Die Toten kehren zurück: Rick Ruperts Erinnern an uns

REZENSION Barbara E. Seidl-Reutz, 23. Juni 2026

Mit Erinnern an uns erweitert Rick Lupert die literarische Welt, die er bereits in seinem Debüt Der schlimmste Feind entworfen hat, um eine weitere, erschütternde Facette. Hinter der Krimihandlung verbirgt sich eine intensive Auseinandersetzung mit Erinnerung, Schuld und dem Umgang mit historischen Verbrechen.

Im Mittelpunkt steht die Gerichtsmedizinerin Susanne Knecht, die mit einer Reihe mysteriöser Todesfälle konfrontiert wird. Die Ermittlungen führen sie nicht nur zu den lange verdrängten Verbrechen an den indigenen Osaten, sondern auch tief in die eigene Familiengeschichte. Aus einem scheinbar klassischen Kriminalfall entwickelt sich eine Geschichte über kollektives Schweigen, historische Verantwortung und die Frage, wie viel eine Gesellschaft bereit ist zu verdrängen, um ihr Selbstbild aufrechtzuerhalten.

Besonders faszinierend ist dabei die Welt, in der der Autor seine Geschichte ansiedelt. Die geteilte Insel mit den Staaten Meerland und Osat, die bereits in Der schlimmste Feind eine zentrale Rolle spielte, gewinnt hier noch mehr Kontur und Tiefe. Politische Spannungen, historische Konflikte und gesellschaftliche Strukturen wirken so glaubwürdig ausgearbeitet, dass die fiktive Welt beinahe real erscheint. Statt bloßer Kulisse wird sie selbst zu einem wesentlichen Bestandteil der Erzählung und trägt maßgeblich zur Atmosphäre des Romans bei.

Dabei nutzt Rick Lupert die Distanz der Fiktion, um Themen zu verhandeln, die weit über seine erfundene Inselwelt hinausreichen. Die Geschichte der Osaten erinnert an reale Erfahrungen von Kolonialisierung, Vertreibung und kultureller Auslöschung, ohne sich dabei auf konkrete historische Vorbilder festzulegen. Diese Offenheit macht den Roman universell und erlaubt unterschiedliche Lesarten.

Auch stilistisch geht der Autor eigene Wege. Verschiedene Erzählebenen und dokumentarisch wirkende Elemente verleihen der Handlung zusätzliche Tiefe und unterstreichen die zentrale Bedeutung von Erinnerung und Geschichtsschreibung. Die Spannung entsteht dabei weniger durch spektakuläre Wendungen als durch die allmähliche Enthüllung von Zusammenhängen und die bedrückende Erkenntnis, wie stark die Vergangenheit bis in die Gegenwart hineinwirkt.

Erinnern an uns ist ein kluger, vielschichtiger Roman, der Krimi, Gesellschaftskritik und politische Allegorie miteinander verbindet. Wer bereits von Der schlimmste Feind begeistert war, wird die Rückkehr in diese außergewöhnliche Welt zu schätzen wissen. Aber auch ohne Vorkenntnisse bietet der Roman eine fesselnde Geschichte, die lange nach der letzten Seite nachhallt.

Foto: © Fondation Jan Michalski, Tonatiuh Ambrosetti

Rick Lupert (*2001) studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien. Veröffentlichungen in diversen Literaturzeitschriften. Sein Debütroman Der schlimmste Feind erschien 2024. Für die Arbeit an seinem zweiten Roman Erinnern an uns erhielt er ein Residenzstipendium der Jan-Michalski-Stiftung. Aktuell studiert er Literarisches Schreiben und Lektorieren in Hildesheim.


Rick Lupert, Erinnern an uns. Verlag Rotscheibe, 2026. 235 Seiten.

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