Finnische Götterdämmerung: Roland Bonimairs Zum Goldenen Rentier

REZENSION Barbara E. Seidl, 23. Juni 2021

Was passiert, wenn finnische Götter ein Pinzgauer Volksfest auf den Kopf stellen? Bei einem Zusammenprall zwischen schrulligen Alpenbewohnern und lappländischen Mysterien, sind irrwitzige Turbulenzen praktisch vorprogrammiert.

In Roland Bonimairs Debütroman Zum Goldenen Rentier tummeln sich jede Menge schräger Gestalten: von der Hansi Hinterseer verehrenden lokalen Ski-Dominatorin Apollonia, der sonderbaren Facken-Cilli, gestrengen Trachtenfrauen, kampflustigen Ranglern, bis hin zu jodelnden Pferden bietet sich den Leser:innen ein buntes Bild alpenländischer Eigentümlichkeiten.

Doch dem nicht genug, denn unter der Lodenjoppe einer scheinbar idyllischen Fremdenverkehrsgemeinde brodeln mystische Geheimnisse.

Roland Bonimair, Zum Goldenen Rentier, Landam Saivo 2020, 144 Seiten, €18,90.

Schuld daran trägt vor allem der Bucher Toni, seinerseits eine Legende im Ort. Toni hat in jungen Jahren, als er als Gebirgsjäger im hohen Norden Finnlands stationiert war, die Aufmerksamkeit nordischer Götter auf sich gelenkt. Ein Flirt mit der geheimnisvollen Yma sollte dabei nicht ohne weitreichende Folgen für sein Salzburger Heimatdorf bleiben. Knapp fünf Jahrzehnte nach den Erlebnissen im hohen Norden tauchen finnische Götter und hinterlistige Geister im Pinzgau auf. Nun liegt es an Tonis neunzehnjährigem Enkel Jonathan, das drohende Unheil abzulenken.

Foto: Landam Saivo. Roland Bonimair, 1966 geboren und aufgewachsen in Mittersill (Pinzgau). Studium Germanistik und Finnougristik in Wien. Autor und Journalist. Lebt und arbeitet in Wien, Helsinki und Mittersill. „Zum Goldenen Rentier“ ist sein Debütroman.

Mit viel Sinn für Details nimmt der Autor liebevoll die alpenländische Kultur aufs Korn und rundet seine skurrile Geschichte mit fundierten Kenntnissen lappländischer Mythologie ab. Schwungvoll erzählt in dialektal-gefärbter österreichischer Umgangssprache, die immer wieder durch finnische Ausdrücke unterbrochen wird – sorgt das ungewöhnliche Aufeinandertreffen der beiden Kulturen nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf sprachlicher Ebene für originelle Pointen.

Zum Goldenen Rentier entführt uns in eine Welt, in der eine Trachtenmusikkapelle eingehüllt im Duft von Grillhendln und Bosnawürsteln durch ein Pinzgauer Dorf marschiert. Doch es ist auch eine Welt, in der nicht viel darüber diskutiert werden muss, dass der oberste Gott in spe einen anderen Mann liebt.

Ein wirklich originelles Leseerlebnis, das von der ersten bis zur letzen Seite sehr viel Spaß macht.


Barbara E. Seidl ist freie Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Trainerin für Deutsch und Englisch als Fremdsprache.

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