Keine Schwächen zeigen: Norbert Maria Kröll Die Kuratorin

REZENSION Barbara E. Seidl 18. Dezember 2022

Eine erfolgreiche Frau kann es sich nicht leisten, Schwächen zu zeigen. Immer das nächste Ziel im Visier, schiebt sie alle Hürden beiseite. Regina Steinfest, die Protagonistin in Norbert Maria Krölls Die Kuratorin ist eine Karrierefrau par excellence. Als Kuratorin der renommierten Belvertina setzt sie erfolgreich innovative Ausstellungen durch. Die verstaubte Kunst, die ihre vorwiegend männlichen Vorgänger förderten, verachtet sie. Um ihre radikalen Ideen umzusetzen, scheut sie keine Mühen. Gekonnt wickelt sie ihre Kolleg*innen um den kleinen Finger.

Doch dann wird Regina bei einem One-Night-Stand schwanger und ihre kunstvoll zusammengezimmerte Welt gerät aus den Fugen. Selbst, als sie entscheidet, das Kind ihrer besten Freundin zur Adoption zu übergeben, findet sie keine Ruhe. Was zunächst eine ideale Lösung scheint, wird bald zur größten Herausforderung für die ansonsten so touge Kuratorin, denn Baby Tom und der himmlische Geruch, der von ihm ausgeht, lässt ihre harte Schalte schmelzen. Nach und nach gewinnt ihr weiches Herz die Überhand – wie sich herausstellt, steht jedoch nicht im Widerspruch zu beruflichem Erfolg.

Norbert Maria Kröll, geboren 1981 in Villach, lebt und arbeitet in Mödling und Wien. Studium der Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst Wien. 2017 erschien sein Debütroman „Sanfter Asphalt“, 2018 erhielt er den Förderpreis des Landes Kärnten und das Jubiläumsfonds-Stipendium der Literar-Mechana. Sein zweiter Roman „Wer wir wären“ wurde mit der Buchprämie der Stadt Wien ausgezeichnet. Für die Arbeit am Roman „Die Kuratorin“ wurden ihm das Wiener Literaturstipendium sowie der Theodor-Körner-Preis zuerkannt. 

Foto © Jakob Gsöllpointner

Norbert Maria Kröll, Die Kuratorin, Kremayr & Scheriau 2022, 304 Seiten, €24.

Norbert Maria Kröll legt mit Die Kuratorin eine bissige Satire vor, die nicht nur den Kunstbetrieb aufs Korn nimmt, sondern auch Themen wie Feminismus, Kapitalismus und bedingungsloses Grundeinkommen zur Sprache bringt und dabei Klischees und Rollenbilder auf unterhaltsame Weise entlarvt.

Neben der spannenden Charakterentwicklung der Protagonistin sind es vor allem die kleinen Szenen des Alltags, die dank der scharfsinnigen Beobachtungsgabe des Autors für ein abwechslungsreiches Lesevergnügen sorgen. Mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor greift Kröll dabei viele aktuelle gesellschaftliche Diskurse auf, wie etwa jenen rund um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder verklärte Bilder von Mutterschaft.

Ist die Kuratorin Regina zu Beginn noch alles andere als eine Sympathietägerin, so wächst sie den Leser*innen mit jeder Seite immer mehr ans Herz.

Ein origineller, unterhaltsamer und wichtiger Roman, der in jedem Bücherregal einen Platz finden sollte.

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