„Die Linzer Poetry Slam-Szene zeichnet sich durch ihre Diversität und Offenheit aus“

Foto © Sonja Aberl

Der Linzer Verein PostSkriptum bietet jungen KünstlerInnen eine Bühne um ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Bei der Startplatzverteilung wird auf eine 50:50 Quote von männlichen und weiblichen Poetinnen geachtet. Im Interview gibt Vereinsobmann Severin Agostini Einblicke in die Linzer Poetry-Slam Szene und spricht über die gesellschaftliche Aufgabe, die dieses Format erfüllt, indem es Menschen aus verschiedenen Bereichen auf der Bühne vereint.

In der Beschreibung eurer Vereinsarbeit steht, dass ihr die Poetration von gesprochener Schrift und des geschriebenen Wortes fördern möchtet. Was darf man sich da genau darunter vorstellen?

Das Vereinsgründungs-Team war auch schon ein lustiger Haufen, wie man an der Beschreibung merkt. Im Kern geht es darum Literatur lebendig werden zu lassen, die Geschichten und Texte aus der Fantasie der Schreibenden auf die Bühne zu bringen. Dafür liefert das Veranstaltungsformat Poetry Slam ein sehr niederschwelliges Angebot, um allen Interessierten einen leichten Einstieg in die performte Sprach- und Bühnenkunst zu ermöglichen. Diese Möglichkeit sich und seinen Texten auf einer Bühne vor Publikum Ausdruck zu verleihen, verschaffen wir, indem wir Workshops zu Kreativem Schreiben und für bühnen-performative Sprachkunst anbieten und indem wir offene Bühnen anbieten, wo sich alle ausprobieren können, die es wollen.

Was zeichnet Poetry Slam eurer Meinung nach aus?

Ein Poetry Slam zeichnet sich durch seine Vielfältigkeit, Unberechenbarkeit und Interaktivität aus. Vielfältig im Sinne von unterschiedlichen Menschen, welche diese Leidenschaft teilen. Sei es der pensionierte Hobby-Lyriker, der kreative Ingenieur, die lustige Studentin oder die talentierte Schauspielerin, es sind von jung bis alt, viele Gesellschafts- und Interessens-Schichten auf und vor der Bühne mit dabei. Unberechenbarkeit meint, dass sehr intensive unter die Haut gehende Texte auf komplette Blödel-Texte treffen können und beides ist legitim und spricht das Publikum auf unterschiedliche Art an oder auch nicht. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es keine thematischen oder stilistischen Vorgaben, sodass sich auch hier die ganze Bandbreite des künstlerischen Schaffens auf der Bühne offenbaren kann.

Insofern erfüllt Poetry Slam in gewisser Weise auch eine gesellschaftliche Aufgabe, in dem es Menschen zusammenbringt, die sich sonst so nicht treffen würde. Es wird über Texte, ihre Wirkung und deren Aussagekraft diskutiert. Dass das Publikum in weiterer Folge mit deren Interaktivität durch subjektiver Bewertung des Ganzen auch noch in diesen spontanen offenen Diskurs einsteigt, macht den Reiz, die Ungerechtigkeit und die Unterhaltsamkeit des Veranstaltungsformates aus. Am Ende des Ganzen bringt es allerdings ein Zitat von Allan Wolf auf den Punkt, im wahrsten Sinne des Wortes: „The points are not the point; the point is poetry.“ Auch wenn Poetry hier als Sammelbegriff eines vorgetragenen Werkes und nicht als Gedicht zu verstehen ist.

Welche Rolle spielt das Publikum bei einem Poetry-Slam?

Wie vorhin erwähnt, ist das Publikum ein wesentlicher Bestandteil des Formats. Nicht umsonst beschreiben wir unsere Abende gerne auch als “Poesie vom Publikum fürs Publikum!”. Das kommt daher, dass einige unserer langjährigen Poet:innen zuvor als Gäste im Publikum mehrere Abende begeisterte Zuseher:innen waren und danach entweder via Workshop oder direkt den Weg auf eine unserer Bühnen gefunden haben.

