Die Unordnung der Erinnerung: Isabella Breiers Kosmo

REZENSION Barbara E. Seidl-Reutz 15.Mai 2025

Mit Kosmo hat Isabella Breier einen Roman geschrieben, der sich jeder eindeutigen Verortung entzieht. Science-Fiction, Groteske, philosophisches Gedankenexperiment, Reiseroman, Archivfantasie, all das steckt in diesem Buch, und doch trifft keine dieser Bezeichnungen ganz zu. Kosmo wirkt wie ein Text, der seine eigene Form erst während des Erzählens erfindet.

Die Erzählerin Chave arbeitet in einer Zukunftsgesellschaft des Jahres 2048 an einem Institut, das versucht, menschliche Erinnerungen, Gefühlswelten und Bewusstseinszustände zu archivieren. Das Flüchtige soll bewahrt, Gedanken sollen rekonstruierbar werden. Als Chave eine rätselhafte Audiodatei erhält und deren Urheberin verschwindet, reist sie in das griechische Dorf Kosmo, einen Ort, der sich jeder Stabilität widersetzt. Häuser, Wege, Zeitverhältnisse: Alles scheint sich zu verschieben. Der Roman folgt dabei keiner klassischen Spannungskurve, sondern einer Bewegung des Suchens, Abschweifens und Verlierens.

Foto @Bibliothek der Provinz

Isabella Breier, geboren 1976 in Gmünd in Niederösterreich, lebt in Wien und studierte Philosophie und Germanistik. Ihre Dissertation beschäftigte sich mit Ernst Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ und Wittgensteins Sprachspielbetrachtungen – ein Interesse an Sprache, Wahrnehmung und Bedeutung, das auch ihr literarisches Werk prägt. Neben Prosa veröffentlicht sie Lyrik und arbeitet als Lehrkraft für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Für ihre Arbeiten erhielt sie unter anderem den Theodor-Körner-Preis und mehrere Literaturstipendien. Kosmo ist ihr jüngster Roman. 

Die Autorin interessiert sich weniger für die Konstruktion einer futuristischen Welt als für die Frage, wie Erinnerung funktioniert und was Sprache mit Wirklichkeit macht. Chave sammelt, protokolliert, erklärt, verliert dabei aber zunehmend die Kontrolle über ihre eigene Erzählung. Aus dem Bericht einer Recherche wird allmählich ein Text über die Unmöglichkeit einer eindeutigen Ordnung. Geschichten schieben sich ineinander, Beobachtungen kippen ins Traumhafte, philosophische Reflexionen stehen plötzlich neben Slapstick und grotesker Komik. Der Roman nimmt dabei bewusst das Risiko der Überforderung in Kauf. Er verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich treiben zu lassen.

Auffällig ist auch der Ton. Breier schreibt mit einer Lust an Sprache, die selten geworden ist. Ihre Sätze mäandern, springen, verdichten sich, um im nächsten Moment wieder ironisch gebrochen zu werden. Immer wieder entstehen Formulierungen, die zugleich verspielt und präzise wirken. Man spürt, dass hier jemand schreibt, der philosophisch denkt, ohne den Roman in Theorie aufzulösen. Tatsächlich hat Breier Philosophie und Germanistik studiert und sich intensiv mit Sprachphilosophie beschäftigt. Diese Reflexion über Zeichen, Wahrnehmung und Bedeutung zieht sich durch den gesamten Text, bleibt aber literarisch gebunden und kippt nie vollständig ins Abstrakte. 

Dabei ist Kosmo auch ein Roman über Archive und die Sehnsucht, das Verschwinden aufzuhalten. Das Institut der „Temporary Eternal Collection“ wirkt wie eine groteske Übersteigerung gegenwärtiger Datensammelutopien. Erinnerungen sollen konserviert, Bewusstsein katalogisiert werden. Doch je mehr gesammelt wird, desto instabiler erscheint die Wirklichkeit. Der Roman stellt damit eine Frage, die weit über seine futuristische Oberfläche hinausweist: Was bleibt von Erfahrung, sobald sie gespeichert, sortiert und erklärt wird?

Beeindruckend ist, wie Breier diese großen Themen nicht mit gravitätischem Ernst behandelt. Immer wieder unterläuft sie Pathos durch Humor, Übertreibung oder absurde Wendungen. Chave ist keine souveräne Heldin, sondern eine widersprüchliche, pedantische, oft unfreiwillig komische Erzählerin. Gerade dadurch gewinnt der Roman eine Leichtigkeit, die ihn vor jeder philosophischen Schwere bewahrt.

Nicht alles geht dabei auf. Manche Passagen wirken bewusst überladen, manche Gedankenschleifen führen ins Offene oder verlieren ihren Rhythmus. Doch selbst dort bleibt der Eindruck eines literarischen Wagnisses bestehen. Kosmo will kein gefälliger Roman sein. Er will Räume öffnen, Wahrnehmungen verschieben und zeigen, dass Literatur mehr sein kann als die Illustration einer Handlung.

So entsteht ein Buch, das sich dem schnellen Konsum verweigert und gerade deshalb lange im Kopf bleibt: ein schillernder, eigenwilliger Roman über Erinnerung, Sprache und die seltsame Instabilität der Wirklichkeit. 


Isabella Breier, Kosmo. Septime Verlag, 2026. 336 Seiten.

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