Erotischer Kreistanz: Reigen Reloaded (Hrsg. v. Barbara Rieger)

REZENSION Barbara E. Seidl 28. März 2021

Arthur Schnitzler sezierte in seinen Werken zwischenmenschliche Beziehungen und legte dabei Lebenslügen frei, die die Gesellschaft seiner Zeit prägten. Als Der Reigen, Schnitzlers erfolgreichstes Theaterstück, 1920 in Berlin uraufgeführt wurde, löste er einen der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts aus. Barbara Rieger wollte wissen, wie das Stück wohl in die heutige Zeit versetzt aussehen könnte und hat fünf Autorinnen und fünf Autoren dazu eingeladen, die zehn Dialoge in Prosa zu adaptieren.

Die Autor*innen ließen sich von Schnitzlers Vorlage inspirieren und übernahmen in Form eines literarischen Staffellaufs jeweils eine Figur ihrer Vorgänger*in. So entanden neue Geschichten rund um alte Fragen: Welche Rolle spielen Machtverhältnisse in sexuellen Begegnungen? Wie geht die Gesellschaft mit weiblichem Begehren um? Wie lassen sich die Grenzen zwischen Überrumpelung und Einvernehmlichkeit ausloten?

Situationen und Figuren wurden in Reigen Reloaded in die heutige Zeit versetzt. So hat bei Gertraud Klemm das Schulmädchen Leonie einen heißen Videochat mit dem Schulwart Josef, den sie Josh nennt, weil das jünger klingt. Schnitzlers Graf wird bei Thomas Stangl zum Erben mit Magistertitel. Bettina Balàkas Figuren vergleichen das romantische Potential eines doppelten Ehebruchs mit einem Tinder-Date und das süße Mädel, das in der Adaption Baby genannt wird, googelt in Martin Peichls Geschichte das Instagram-Profil ihres Dichters.

Foto: Alain Barbero

Barbara Rieger, geboren 1982 in Graz, Autorin und Schreibpädagogin. Lebt mit ihrer Familie im Almtal (Oberösterreich).

Gemeinsam mit Alain Barbero Herausgeberin des multilingualen Literatur- und Fotoblogs cafe.entropy.at.

Barbara Rieger (Hrsg.), Reigen Reloaded, Kremayr & Scheriau 2021.

256 Seiten

€22,90

Mit Texten von Daniela Strigl ∙ Gertraud Klemm ∙ Gustav Ernst ∙ Daniel Wisser ∙ Bettina Balàka ∙ Michael Stavarič ∙ Angela Lehner ∙ Martin Peichl ∙ Barbara Rieger ∙ Thomas Stangl ∙ 
Petra Ganglbauer ∙ Mit dem Originaltext von Arthur Schnitzler

Die Namenlosigkeit von Schnitzlers Charakteren wird in Reigen Reloaded teilweise durch Fake Names ersetzt: heißt der Barbesucher bei Gustav Ernst nun Josef oder Franz? Die Kellnerin Tina, Lisa, Pia, oder gar Mia? Im Grunde ist es nicht wichtig, wie sie heißen, denn es ist ohnehin immer das gleiche vergebliche Suchen nach Befriedigung, das sich ewig im Kreis weiterdreht.

Die Entstehung von Reigen Reloaded, das Weiterreichen der Figuren, trägt zur Wirkung dieser Prosabearbeitung der Schnitzlerschen Vorlage bei. So fließt die Geschichte von Autorin zu Autor weiter und fügt die individuellen Töne jeder und jedes Einzelnen zu einem stimmigen Ganzen zusammen.

Barbara Riegers kollaboratives Projekt ist eine gelungene Adaption von Schnitzlers Werk in die Gegenwart, die nicht nur die Aktualität des Originals, sondern auch die Zeitlosigkeit der behandelten Themen unterstreicht.


Barbara E. Seidl ist freie Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Trainerin für Deutsch und Englisch als Fremdsprache.

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