Daneben bewertet das Publikum dann auch die gehörten Texte ganz ihrem eigenen Geschmack. Es entscheidet keine Fachjury, niemand der sich anmaßt Literatur oder Vorträge nach standardisierten Regeln bewerten zu können, sondern einfach vollkommen zufällig irgendwelche Freiwilligen im Publikum. Damit wäre ein weiterer Aspekt der Unberechenbarkeit aufgezeigt. Man nehme dieselben Künstler:innen mit denselben Texten in derselben Reihenfolge und eine andere Jury und der Abend nimmt einen völlig anderen Ausgang. Letztendlich trägt das Publikum sehr entscheidend zur Stimmung des Abends bei, indem es sich auf seine mitgestaltende Rolle einlässt, viel applaudiert und eventuell auch nicht so ausgefeilten Texten Gehör schenkt und als Teil eines Poetry Slam Abends respektiert. Denn die einzige Regel für das Publikum lautet: “Respect the poets!” Das ist in Oberösterreich selbstverständlich und deswegen lieben wir unser Publikum über alles.

Kann Poetry-Slam auch in irgendeiner Form online funktionieren, oder braucht es dazu eine Präsenzveranstaltung?

Wir haben die letzten zwölf Monate vereinzelt Online-Formate ausprobiert, wie beispielsweise die Online-Landesmeisterschaften OÖ/SBG im Juni 2020 oder im Rahmen des Menschenrechte-Symposiums in Mauthausen Anfang November 2020. Einerseits haben wir dies für die Künstler:innen gemacht, um ihnen auch in bühnenlosen Zeiten eine Plattform zu bieten, andererseits auch für unsere Fans, damit wir in Kontakt bleiben und gesellschaftlich relevante Themen auch mittels digitalem Format transportiert werden. Der empfundene Mehrwert durch das fehlende Publikum ist seitens der Poet:innen begrenzt. Manche haben die Online-Formate auch verweigert, weil sie die Sinnhaftigkeit in Frage gestellt haben. Meines Erachtens war es zur Überbrückung des Live-Verbots eine interessante Alternative über die man auch mittels Chat und Online-Voting interagieren konnte, ersetzen werden diese Online-Formate Präsenzveranstaltung aber niemals können.

Wie würdet ihr die Poetry-Slam Szene in Linz beschreiben? Welche Slammer*innen sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen?

Die Linzer Poetry Slam-Szene zeichnet sich durch ihre Diversität und Offenheit aus. Durch unser großes Netzwerk schaffen wir es überregional bekannte Szene-Größen mit unseren lokalen Held:innen zusammen auf eine Bühne zu bringen. Entgegen früher vorherrschender Einladungs-Politik in manchen deutschsprachigen Regionen haben wir von Anfang an auf Geschlechterparität geachtet und darauf, möglichst unterschiedliche Genres von Künstler:innen und Textgattungen pro Abend anzubieten. Dadurch wird Poetry Slam in Linz nicht als Comedy oder Trauerlyrik Abend wahrgenommen, sondern als das, was das Format so spannend und unverkennbar macht: Als Abend voller Überraschungen, Stile, unterschiedlicher Themen und Ausprägungen der Sprach- und Performancekunst. Neben den großen regelmäßigen Events, wie in der Tabakfabrik oder im Landestheater mit geladenen Künstler:innen, bieten wir auch offene Bühnen, wie im Solaris, für Anfänger:innen jeglichen Alters an. Der Nachwuchsförderung kommen wir im Speziellen im Theater Phönix nach, wo vierteljährlich der U20-Slam stattfindet.

Linzer Poet:innen, welche sich als österreichweite Größen etabliert haben und auch Teil unseres Vereins sind, sind Sarah-Anna Fernbach, Manuel Thalhammer oder David Samhaber. Liest man diese Namen im Line-Up, ist höchste Qualität garantiert.


Post Skriptum – Verein zur Förderung der Poetration von gesprochener Schrift und des geschriebenen Wortes

Der Vereinszweck ist die Organisation und Durchführung von Poetry Slams im Großraum Linz und Oberösterreich. Der Verein versteht sich als Kunstplattform, der allen Literaturschaffenden die Möglichkeit bietet, eigene Texte vor Publikum zu präsentieren. Die Förderung von lokalen Autor*innen ist dem Verein ein besonderes Anliegen. Bei jedem Poetry Slam werden bis zu zehn Startplätze vergeben, dabei wird auf eine 50:50-Quote geachtet, was die Startplatzverteilung von weiblichen und männlichen Poet*innen betrifft.

https://www.postskriptum.at

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