I stream, you stream, we all stream Literatur-Streams. Mit Tipps von Fabian Navarro

Barbara E. Seidl, 27. April 2020

Sie sprießen förmlich aus dem Boden wie die Frühlingsblüten und strömen durch den Cyberspace: literarische Lesungen aus dem Wohnzimmer. Ausgangsbeschränkungen infolge der Ausbreitung des CoVid19 zwingen uns dazu, den Großteil unseres Tages in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Doch die Not hat viele erfinderisch gemacht.

Teils etwas unscharf, mitunter ein bisschen verwackelt, nicht selten mit einem leichten Knacken im eingebauten Mikrophon – so gewährt uns die heimische Literaturwelt Einblicke in diverse Wohnzimmer, Büros und Homestudios. Dabei meist prominent im Hintergrund: das obligatorische Bücherregal.

Die Aufregung ist durch den Bildschirm spürbar. Schließlich wird alles live-gestreamt und so richtig gut kennt sich noch niemand mit der Technik aus. Jede zweite Lesung beginnt mit der Frage „Hallo, könnt ihr mich hören?“. Die Nasen werden groß, jedesmal wenn die Autorin oder der Autor versucht, die Nachrichten im Live-Chat zu lesen. Dieses laufende Live-Feedback mag zwar vielleicht ein wenig ablenken und führt auch dazu, dass kommunikationslustige AutorInnen ihre Lesung unterbrechen, um Fragen von Freunden und Fans zu beantworten, doch dieser lebendige Austausch mit dem Publikum ist auch einer jener Aspekte, die dieses relativ neue Format so liebenswert machen.

Es wirkt alles ein wenig improvisiert und daher auch um ein Vielfaches entspannter als die manchmal vielleicht etwas stylisch inszenierten Lesungen, die wir aus der Vor-Coronazeit kennen. Da sitzt der Jungautor nicht mit schwarzem Hemd und Hipster-Brille schmeichelhaft beleuchtet auf einem Podium, sondern beugt sich leger gekleidet über sein Laptop, wodurch er überdimensional bildfüllend erscheint. Statt dem Wasserglas, benetzt er seine trockenen Lippen zwischendurch mit einem kühlen Blonden aus der Dose. Eine Jungautorin wiederum sitzt entspannt im Ohrensessel, dahinter eine widerspenstige Zimmerpflanze. Dabei kann es auch mal passieren, dass ein tierischer Mitbewohner ins Bild flattert und sich der Lesenden einfach auf den Kopf setzt.

Der Literatur-Stream als Inszenierung

Einige Künstler bringen die Kunst des Live-Streamens auf eine weitere Ebene, indem sie sich immer neue Verkleidungen ausdenken. Lesungen werden somit zur Selbstdarstellung, zur medialen Inszenierung. Dabei haben die AutorInnen gänzlich freie Hand und können ihre Texte frei von herkömmlichen Rahmen nach Lust und Laune präsentieren. Geben wir dieser Spezialform des Streamens doch einfach den klingenden Namen Queer-Streaming. Die Kreativität der Queer-Streamer ist ansteckend. Im Bekanntenkreis sind Videotelefonate in schriller Verkleidung bereits zum beliebten Zeitvertreib geworden.

Online-Lesungen als Vermarktung

Manche AutorInnen haben zurecht Kritik geäußert, dass Kunstschaffende plötzlich massenweise Gratis-Material ins Netz stellen. Die Gefahr, dass der Wert schriftstellerischer Arbeit, der durch billige E-Bookangebote ohnehin ständig gedrückt wird, vom neuen Trend des (privaten) Live-Streamens noch weiter herabgesetzt wird, sollte nicht unterschätzt werden. Auch für SchriftstellerInnen ist die CoVid19 Krise mit schmerzhaften Honorar-Entgängen verbunden. Warum sollten sie also Lesungen, für die sie normalerweise ein paar hundert Euro erhalten, plötzlich gratis anbieten? Der Online-Literaturfestival Viral, eine der ersten Plattformen, die willigen Literatur-Streamern eine Bühne geboten haben, versucht dem mit einem Paypal Konto entgegen zu wirken. Das Literaturhaus Salzburg bietet mit Live-Lesen eine Bühne für honorierte Literatur-Streams.

Für alle anderen bringen Live-Streams nicht zuletzt auch Vermarktungsmöglichkeiten. So manche/r noch relativ unbekannte/r Autor/in ist darüber erstaunt, plötzlich hunderte Zuseher zu haben, während sonst oft vor einem überschaubaren Kreis guter Freunde und Bekannter gelesen wird. Letztendlich muss wohl jede/r einzelne für sich selbst abwägen, ob eine Online-Lesung Sinn, oder zumindest Spaß macht.

Der perfekte Live-Stream

Stream-Möglichkeiten bieten u. a. Social Media Plattformen wie Facebook und Instagram, YouTube, oder über das Live-Streaming Videoportal Twitch. Was sollte man nun beim Literatur-Streamen bedenken? Das erklärt euch am besten Stream-Profi Fabian Navarro:

Fabian Navarro *1990 in Warstein, ist Autor, Slam Poet und Kulturveranstalter. Seit 2008 tritt er bei Lesebühnen und Poetry Slams auf, gewann mehrere Landesmeisterschaften und wurde bei den deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften 2017 Vize-Meister.

Auf Twitch streamt er regelmäßig über Toasts, Randale & Liebe, Stream & Drang und Streamprovisationen.

Wenn ihr Fabian unterstützen wollt, kauft am besten sein Buch oder spendet via PayPal 😉  

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