Geschichte schreiben: zwischen Fiktion und Wissenschaft

Stefan Zehetner ist Althistoriker, Autor und Journalist. In seinem Roman Primus inter Pares – Der Usurpator verpackt er fachliches Wissen in die Form eines historischen Romans. Auf diese Weise möchte er wissenschaftliche Fakten für jedermann und jederfrau zugänglich machen und so der Geschichte neues Leben einhauchen.

Dein Roman Primus inter Pares. Der Usurpator spielt am Ende des 2. Jahrhunderts in der Provinz Pannonia Superior. Was fasziniert dich an dieser Zeit?

Mich fasziniert eigentlich die römische Kaiserzeit im Gesamten. Was mich aber besonders an der Zeit fasziniert, in der mein Roman spielt, ist zum einen der Ort.

Pannonia superior ist eine der Provinzen, welche im heutigen Österreich liegen. Historische Romane spielen ja häufig an „exotischen“ oder „mythischen“ Orten. Für mich war es wichtig, darzulegen, dass auch in unseren Breiten historisch relevante Begebenheiten stattfanden. In der römischen Zeit waren dies nicht mal wenige. Da ist die Machtübernahme von Septimius Severus nur ein Teil davon.

Zum anderen faszinieren mich die Reformen, die schon unter Septimius Severus einsetzten und sich im 3. Jahrhundert fortsetzten. Heute wird diese Zeit ja vollkommen anders betrachtet, als noch vor 20 oder 30 Jahren. Damals wurde diese Zeit als Beginn des Niedergangs des Imperium Romanums gesehen. Heute wissen wir, dass es eine Zeit von Reformen ist, die den neuen Herausforderungen, sowohl innenpolitisch wie auch außenpolitisch, gerecht werden wollen.

In meinem Kopf entstanden Szenen, wie sich das Leben des betreffenden Menschen abgespielt haben muss. Ich verband den Werdegang mit anderen Begebenheiten der Zeit, in welcher die Person lebte und stellte mir vor, wie er so manche Veränderungen erlebte, wahrnahm und sich damit auseinandersetzte.

Du hast dich als Althistoriker auch wissenschaftlich mit der römischen Armee auseinandergesetzt. Worin bestand das Interesse und gleichzeitig die Herausforderung, dein Wissen in Romanform zu verpacken?

Militärgeschichte allgemein faszinierte mich schon immer. Zur römischen Militärgeschichte kam ich praktisch zwangsläufig durch mein Interesse an römischer Geschichte. Das Interesse bestand für mich nicht im Kampf oder im Krieg, ich bin kein Kriegsverherrlicher, eher das Gegenteil. Es waren vor allem die interne Organisation und Struktur, die mich faszinierte. Die Menschen dahinter, die ja nicht nur Soldaten, sondern auch ein wichtiger Gesellschaftsfaktor waren: Ingenieure, Beamte, Leute, die sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung kümmerten – all das ist ein Teil der römischen Armee.

Gerade Primärquellen, wie epigraphische, papyrologische, numismatische oder archäologische Quellen, geben uns einen guten Einblick in das Leben der Menschen während der römischen Kaiserzeit. Auf Grabsteinen oder Ehrendenkmälern finden wir die Lebensläufe, denn die Römer verzeichneten prinzipiell alles auf ihren Grabsteinen oder auf Ehrentafeln. Den diversen Papyri entnehmen wir die großen und kleinen Probleme des Alltags, sei es nun ein Ehevertrag, eine einfache Einkaufsliste oder aber ein juristischer Prozess gegen einen Nachbarn.

Und gerade durch dieses wissenschaftliche Quellenstudium wuchs mein Wunsch, die Geschichte in Form eines historischen Romans zu verpacken. Es fiel mir selbst auf, dass ich eine Inschrift aus römischen Zeiten nicht einfach nur las. In meinem Kopf entstanden Szenen, wie sich das Leben des betreffenden Menschen abgespielt haben muss. Ich verband den Werdegang mit anderen Begebenheiten der Zeit, in welcher die Person lebte und stellte mir vor, wie er so manche Veränderungen, wie Beispielsweise den Wechsel eines Kaisers, erlebte, wahrnahm und sich damit auseinandersetzte.

Auch das Schreiben gehörte seit meiner Kindheit zu meinen Passionen, wie auch die Geschichte.

Ich wollte damit vor allem zeigen, warum mich selbst die römische Geschichte so fasziniert und die wissenschaftliche Erkenntnis einem breiteren Publikum eröffnen.

