Das Ich besteht aus vielen einzelnen Teilchen

In Kooperationen mit bildenden und darstellenden Künstler*innen erforschte die österreichische Lyrikerin Caca Savic die Schnittstellen von Literatur, Bild, Körper und Raum. In ihrem neuen Gedichtband Teilchenland (Verlagshaus Berlin, 2020) widmet sie sich nun den Brüchen und Fragmenten der (eigenen) Sprache.

Wenn eine Autorin, ein Autor, sich dazu entscheidet, mehrsprachig zu schreiben, wird dieser Schritt gerne als biographisches Statement interpretiert. Was war für dich ausschlaggebend dafür, deinen Lyrikband buchstäblich als sprachliches Teilchenland zu gestalten?

Der Titel des Bandes kommt aus einem Gedicht. Da heißt es: die Verfremdung in Partikeln zählen. Teilchenland.

In den Texten arbeite ich mit und an Merkmalen von Herkunft, Identität/en, und da in der Einsprachigkeit zu bleiben, wäre für mich unehrlich, weil ich ein Ganzes immer als ein Zusammengewürfeltes aus einzelnen Teilchen verstehe. Sprache ist für mich keine lineare Erfahrung und Biografie schon gar nicht. Die lauert übrigens immer unterm Schriftstellerschreibtisch. 

In Teilchenland werden einander nicht nur Sprachfragmente, sondern auch Wort und Bild gegenübergestellt. Warum war es dir wichtig, den Text durch Illustrationen zu ergänzen?

Das Verlagshaus Berlin arbeitet in der Edition Belletristik schon immer mit Illustrator*innen zusammen, und da meine Dichtung stark bildhaft ist, passt das wunderbar. Nina Kaun hat zu meinen Texten wundersame Bilder geschaffen.

Seit Beginn der Corona Krise hat sich, abgesehen von den negativen Auswirkungen infolge von Einkommenseinbußen, ja auch viel Positives getan im Literaturbereich: Literatur-Streams, Multimedia-Projekte, eine lebendige Suche nach neuen Darstellungsformaten. Wie hast du diese Entwicklungen erlebt?

Die Entwicklungen waren sehr schnell, plötzlich ging so viel. Gleichzeitig zeigt sich aber immer mehr, wie wichtig es ist, sich in persona zu begegnen. Wir müssen aufpassen, dass in Begeisterung über die neuen Plattformen die Vorteile physischer Gleichzeitigkeit nicht vergessen werden. Vorgelesene Lyrik erlebt man nicht nur auditiv. Die anwesenden Körper und der Raum geraten in Resonanz. Dabei entstehen einmalige Klangknäuel.

Zur Visualisierung von Sprachenportraits werden gerne die Umrisse von Personen verwendet und jedem Körperteil dann eine bestimmte Sprache zugeordnet. Auch in Teilchenland wird Sprache mit dem Körper in Verbindung gebracht. Was hat das eine, deiner Meinung nach, mit dem anderen zu tun?

Sprache ist für mich etwas Körperliches, steckt eingeschrieben im Körper. Die Lesung ist für mich ein logischer weiterer Schritt meines Arbeitsprozesses und ist, wie ich oben beschrieben habe, wiederum eine körperliche Erfahrung. Manchmal wie ein Tanz.

Im deutschsprachigen Raum sind mehrsprachige Texte noch immer seltener zu finden als beispielsweise in der englisch- oder französischsprachigen Literatur. Woran könnte das liegen? Und wie könnte mehrsprachige Literatur, deiner Meinung nach, auch hier noch mehr ins Zentrum gerückt werden?

Die deutsche Literatursprache ist wie eine Heiligkeit und da ist es ein Sakrileg, Goethes und Schillers Sprache zu stören mit Elementen der Minderheitensprachen aus den Minderheitengesellschaften. Aber das wird glücklicherweise in vielfältigen Gesellschaften immer häufiger werden.


Caca Savic wurde in Österreich geboren und wuchs in einer mehrsprachigen Umgebung auf. Sie studierte Kunst- und Kultursoziologie sowie Architektur in Wien und lebt als Autorin in Berlin. Ihre Texte erscheinen in Zeitschriften, Anthologien und Kunstkatalogen. In mehreren Kooperationen mit bildenden und darstellenden Künstler*innen erforscht sie die Schnittstellen von Literatur, Bild, Körper, Raum. Daraus ergeben sich Zusammenarbeiten für Ausstellungen und Performances in Kunstvereinen, Projekträumen und Galerien. 2010 führte sie ein Arbeitsstipendium in der Ray Hughes Gallery in Sydney nach Australien und 2009 ein Arbeitsstipendium im Museum am Bussen nach Baden- Württemberg. 2017 wurde sie mit dem Kunstpreis des Europäischen Frauenforums für Kunst und Kultur e.V ausgezeichnet. 

Im Frühjahr 2020 erschien ihr Lyrikband „Teilchenland“ im Verlagshaus Berlin.

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