Das ganze Leben ist eine Reise: Eva Schörkhubers Die Gerissene

REZENSION Barbara E. Seidl, 18. März 2021

Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, die gewohnten Bahnen zu verlassen und in der großen weiten Welt das Glück zu suchen? So auch Mira, die abenteuerlustige Heldin in Eva Schörkhubers neuem Roman Die Gerissene, die sich aufmacht, um in der Ferne ihren inneren Gleichklang zu finden und dabei immer wieder in turbulente Situationen gerät.

So viele Wendungen mein Leben auch genommen, so viele Irrwege es auch eingeschlagen haben mag, ich habe mich stets selbst an der Nase geführt, wenn es darum ging, weiter, weiter voranzukommen.

Die Gerissene (Eva Schönhuber, 2021)

So landet die junge Frau, die der Enge ihres Heimatdorfes entfliehen möchte, zunächst in Marseilles, wo sie sich mit dem Upcycling alter Kleidung einen Namen als Modedesignerin macht. Auch im algerischen Oran bleibt sie ihrem modeschöpferischen Talent treu und entwirft Minirocktaschen. In der Sahara sieht sie sich mit einer großen Leere konfrontiert, in einem Flüchtlingscamp bemüht sie sich um eine bessere Zukunftsperspektive.

Doch auch wenn es Mira stets gelingt, andere von ihren guten Absichten zu überzeugen, kommt letztendlich immer alles anders, als ursprünglich geplant. Schließlich überquert sie sogar das Meer: in Havanna wird einer ihrer Entwürfe durch Zufall zum Symbol einer aufständischen Bewegung. Wieder hat Mira die Chance, die Welt zu verbessern und ihren inneren Gleichklang zu finden.

Eva Schörkhuber zeichnet mit Mira eine zeitgenössische Schelmin, eine wahrlich Gerissene, der es gelingt, sich an allen Orten eine eigene Nische zu schaffen, ohne sich dabei je wirklich heimisch zu fühlen. Denn Mira ist eine Getriebe, die von der großen, unendlichen Freiheit träumt, ohne eine konkrete Vorstellungen davon zu haben, wie diese aussehen könnte.

Eine von Miras größten Gaben ist es, Geschichten zu erzählen – ein Talent, dass sie mit ihrer Autorin teilt. Präzise konstruiert in einer Sprache, die anfangs noch etwas gewöhnungsbedürftig ist, die aber, sobald die Leser*innen in den Sog der Geschichte hineingezogen werden, angenehm fließt, lässt der Roman die Leser*innen in die Stimmung der jeweiligen Orte eintauchen.

Foto: Jorghi Poll/Edition Atelier

Eva Schörkhuber ist 1982 in St. Pölten geboren und in Oberösterreich aufgewachsen. 2012 erhielt sie den exil-literaturpreis, 2013 den Theodor-Körner-Preis, 2015 die Buchprämie der Stadt Wien, 2020 war sie author@musil in Klagenfurt. Literaturwissenschaftliche Promotion über Archiv- und Gedächtnistheorien. Sie lebt und arbeitet in Wien. Konzeption und Durchführung der Wiener Soundspaziergänge. Redaktionsmitglied bei PS – Politisch Schreiben und Mitglied im Papiertheaterkollektiv Zunder.

Eva Schörkhuber, Die Gerissene. Edition Atelier 2021, 232 Seiten,

€ 22

Die authentische Wirkung ist nicht nur der guten Ortskenntnis der Autorin zu verdanken, sondern auch der Mehrsprachigkeit der Dialoge. Wenn auch einige Wörter unübersetzt bleiben, so wird ihr Sinn selbst Leser*innen, die nicht französisch, englisch oder spanisch sprechen, nicht verloren gehen.

Mit Die Gerissene hat Eva Schörkhuber eine unterhaltsame, abwechslungsreiche Abenteuergeschichte aus Sicht einer furchtlosen Heldin geschaffen, eine Perspektive, die man in der Literatur viel zu selten findet.


Barbara E. Seidl ist freie Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Trainerin für Deutsch und Englisch als Fremdsprache.

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