insbesondere auch die Wikipedia und ihr Gender Bias/Gap. Wenn sie sich nicht gerade wissenschaftlich mit der freien Enzyklopädie auseinandersetzt, schreibt sie auch selbst Wikipedia-Artikel.

Publikationen (Auswahl):

„Von Grimms Märchen bis Houellebecq oder alt, weiß, männlich – Ein Wiener Literaturkanon für Schüler/innen.“ In: Aussiger Beiträge 14 (2020) „Kanon 4.0“, S. 39–64.

„The Ethnic Labeling of a Genre Gone Global. A Distant Comparison of African-American and African Chick Lit.“ In: Norbert Bachleitner (Hg.): Translation, Reception, Transfer. Berlin/Boston: de Gruyter 2020 (= The Many Languages of Comparative Literature. Proceedings of the XXIst congress of the ICLA, Bd. 2/5), S. 313–326, https://doi.org/10.1515/9783110641998-026

„Of Outer and Inner Gatekeepers – An Intersectional Perspective on New World Literature.“ In: Textpraxis. Digitales Journal für Philologie 17:1 (Mai 2019), https://dx.doi.org/10.17879/5912956899

„Chick Lit Gone Ethnic, Chick Lit Gone Global?! Die Rezeption eines transnationalen Genres im plural-queeren Vergleich.“ In: Open Gender Journal (2018), S. 1–20, https://doi.org/10.17169/ogj.2018.21

Podcast-Beitrag:

„Das Literarische Herrleinwunder“ (2017), Blogbeitrag gelesen von Jens Wawrczeck, https://www.podcast.de/episode/366793827/Das+Literarische+Herrleinwunder+CC-BY-NC-SA/

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