Gegen das Kleinreden: Nicole Lists Angst vor Männern

REZENSION Barbara E. Seidl-Reutz 2. April 2026

Nicole Lists Angst vor Männern ist kein Buch, das auf Zustimmung oder vollständige Identifikation abzielt. Gerade darin liegt seine Stärke. Der Text besteht nicht darauf, dass jede*r Leser*in jede Erfahrung teilen müsse. Vielmehr schafft er einen Raum, in dem das persönlich Erlebte in seiner Eigenlogik ernst genommen wird. Ausgehend von konkreten Erfahrungen mit Übergriffen, Bedrohung und den feinen wie groben Formen männlicher Grenzüberschreitung entfaltet die Autorin eine essayistische Selbstbefragung, die stets dicht an der eigenen Wahrnehmung bleibt. Auch dort, wo sie Zahlen und gesellschaftliche Fakten heranzieht, verschiebt sich der Fokus nie weg vom Inneren: von den Spuren, die Angst im Denken, im Körper, in alltäglichen Bewegungen hinterlässt. 

Foto Luiza Puiu

Nicole List, geboren 1990 in der Steiermark, wächst auf einem Bauernhof auf. Aus Liebe zur Literatur studiert sie Germanistik in Graz und Wien. Seit 2016 arbeitet sie als Buchhändlerin. Im Mai 2023 erfüllt sie sich mit der Buchhandlung List mit Schwerpunkt auf deutsch-, französisch- und italienischsprachiger Literatur den Traum von der eigenen Buchhandlung. Viele kennen Nicole List als unermüdliche Buchexpertin im Fernsehen und in den sozialen Medien sowie als Moderatorin zahlreicher literarischer Veranstaltungen. „Angst vor Männern“ ist ihr Debüt.

Gerade diese Nähe zum Selbsterlebten macht den Text so anregend. Nicole List verallgemeinert nicht vorschnell, sondern beschreibt, analysiert, tastet sich an Gefühle heran, die viele Frauen in unterschiedlichen Abstufungen kennen. Erfahrungen, die manche nur streifen, hinterlassen bei anderen jedoch tiefe und lang anhaltende Wunden. Mitgedacht ist dabei auch jenes gesellschaftlich eingelernte Echo, das solche Wahrnehmungen allzu oft relativiert, die Behauptung, es sei „nicht so schlimm“, man übertreibe, man solle sich nicht so anstellen. Das Buch hält genau gegen diese Routinen des Kleinredens an, nicht durch Polemik, sondern durch präzise literarische Selbstbeobachtung.

Dass ein so intimer und zugleich gesellschaftlich hellwacher Text beim neuen, innovativen Wiener Kleinverlag Wasser Publishing erscheint, wirkt dabei besonders stimmig. Hier findet ein Schreiben Platz, das das Persönliche nicht vom Politischen trennt, sondern im Nachdenken über Angst auch Fragen nach Wahrnehmung, Erinnerung und sozial erlernter Beschwichtigung aufwirft. So wird Angst vor Männern weniger zu einem Buch der Thesen als zu einem Text, der Reflexion auslöst. Reflexionen über individuelle Verletzbarkeit, die Verschiedenheit der Erfahrungstiefen und die Mechanismen, mit denen gerade weibliche Angst allzu oft entwertet wird. 


Nicole List, Angst vor Männern. Wasser Publishing, 2026. 128 Seiten.

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