Fragile Utopie: Lisa-Viktoria Niederbergers LAHEA

REZENSION Barbara E. Seidl-Reutz 28.Mai 2026

Ein Wal liegt am Strand der Insel Ebria, sein Körper voller Plastikreste aus einer untergegangenen Zeit. Die Bewohner*innen nehmen Stücke seines Körpers mit ruhiger Selbstverständlichkeit auseinander und verwerten ihn sorgfältig. Bereits in dieser Szene verdichtet sich bereits vieles von dem, was Lisa-Viktoria Niederbergers LAHEA prägt. Die Gesellschaft auf Ebria wirkt zugleich uralt und futuristisch. Rituale stehen neben politischen Ideen, die weit über die Gegenwart hinausweisen. Die Autorin entwirft keine technologische Zukunftsvision, sondern eine Gesellschaft, die sich von vertrauten Machtordnungen gelöst hat und dennoch nicht frei von Konflikten ist.

Ebria erscheint zunächst wie eine Antwort auf die Erschöpfung der Gegenwart. Beziehungen folgen keinen festen Normen mehr, Care-Arbeit wird gemeinschaftlich getragen, Hierarchien scheinen aufgebrochen. Doch der Roman interessiert sich nicht für die Behauptung eines idealen Zustands. Vielmehr zeigt er, wie verletzlich jede soziale Ordnung bleibt, auch dann, wenn sie aus dem Wunsch nach Gerechtigkeit entsteht. Unter der Oberfläche dieser Gemeinschaft wachsen neue Spannungen, neue Formen der Kontrolle und neue Ängste.

Die Insel wird dadurch nicht zur Utopie, sondern zu einem Experiment. Immer wieder stellt der Text die Frage, wie Menschen miteinander leben könnten, ohne dabei einfache Antworten anzubieten. Gewalt verschwindet nicht einfach mit dem Willen zur Veränderung. Sie kehrt wieder, in anderer Form, aus anderen Motiven. Manche Figuren sehnen sich nach Zugehörigkeit, andere nach Macht, wieder andere versuchen lediglich, inmitten der Veränderungen ihren Platz zu finden.

Erzählt wird die Handlung aus mehreren Perspektiven. Dadurch entsteht keine eindeutige Wahrheit über diese Gesellschaft, sondern ein Netz unterschiedlicher Wahrnehmungen. Jede Figur erlebt Ebria anders, abhängig von Herkunft, Erfahrungen und Beziehungen. Die politischen Ideen bleiben nicht abstrakt, sondern zeigen sich in konkreten Leben, in Körpern, in emotionalen Abhängigkeiten und Unsicherheiten.

Auch Lahea selbst bleibt widersprüchlich. Sie bewegt sich tastend durch diese Welt, beobachtet mehr, als dass sie handelt, und wirkt oft überfordert von den Erwartungen, die an sie gestellt werden. Diese Unsicherheit macht sie glaubwürdig. Der Roman verweigert die klare Heldinnenfigur und interessiert sich stärker für Ambivalenzen als für eindeutige Entwicklungen.

Lisa-Viktoria Niederberger lebt und arbeitet Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin in Linz. In ihren Texten spürt sie den Beziehungen zwischen Mensch und Natur nach und lotet Möglichkeiten eines solidarischen Zusammenlebens aus. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Frau-Ava-Literaturpreis, dem Theodor-Körner-Preis und dem Kunstförderpreis sowie dem Marianne.von.Willemer-Frauen. Literatur.Preis der Stadt Linz. Nach Veröffentlichungen in verschiedenen Genres – von Kinderbuch über Essay bis Kurzprosa. LAHEA ist ihr Romandebüt. www.lisaviktorianiederberger.at

Foto © Zoe Goldstein

Lisa-Viktoria Niederbergers Sprache trägt viel zur Atmosphäre des Textes bei. Naturbeschreibungen wirken klar und zurückgenommen, während unter vielen Szenen ein Gefühl latenter Bedrohung bleibt. Immer wieder entsteht der Eindruck, dass diese Gesellschaft jederzeit kippen könnte. Gerade deshalb liest sich LAHEA weniger wie eine ferne Zukunftserzählung als wie eine Verschiebung gegenwärtiger Fragen. Wer entscheidet über Gemeinschaft? Wie viel Freiheit hält sie aus? Und welche Muster aus der alten Welt tragen Menschen weiter, selbst wenn sie glauben, bereits anders zu leben?

Der Roman beantwortet diese Fragen nicht. Er öffnet vielmehr einen Raum für Möglichkeiten und Widersprüche. Vielleicht bleibt LAHEA auch deshalb so lange im Gedächtnis, weil der Text Hoffnung nicht von Gewalt trennt und Fortschritt nicht als geradlinige Bewegung versteht. Alles bleibt im Fluss, auch die Gesellschaft, die sich selbst neu erfinden wollte.


Lisa-Viktoria Niederberger, LAHEA. Otto Müller Verlag, 2026. 370 Seiten.

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