Ein Literaturhaus, viele Wohnzimmer

Seit dem 22. März bietet das Literaturhaus Salzburg Autorinnen und Autoren täglich um 20 Uhr eine Online-Bühne auf Facebook. Tomas Friedmann, Leiter des Literaturhauses und Erfinder von LIVE-LESEN, hat mit Litrobona über seine Erfahrungen mit dem neuen Online-Format gesprochen.

Das „literarische Anti-Corona Programm“ des Literaturhaus Salzburg ist die erste tägliche Live-Literaturveranstaltung Österreichs. Was hat euch zu diesem Schritt bewegt?

Tomas Friedmann: Sofort nach Bekanntgabe der ersten Einschränkungen für den Kulturbetrieb habe ich über Social Media die Aktion „Poste ein Lieblingsgedicht“ gestartet, an der tausende Literaturbegeisterte teilgenommen haben. Das hat mich bestärkt, rasch ein Online-Format auszuarbeiten, das mehrere Ziele verfolgt: 

1. Autorinnen und Autoren in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen und Absagen aller Veranstaltungen und Auftrittsmöglichkeiten eine Öffentlichkeit zu geben und sie für ihre Live-Lesung von daheim auch finanziell zu unterstützen – einerseits durch ein Honorar, andererseits durch die wiederholte Einladung ans Publikum, Bücher bei lokalen Buchhandlungen zu kaufen bzw. dort online zu bestellen (auch um der Verlagsszene und engagierten Buchhändlern zu helfen). 

2. Dem Publikum weiterhin regelmäßig die Teilnahme an Literaturveranstaltungen zu ermöglich – bei freiem „Eintritt“. 

3. Unsere Arbeit der Literaturvermittlung erfolgreich auf anderer Ebene weiterzuführen, dazuzulernen, und verstärkt international präsent zu sein.
Seit dem 22. März sind wir ON AIR – und ich bereue es keinen Tag, jetzt täglich und allabendlich im Literaturhaus dafür zu arbeiten.

Die Aktion ist interaktiv und viele Autoren bleiben über die Lesung hinaus in Kontakt mit Literaturbegeisterten, haben neue Leserinnen und Leser gewonnen.

Was macht das Besondere an diesem Format aus?

Tomas Friedmann: Ich wusste sofort, dass LIVE-LESEN täglich sein muss, damit man Menschen eine Alternative zum Fernsehprogramm u. a. Ablenkungsformaten anbietet. Das heißt, man braucht sich nicht einen bestimmten Termin zu merken, sondern weiß: Jeden Abend um 20 Uhr kann ich eine Literaturveranstaltung erleben – egal wo ich lebe, vom Handy genauso wie vom i-Pad oder vom Laptop. Und: Der Zuschauer, die Hörerin erhält bei regelmäßiger Teilnahme einen Ein- und vielleicht sogar Überblick über die österreichische Gegenwartsliteratur. Den Autoren ist freigestellt, was sie lesen: aus dem jüngsten Roman, eigene Lyrik, aus einem Manuskript oder dem gerade fertig gestellten Essay. Ich fordere die Schriftsteller außerdem auf, Fragen zu beantworten, auf Kommentare einzugehen, über sich und ihre literarischen Arbeiten ebenso zu sprechen wie über ihre gegenwärtige Situation. Die Aktion ist also interaktiv – und viele Autoren bleiben über die Lesung hinaus in Kontakt mit Literaturbegeisterten, haben neue Leserinnen und Leser gewonnen, die sich – wie sie mir manchmal rückmelden – die vorgestellten Bücher sofort bestellen. Überraschend ist für mich, dass wir Zuhörer nicht nur aus dem deutschen Sprachraum erreichen, sondern aus ganz Europa und darüber hinaus, z.B. in den USA und Asien.

Für alle, die bisher noch nicht reingeschaut haben: wie läuft so ein Literatur-Stream auf Facebook ab?