Gewisse Erkenntnisse lassen sich zurzeit ohnehin nur in belletristischer Form wiedergeben. Dabei fällt mir immer Tom Clancy ein, der zwar in einem vollkommen anderen Genre schrieb, der aber oftmals vor denselben Problemen stand, nämlich dass seine Quellen nur in fragmentarischer Form vorlagen. In seinem Fall waren es die militärischen oder zivilen Akten, die, als „Top-Secret“ eingestuft, großteils geschwärzt vorlagen. In meinem Fall ist das Problem, dass einige Quellen, oder Teile davon, über die vielen Jahrhunderte verloren gegangen sind. Als man Tom Clancy einmal darauf ansprach, wie er dennoch seine Politthriller in so realer Form darlegen könne, sagte er: „Sie brauchen nur zu schauen, wie es begann und wie es endete. Und wenn sie noch ein paar Fragmente aus dem Inneren haben, wissen sie genau, wie es passierte.“ Genauso läuft es auch in meinem Fall.

Wissenschaftlich kann man so natürlich nicht arbeiten und das soll man auch nicht. Wissenschaftlich sollen die Fakten aufbereitet werden und, auch wenn man sich vorstellen kann, wie etwas ablief, ohne Quellen kann man zwar eine Vermutung oder Meinung äußern, darf diese aber nicht als die einzige Wahrheit ansehen oder propagieren. Man ist gezwungen seine Meinung durch die Quellen zu untermauern und das ist auch gut so.

Es kann durchaus sein, dass meine Darlegungen, wie ich sie in meinen historischen Romanen vorlege, sich in einigen Jahren schon wieder vollkommen anders darstellen, weil man mehr Quellen zur Thematik gefunden hat.

Auch dazu gibt es ein interessantes Beispiel:

Rosemary Sutcliffs historischer Roman „Der Adler der Neunten Legion“ erzählt von der Zerschlagung der neunten Legion „Hispana“ im Norden Britanniens. Als Sutcliff diesen Roman 1954 veröffentlichte, wurde auch in der Fachwelt angenommen, dass die Legion in den 120er Jahren n. Chr. im Norden Britanniens verloren ging. Auf einer in Stein gehauenen Liste aus den frühen 160er Jahren n. Chr. erschien sie nicht mehr. Man nahm, auch wissenschaftlich, an, die Vernichtung der Legion durch einen Feind im Norden hätte zum Bau des Hadrianswalls geführt.

Durch weitere Quellfunde in den folgenden Jahren konnte man die Legion allerdings bis in die 140er Jahre n. Chr. nachweisen.

Heute geht man davon aus, dass sie entweder im Bar-Kochba-Aufstand zwischen 132 und 135 so stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass sie schließlich aufgelöst wurde oder aber im Kampf gegen den parthischen Großkönig Vologases IV. 161 n. Chr. in Armenien vernichtet wurde. Aber auch das sind Vermutungen und Meinungen, die natürlich nicht sagen können, wie es tatsächlich war. Um die Wahrheit ans Licht zu bringen brauchten wir weitere Quellen, die aber nicht, oder noch nicht, vorliegen.

Bezüglich der Frage nach der Verpackung des Wissens in Romanform besteht die Herausforderung darin, die Vorgänge nicht zu „altklug“ darzulegen, womit der Roman zu einem „Professoren-Roman“ werden würde, wie dies Eckehard Weber, einer meiner Lehrer an der Universität Wien, immer zu sagen pflegte.

Wie man am Beispiel des ehrgeizigen Statthalters Lucius Septimius Severus sehen kann, war Networking bereits im Alten Rom ein wichtiges Mittel zum Erfolg.

In Rom war es üblich, dass man, egal welchen sozialen Standes man war, eine gewisse Ämterlaufbahn zu durchlaufen hatte. Dies schloss sowohl militärische wie auch zivile Posten ein. Wie auch heute war die Devise: Je höher man kommt, desto dünner wird die Luft. Sprich, um in die höchsten Stellen aufzusteigen, war es notwendig, seine Kontakte spielen zu lassen. Eine Nähe zum Kaiserhaus ist dabei natürlich besonders hilfreich.

Severus ist in meinem Roman besonders beispielgebend. Zum einen hält er sein Netzwerk zum Kaiserhaus aufrecht, zum anderen baut er aber im Hintergrund ein weiteres auf, um diesen zu stürzen. Wissenschaftlich ist diese Vorgehensweise zwar nicht nachweisbar, doch viele seiner Handlungen sprechen deutlich dafür.

