Beziehungsweise: Christoph Salchers Ich und Kehlmann

REZENSION Barbara E. Seidl, 22. April 2024

Als Daniel Kehlmann 2003 Ich und Kaminski schrieb, gelang ihm mit diesem Roman das, was seinem Protagonisten, dem eitlen Kunstkritiker Sebastian Zöllner, vorenthalten blieb: der internationale Durchbruch. In seiner bissigen Satire des Kunstbetriebs lotete Kehlmann die Diskrepanz zwischen der maßlosen Überschätzung des Möchtegern-Biografen und der ernüchtenden Realität aus, einer Realität zu der Sebastian Zöllner immer mehr den Bezug verliert.

Szenenwechsel.

Wir schreiben das Jahr 2023. Seit Erscheinen von Ich und Kaminski sind 20 Jahre vergangen und Daniel Kehlmann ist mittlerweile einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Nur einer sieht den Starautor bereits auf den Untergang zusteuern. Kevin Fellner, ein Deutschlehrer aus der österreischischen Provinz macht sich mit seinem Meisterwerk Ich und Kehlmann auf den Weg zur Frankfurter Buchmesse, um Kehlmann vom Thron zu stoßen.

In seinem beeindruckenden Romandebüt Ich und Kehlmann nimmt Christoph Salcher nicht nur Kehlmanns Werk sondern gleich den gesamten Literaturbetrieb aufs Korn. Auch hier verschwimmen die Grenzen der Realität. So trägt nicht nur das Buch im Buch den gleichen Titel wie der Roman, auch der Protagonist beginnt bald daran zu zweifeln, ob er nicht am Ende selbst Daniel Kehlmann ist. Mit schmerzender Besessenheit heftet sich der Jungautor an die Fersen seines Idols, was immer wieder zu sehr komischen Szenen führt. Wird ihm sein Vorhaben am Ende gelingen, zum neuen leuchtenden Star des Literaturhimmels zu werden? In jedem Fall lohnt es sich, Kevin Fellner auf seiner Schelmenreise zu begleiten. Ein Geheimtipp für Literaturfans mit besonderem Mehrwert für Kehlmann-Kenner.

Christoph Salcher, geb. 1983 in Bruck an der Mur, Steiermark. Lehramtsstudium Germanistik, Philosophie, Psychologie an der Universität Innsbruck, Hochschullehrgang Ethik an der PH Salzburg. Lebt und arbeitet als AHS-Lehrer an einem Gymnasium in Graz. Ich und Kehlmann ist sein Debütroman. Foto © Christoph Salcher

Christoph Salcher, Ich und Kehlmann.Milena Verlag 2023, 220 Seiten, €24.

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