Tomas Friedmann: Der bzw. die Interessierte geht auf die Facebook-Seite des Literaturhauses Salzburg – und kurz vor 20 Uhr erscheint dort der Live-Stream der jeweiligen Autorin, des jeweiligen Autors. Das Programm ist Wochen im Voraus geplant und auf unserer Homepage zu finden. Um 20 Uhr startet die Lesung, das Gespräch – und dauert bis mindestens 20.30 Uhr (bei Lyrik) und bis maximal 21 Uhr. Dann gehen die Schriftsteller wieder offline. Die Zuseher können, wenn sie wollen, rechts neben dem Bild Kommentare und Fragen posten – oder einfach nur zuhören. Wer nicht auf Facebook ist, kann trotzdem teilnehmen: Man klickt auf die Startseite und ignoriert die Frage von FB, sich anzumelden bzw. zu registrieren. Das ist alles. Und man kann sämtliche Lesungen seit 22. März nachhören, also nicht nur sieben Tage – sondern jederzeit.

Funktioniert immer alles problemlos oder gibt es manchmal auch kleine Pannen?

Tomas Friedmann: Anfangs gab es wenige Male keine optimale Bild- oder Tonqualität, aber wir proben immer bereits untertags, um durch Rückmeldungen und (technische) Hilfestellung etwaige Fehler korrigieren zu können. Einmal war erst nach 15 Minuten eine Verbindung möglich, weil die Leitungen überlastet waren, darum steigen wir seitdem immer bereits 10 Minuten früher ein. Die Autoren stellen sich sehr geschickt und wissbegierig an – und manche agieren höchst professionell im Umgang mit dem Medium. Lustig ist für mich, dass Autoren oft brav warten, bis ich Ihnen das Signal zum Start gebe. Dann erst legen sie los.

Die durch die CoVid19 Krise bedingten Einschränkungen haben auch viele Literaturschaffende sehr hart getroffen, Stichwort Honorarausfälle. Wie kann man die Literaturwelt am besten unterstützen?

Tomas Friedmann: Neugierig und aufmerksam bleiben, lesen und kritisch hinterfragen, was aktuell passiert, sich solidarisch verhalten und Bücher nicht bei Amazon kaufen, sondern beim lokalen Lieblingsbuchhändler. Und: Nach Wiederaufnahme von Veranstaltungen Literaturhäuser, Festivals u. a. kulturellen Orte besuchen!

Nach nunmehr vier Wochen, wie würdest du deine Erfahrungen mit diesem neuen Format beurteilen? Gibt es Pläne, die Online-Lesungen auch in Post-Coronazeiten fortzusetzen?

Tomas Friedmann: Die Erfahrungen sind ausgesprochen positiv, die Autoren glücklich über dieses Format, das vielen Spaß macht. Manche überlegen sich genau den Ort, wo sie lesen (z.B. im Bett, im Wintergarten, am Schreibtisch) und was im Hintergrund zu sehen ist. Manche ziehen sich während der Lesung um, schminken oder verkleiden sich sogar. Insgesamt sind wohl viele überrascht – mich inklusive –, wie positiv die Reaktionen sind, wie dankbar das Publikum für LIVE-LESEN ist. Eine Fortführung ist kein unmittelbares Ziel, das besondere Erlebnis einer immer einzigartigen Lesung an einem Ort der tatsächlichen Begegnung nicht ersetzbar. Vorstellbar ist aber schon, künftig je nach Projekt ein Online-Format zu überlegen – zusätzlich zu unserem bestehenden Youtube-Channel und zum monatlichen „Radio Literaturhaus“. Doch wir alle – Autoren, Moderatoren, Übersetzer etc. sowie unser Publikum und wir Veranstalter – freuen uns schon jetzt auf die erste Live-Lesung im Literaturhaus Salzburg, wo das Leben zur Sprache kommt.

Wer auch die nächsten Live-Lesungen nicht verpassen möchte – einfach auf den Fernseher klicken:

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