Für den Kaiser selbst sind Netzwerke noch viel wichtiger. Er muss sich ein Gefolge aufbauen und hoffen, dass er geduldet wird.

Ein gutes Beispiel bietet der Kurzzeit-Vorgänger von Septimius Severus, Didius Iulianus. Als Kaiser Pertinax, der den Prätorianern nicht das versprochene Donativ zahlen konnte, weil das Kaiserhaus bankrott war, wurde er von diesen ermordet. Die Prätorianer hatten sich Didius Iulianus, den reichsten Mann Roms, auserkoren, weil dieser ihnen, aus seinem Privatvermögen, das versprochene Donativ zahlen konnte.

Didius Iulianus schaffte es jedoch nicht, ein Netzwerk aufzubauen. Das Volk missachtete ihn für seine Machtübernahme. Die Senatoren waren „not amused“ über das Vorgehen der Prätorianer, den Kaiserthron einfach zu versteigern. Und die Armee, die trauerte um einen der ihren. Keine besonders guten Voraussetzungen. Aber weitaus bessere für Septimius Severus, der, gerade in Pannonia superior, einer in den Markomannenkriegen stark in Mittleidenschaft gezogene Provinz, eine große Schar an Anhänger fand.

Obwohl Iulianus noch versuchte, den Senat auf seine Seite zu ziehen, gelang ihm dies nicht. Er erklärte Severus zum Staatsfeind, schickte sogar einen Attentäter, um ihn zu beseitigen. Dieser wechselte unverhohlen die Seiten. Genauso die Senatoren, die Iulianus schickte, um Severus eine Zusammenarbeit anzubieten.

Man sieht hier deutlich, wie die Netzwerke agierten. Man kann es gutheißen, oder nicht, aber Severus verstand es, die Menschen auf seine Seite zu ziehen. Auch wenn er meistens das Glück hatte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Das Self-Publishing bietet einige Vorteile, die man natürlich auch als Nachteile sehen kann. Man muss sich bewusstwerden, dass man auf sich selbst angewiesen ist.

Du hast deinen historischen Roman mit myMorawa publiziert. Warum hast du dich für Self-Publishing entschieden?

Ich habe vor meinem Schritt zum Self-Publishing natürlich auch nach Verlagen Ausschau gehalten und vielen davon mein Exposé zukommen lassen. Ich erhielt dabei teilweise durchaus positives Feedback, auch wenn von einer Veröffentlichung abgesehen wurde. Ein Historischer Roman ist eben ein eigenes Genre mit einer ebenso eigenen Zielgruppe.

Leichtfertig sollte man nie an die Verlagssuche herangehen. Ich kann jeder Neu-Autorin und jedem Neu-Autoren nur empfehlen, sich mit der Interessengemeinschaft Österreichischer Autorinnen und Autoren in Verbindung zu setzen. Man erhält dort Hilfe bezüglich Autorenverträge und Unterstützung bei Unsicherheiten. Man muss dafür kein Mitglied dieser Organisation sein.

Die sogenannten „Selbstzahlerverlage“ sprießen. Als erste Faustregel kann ich nur raten: Wenn man irgendwo liest: „Verlag sucht Autoren“, bloß Finger weg.

Den Schritt zum Self-Publishing habe ich ebenso genau abgewogen.

Plattformen, wie myMorawa bieten in diesem Fall eine gute Einstiegsmöglichkeit, weil eine gewisse Hintergrundunterstützung da ist.

Warum ich mich dann zum Self-Publishing entschieden habe, ist eigentlich einem „äußeren Einfluss“ geschuldet.

Im Jahr 2019 fand in Wiener Neustadt die Niederösterreichische Landesausstellung statt. Nach dem Leitspruch des Bürgermeisters, Klaus Schneeberger, „Stadt und Land miteinand“ wurde auch das Umland miteinbezogen. Die Bucklige Welt, wo meine eigentliche Heimat liegt, beteiligte sich an der Landesausstellung unter dem Motto „Genussvolle Landgeschichte(n)“. Mein Roman spielt auch zum Teil in der Buckligen Welt und daher war es eine interessante und gute Möglichkeit auf diesen bereits fahrenden Zug aufzuspringen. Dazu war es nötig, den Roman rasch zu veröffentlichen, was dann im November 2018, noch vor Beginn der Landesausstellung, geschah.

