„Wir wollen mit unseren Darstellungen von Dialektliteratur immer auch grenzübergreifend agieren“

Foto: ÖDA-Österreichische DialektautorInnen und -archive (Facebook)

Mit dem Anno Dialekt Donnerstag (ADIDO) bietet der Verein österreichischer Dialekt Autor*innen und Archive seit 2013 eine Möglichkeit, Dialektliteratur in einem kleinen Rahmen zu präsentieren. Doch auch darüber hinaus macht sich „die Ö.D.A.“ für die Erforschung und Vermittlung dialektaler Literatur stark. Mehr dazu im Interview mit Ö.D.A. Generalsekretär Robert Anders.

Ihr Verein versteht sich als Interessensgemeinschaft, die sich der Forschung, Dokumentation und Veröffentlichung dialektaler Texte widmet. Wie sieht das in der Praxis aus?

Österreichische Dialekt Autor*innen und Archive – oder wie wir im Alltag sagen –„die ÖDA“ – sieht sich vorwiegend als Plattform, Bühne und Drehscheibe für Dialektliteratur. Dazu nutzen wir vorwiegend die Lesereihe Anno-DIalekt–DOnnerstag (ADIDO) im Café Anno, unsere zweimal jährlich erscheinende Literaturzeitschrift Morgenschtean (inklusive Präsentationen), die Öffentlichkeitsarbeit auf Homepage, Blog und Newsletter und die Bibliothek.

Wissenschaftliche Forschung – im Sinne eines universitären Auftrages – leistet die ÖDA nicht, sehr wohl aber das Zusammentragen und Sichtbarmachen von Kunst, die sich des Dialektes als Ausdrucksmittel bedient.

Mit Ihrer Dialektzeitschrift Morgenschtean möchten Sie der Dialektdichtung zu mehr Anerkennung verhelfen. Wird literarisches Schreiben im Dialekt im Allgemeinen zu wenig beachtet bzw. manchmal vielleicht sogar geringgeschätzt?

Dialekt als Kunst ist nur eine mögliche Ausdrucksform, kann als Stilmittel eingesetzt werden oder im Sinne eines „Muttersprachlichen (emotionalen) Ausdrucks“. Das erhöht die Vielfalt, zumal es DEN einen Dialekt nicht gibt. Außerdem ist die Jugendsprache unter dem Einfluss der social media und der hohen Präsenz der englischen Sprache im Alltag ohnehin einer ganz eigene Entwicklung unterworfen. Gerade deshalb ist es uns ein Anliegen, den Dialekt – in welcher Form auch immer – in seiner Vielfalt sichtbar zu machen und die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten von Dialektsprache aufzuzeigen. Wir wollen verdeutlichen, dass Dialekt (auch) jung ist und, dass Dialektliteratur so viel mehr sein kann als naive Lautmalerei, mit der sie schon mal gerne in eine Schublade gesteckt wird – eine Lade die bewusst unter Vermeidung der vermeintlich wertvolleren Bezeichnung „Literatur“ mit dem Wort „Gedichte“ beschriftet wird. Aber – und das ist wichtig – auch naive Lautmalerei ist eine Ausdrucksform der Dialektliteratur. 

In Bezug auf Dialekt gehen die Meinungen ja oft stark auseinander – auf der einen Seite sogenannte Dialektverfechter*innen, auf der anderen Seite jene, die Dialekt mit geringer Bildung gleichsetzen. Lassen sich aus Ihrer Sicht in Bezug auf die Pflege von Dialekt und Dialektdichtung auch regionale Unterschiede festmachen?

Dazu müsste man die zitierten „regionalen Unterschiede“ genauer unter die Lupe nehmen und definieren, das sprengt hier eindeutig den Rahmen. 

Aber: Vorurteile – in welche Richtung auch immer – gibt es überall – auch gegenüber Sprache, Ausdrucksformen oder gegenüber eines Dialektes. Dies kommt vor allem dann vor, wenn diese unterschiedlichen Dialekte womöglich geschichtlich, territorial oder gar ethnisch „besetzt“ sind. In solchen Fällen kann es grundsätzlich sehr leicht zu Vorverurteilungen kommen – nicht nur der Sprache, sondern vor allem den Menschen gegenüber, die sich dieser Sprache bedienen. Genau an diesem Punkt setzt die Idee der ÖDA an: Wir wollen mit unseren Darstellungen von Dialektliteratur immer auch grenzübergreifend agieren, sei es, dass es sich um „echte“ – also geografische Grenzen handelt oder um gesellschaftliche. Im Vordergrund steht zwar immer die Literatur selbst, aber die Themen mit denen sie sich beschäftigt, können gerne grenzenlos sein.

Sie organisieren auch viele Veranstaltungen – könnte man sagen, dass das Interesse an Dialektdichtung wieder zunimmt?

Ja, durchaus, vor allem unter jungen Leuten, die den Dialekt – sei er  gesprochen oder gesungen – als „stimmige“Ausdrucksmöglichkeit für sich selbst sehen und sich – vice versa – in den gehörten Texten selbst wiederentdecken oder verstanden  fühlen. Die Vielfalt der Darbietungen und Ausdrucksformen hat deutlich zugenommen, das sehen wir auch immer wieder an den Einsendungen, die uns erreichen.

Was braucht es Ihrer Meinung nach, um Dialekt auch im literarischen Bereich ein wenig mehr ins Zentrum zu rücken?

Es braucht Leute die bereit sind, diese Sparte zu unterstützen, sei es durch das zur-Verfügungs-stellen von Locations und Equipment, Leute, die passende Rahmenbedingungen schaffen. Es braucht aber auch stabile Fördersysteme, die es Vereinen wie dem unsrigen ermöglichen, auf professioneller Ebene zu agieren. Ehrenamtlichkeit ist eine tolle Sache, aber davon kann auf Dauer niemand leben. Auch die Künstler und Künstlerinnen wollen für ihre Leistung gerne honoriert werden, ebenso wie jene, die dafür sorgen, dass die Autor*innen ins Rampenlicht rücken können. Wir brauchen eine – auch unter pandemiebedingte Auflagen – machbare Kultur, Menschen mit Empathie, die sich trauen, ihre Emotionen in Dialekttexte zu fassen und sich damit auch auf die Bühne wagen  – kurz gesagt: Vüü Ektschn!

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