Wissen wir denn je, was fiktiv ist und was (auto-)biografisch?

Foto © Thomas Langdon

Das Glück ist etwas, das gerne versprochen wird. In Büchern und Filmen wird uns vorgelebt, wie es auszusehen hat, in Ratgebern wird uns gezeigt, wie wir es erreichen können. Teresa Präauer nähert sich nun dem Thema Glück auf andere Weise: in ihrem neuen Buch Das Glück ist eine Bohne präsentiert sie ein Kaleidoskop an Geschichten, die die Grenze zwischen Realität und Fiktion auf charmante Weise verschwimmen lassen.

Frau Präauer, in einem anderen Interview haben Sie gemeint, der Titel Ihres neuen Buches, Das Glück ist eine Bohne, ist als ironische Anspielung auf sogenannte Glücksratgeber zu verstehen, dabei geht es in vielen der Texte  doch schon auch um die  Suche nach Glück, oder?

Es geht mir mit dem Titel des Buches auch um so etwas wie ein Reclaimen des Glücksbegriffs, das Wort also zurückzuerobern von den selbsternannten Glücksphilosophen, Kitschproduzenten und Ratgeberliteraturschreiberinnen. Das Glück in meinen Geschichten ist immer ein zitathaftes, es will dem Glück trauen und benutzt es doch vorerst versuchsweise und verspielt. In der ersten Geschichte leitet das Glück sich von einem Buchtitel der Künstler Fischli/Weiss ab, in der letzten wird das Glück zur Bohne, und die Bohne wird zum Stein, den man am Ende an einem Strand sucht, den es in einem Land ohne Meer (wie Böhmen) nicht so leicht zu finden gibt. Das alles sind auch literarische Anspielungen, die mir Spaß machen. Glück, unter Anführungszeichen, ist für mich dieser Spaß an den Verweisen im Schreiben und Lesen. 

Einige der Texte lesen sich fast wie Tagebucheinträge oder Kurzessays, die Grenzen zur Fiktion sind nicht immer klar erkennbar – fast wie bei Reality TV-Shows. Was reizt Sie an dieser Darstellungsform?

Es gibt in diesem Buch tatsächlich auch literarische Beschreibungen von Reality-TV-Shows. Aber die Texte folgen, bei allem Interesse, anderen Mustern und Stilprinzipien als denen der skripted reality. Wissen wir, egal, was wir lesen, denn je, was fiktiv ist und was (auto-)biografisch? Wissen wir das, im Nacherzählen, eigentlich über unser eigenes Leben? Mein Schreiben boxt sich fort von diesen Einschränkungen durch Genrezuweisungen. Eine Kollegin sagte vor kurzem zu mir: Dass du dieses Buch mit den kurzen Texten jetzt veröffentlichst, ist ja ein politischer Akt! Sie meinte damit, dass es Romane am leichtesten haben, in den Programmen der Verlage vorzukommen, von den Buchhändlern eingekauft zu werden, in den Zeitungen besprochen zu werden. Ich mache es anders und mein Verlag macht es anders. Das Buch ist, ein Monat nach dem Erscheinen, gerade in die zweite Auflage gegangen. Man soll nicht zu viele Ängste und Bedenken haben, nicht in einem künstlerischen Beruf. 

Steckt in den Geschichten auch tatsächlich Autobiografisches?  

Mein ganzes Herz steckt darin, ja, meine Lebenszeit, mein Verstand, mein Zweifeln, meine Lust, mein Unglück, meine Interessen und so weiter. 

Neben Texten, die in Österreich angesiedelt sind und etwa vom Aufwachsen auf dem Land erzählen, spielen viele Geschichten auch in den USA, vor allem in Iowa, wo Sie einmal Resident im International Writing Program und zwei Jahre darauf Visiting Professor waren. Wie unterscheidet sich das ländliche Österreich vom Mittleren Westen der USA?

Man könnte auch fragen, was das ländliche Österreich und der Mittlere Westen der USA überhaupt gemein haben. Da gibt es nichts, was mir einfiele. Ich kann aber beschreiben, was mich so interessierte daran. Da war einmal diese Landschaft, die man auch aus den Bildern von Grant Wood kennt – im Vorspann von »Desperate Housewives« sieht man sein Gemälde »American Gothic«, einen strengen Mann mit Heugabel und daneben seine strenge Frau oder Tochter mit Brosche unterm weißen Hemdkragen. Dahinter zu sehen ist eines dieser typischen weißgestrichenen Holzhäuser mit Veranda. Das Farmland ist dort weitläufig, und dann gibt es, inmitten von Rednecks, diese liberalen Colleges und sehr kleinen Universitätsstädte wie Iowa City, wo gleich neben dem Sportplatz der Buchladen ist, der Secondhandshop neben dem Burgerlokal und so weiter. Die Leute, die ich dort kennen gelernt habe, waren sehr, wie man so sagt, weltoffen. 

Mehrere Texte sind auch Ihrer Liebe zum Papier gewidmet. Denken Sie wird das Druckmedium Buch der digitalen Konkurrenz auf Dauer standhalten können?

Für solche Bücher, wie ich sie publiziere, ist das digitale Buch keine Konkurrenz, man muss nur einen Blick auf die Verkaufszahlen im Bereich Belletristik werfen, das E-Book liegt im einstelligen Prozentbereich. Sollte sich das ändern, ist das Buch eben auf dem Tablet und nicht auf Papier, das halte ich für den Fortbestand von Literatur für verkraftbar. Mir persönlich geht es um die Gestaltung des jeweiligen Mediums. Solange das auf Papier geschieht, setze ich mich damit auseinander, wie es hergestellt wird. Ich denke das Buch als dreidimensionales Objekt. Autobiografisch daran ist, dass ich im Haushalt eines Produktdesigners aufgewachsen bin, in dem man täglich über die Benutzbarkeit von Dingen gesprochen hat, und dass ich mir später die Kenntnis von digitalen Bildbearbeitungs- und Layoutprogrammen angeeignet habe, außerdem habe ich mich mit analogem Bleisatz und mit Letterpress beschäftigt und die Bücher der Schweizer Typografen und Buchgestalter gelesen. Mein Beruf ist und bleibt bei all dem der der Schriftstellerin, ich will bloß wissen, wovon ich spreche, wenn ich von Büchern spreche. Schönheit war da übrigens nie Mittel zum Zweck und ging nie auf Kosten von Benutzbarkeit. Nur noch schöne Bücher im Bleisatz auf handgeschöpftes Papier zu drucken und sich dabei an die etabliertesten Autorennamen und an längst abgenickte Bestsellertitel zu hängen, anstatt das Risiko einzugehen die jungen potenziellen Schriftstellerinnen der Gegenwart zu entdecken, halte ich für den grundfalschen Weg. 


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