Auch hier sieht man wieder, wie wichtig die Netzwerke sind.

Das Self-Publishing bietet einige Vorteile, die man natürlich auch als Nachteile sehen kann. Man muss sich bewusstwerden, dass man auf sich selbst angewiesen ist. Im Marketing, in der Organisation von Lesungen oder Veranstaltungen und sogar im Vertrieb. Dabei kann ein Verlag unterstützen. Die Plattform myMorawa bietet in diesem Fall zwar Unterstützungsmöglichkeiten, doch liegt es nach wie vor an den Autoren selbst, diese umzusetzen.

Ich persönlich sehen den Vorteil des Self-Publishings vor allem darin, mir einen Namen und eine Reputation aufzubauen. In diesem Fall ist es ähnlich, wie beim publizieren wissenschaftlicher Texte oder Bücher. Auch dabei geht es darum, sich einen Namen in der Fachwelt zu machen.

Als bereits mehrfach publizierter Schriftsteller hat man es in der Verlagswelt vielleicht einfacher.

Ich weiß es ja noch nicht, doch ich bin mal guter Dinge. Wir werden sehen.

Was sollte man wissen, bevor man sich für Self-Publishing entschließt? Hast du Tipps, was man beachten sollte?

Wie ich schon erwähnte, muss man sich bewusst sein, dass man auf sich alleine gestellt ist. In jedem Belangen.

Ein Buch zu veröffentlichen besteht nicht nur daraus, es zu schreiben. Schon zu Beginn der Veröffentlichung muss man sich um das Design kümmern. Ein Lektorat wäre ebenfalls sehr zu empfehlen. In beiden Fällen hilft myMorawa, die sowohl Desings zur Verfügung stellt als auch Kontakt zu Lektorinnen und Lektoren herstellt. Ich muss sagen, dass dies besonders gut geklappt hat und ich mit meiner Lektorin, Judith Kreiner, auch in meinem weiteren Projekt wieder zusammenarbeite. Vernetzung ist in diesem Fall also schon mal sehr wichtig.

Besonders wichtig ist auch das Marketing für das Buch.

Da gibt es viele Möglichkeiten und schon mal vorweg, man muss sie nicht alle nutzen. Social Media ist heute natürlich ein wichtiges Tool. Eine Homepage ist nicht zwingend erforderlich, aber vielleicht doch hilfreich.

Was die Medien betrifft, so sind vor allem Lokalmedien für den Start sehr interessant. Das klingt zwar etwas abwegig, doch gerade diese sind oft froh, eine Geschichte über einen Menschen aus der Stadt oder der Region machen zu dürfen. Und man soll solche Medien auch nicht unterschätzen, ihre Kreise reichen oft weit.

Auch Plattformen, wie Litrobona, sind sehr wichtig, weil man auch über diesem Weg viele potentielle Leserinnen und Leser erreicht und der Verbreitung der Plattform weiterhilft. Je weiter die Kreise sich ziehen, desto weiter reicht auch das Potential des Buches.

Was mir besonders am Herzen liegt, sind auch die Kontakte zu Leserinnen und Lesern selbst. Ich weiß, sowas kann manchmal etwas nervig sein, doch sind deren Feedbacks häufig besonders hilfreich.

In meinem Fall wurde beispielsweise nach Kartenmaterial gefragt. Antike Ortsnamen sind häufig nicht so geläufig und auch wenn man die Gegend kennt, doch etwas schwer nachvollziehbar. Daher arbeite ich bei meinem zweiten Teil mit der Grafikerin Sandra Neuditschko zusammen, die mir Kartenmaterial anfertigt.

Alles in Allem muss man schon sagen, dass Self-Publishing aufwändig ist. Zeitlich und auch finanziell.

Ich denke, man muss dafür brennen.

Und wenn man dies tut, nimmt man vieles gerne in Kauf. Außerdem muss auch gesagt sein, dass ich als Self-Publisher keinen Deadlines unterliege. Ich selbst entscheide wann und wie das nächste Buch herauskommt. Außerdem bleibt die Möglichkeit, bei einem Verlag zu veröffentlichen, sofern eine Zusammenarbeit zustande kommt, ja immer noch bestehen. Die Erfahrungen, die man als Self-Publisher macht, kann einem niemand nehmen und sie können auch beim Aushandeln eines Autorenvertrags hilfreich sein.

Ich bereue meinen Schritt nicht, auch wenn ich nach wie vor nach Verlagen Ausschau halte.

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