„In unserer Gesellschaft bedeutet Wertschätzung eine gewisse Honorarhöhe.“

Foto © Edition Arthof

Die letzten beiden Jahre waren durchaus eine Herausforderung – insbesondere auch für Künstler*innen. Sie führten aber auch zu innovativen Ideen, die schon lange not taten. Eine davon ist »Edition Arthof«, ein Verlag bei dem die Leser*innen im Zentrum stehen. Die Literatin Marlen Schachinger hob diesen etwas anderen Verlag nach den Erfahrungen des Projekts »Arbeit statt Almosen« aus der Taufe. Im Interview erzählt sie, was Edition Arthof von herkömmlichen Verlagskonzepten unterscheidet.

Ein Verlag ist in der heutigen Zeit immer mit einigem Risiko verbunden. Warum war es Ihnen ein Anliegen, die Edition Arthof zu gründen?

Nun, Leben an und für sich ist riskant, nicht wahr? Würden wir alles zu meiden trachten, was Konsequenzen haben könnte, müssten wir aufhören zu leben, dann wären wir sicher. Verglichen mit den Unwägbarkeiten des Lebens dünkt mir ein Verlag durchaus ein kalkulierbares Risiko.

Nicht die Frage nach dem Risiko sollte über unser Tun und Lassen, unser Sein entscheiden, sondern die Frage nach Notwendigkeiten; und – ja, das würde ich auch noch gelten lassen: – die Frage nach Ressourcen. Ich habe das Glück, seit jeher ein ziemliches Energiebündel zu sein, mit tausend Ideen im Kopf. Und ich bin mittlerweile alt genug, um das Risiko einzugehen, es mir mit manchen zu verderben. Wenn ich dafür Profil zeige, umso besser. 

Mir geht es bei der Edition Arthur primär um den Versuch, ob in unserer Welt ein anderes Wirtschaften möglich ist: Bedeutet unser Sprechen über ein Miteinander wirklich eine reale Sehnsucht danach? Und wie lässt sich dieses Miteinander fair – für alle Beteiligten! – umsetzen? Das waren und sind die Fragen, die mich umtreiben.

Was unterscheidet die Edition Arthof von herkömmlichen Verlagskonzepten?

Unser Arbeitsmodell unterscheidet sich bewusst von anderen Verlagen, seien es nun große Publikumsverlage, in denen eine Marketingabteilung seit Langem schon das Programm bestimmt, oder seien es Kleinverlage, die sich um eine Person bilden, gerne im Familienmodell tituliert, wodurch alsdann oft patriarchale Verleger-Väter entstehen. Beide Konzept schaffen mir aus weltanschaulichen Gründen Unbehagen. 

Natürlich nährt sich meine Sicht auf Verlage auch aus meiner hauptberuflichen Tätigkeit als Literatin! Die Erfahrungen, die ich im literarischen Feld machte, lehrten mich, vor allem das Miteinander zu schätzen. Deswegen bitten wir unsere Leser*innen zu unseren Autor*innen an einen virtuellen Tisch: Wir unterhalten uns mit ihnen über ihre Lesevorlieben und schlagen ihnen Möglichkeiten zur Auswahl vor. Das können Buchprojekte sein, doch wir haben auch andere Ideen, die wir nach und nach lancieren werden. Die Leser*innen entscheiden direkt, was in Druck geht. Das geschieht einerseits durch Stimmabgabe, andererseits durch Vorbestellungen. 

© Edition Arthof Lektorin Nadine Kube

Durch diesen Umweg – wenn man es so nennen will, weil solche Prozedere durchaus ihre Zeit brauchen – erscheinen zwar weniger Werke, dafür diejenigen, die ihre Leser*innen finden. Das schont Ressourcen, was im Hinblick auf die Klimakrise relevant ist.

Neben der Partizipation ist in der Edition Art Hof die Transparenz ein entscheidendes Element. Im Gegensatz zu anderen im literarischen Feld geschieht die Mitarbeit im Verlag ehrenamtlich. Oder um es persönlicher zu sagen: Wenn schon Stunden meiner Arbeitszeit sich im Ehrenamt ansiedeln, bestimme lieber ich das Projekt. Eine Sichtweise, die auch manche andere Literat*innen teilen, wie auch im Dokumentarfilm »Arbeit statt Almosen« (https://www.youtube.com/MarlenSchachinger), welcher der Edition Arthof vorausging, ersichtlich. Das Kernteam der Edition Arthof erhält ausschließlich für projektbezogene Arbeitsschritte wie Lektorat oder Satz ein Honorar, aber nicht für das ›Alltagsgeschäft‹. Bei uns verkauft man als Autor*in kein Werk für 10 % Tantiemen, sondern man gestaltet gemeinsam einen zukünftigen Weg. Dies kann durchaus verschieden aussehen, je nachdem wie stark und in welchem Teilbereich sich jemand engagieren will und kann. Bei ›keinem Engagement‹ wird es halt auch nie zu einer Zusammenarbeit kommen.

All das ermöglicht es uns, für das, was wir als Arbeit definieren – das literarische Schaffen nämlich, das kreative Tun – weitaus höhere und fairere Honorare zu zahlen. Nun kann man sagen, das sei Augenauswischerei. Ich sehe das nicht so. Mir geht es um den Diskurs, der dabei möglich wird. Nicht nur um Arbeitsverhältnisse in der Kunst, sondern um Arbeitsverhältnisse ganz allgemein. 

Auch Fair Pay ist Ihnen ein großes Anliegen. Für viele Menschen ist Literatur immer noch vor allem Selbstverwirklichung und wird nicht als Arbeit angesehen. Was müsste sich hier ändern, damit literarische Arbeit mehr Wertschätzung erfährt?

In unserer Gesellschaft bedeutet Wertschätzung eine gewisse Honorarhöhe. Das ist ein Faktum, das man aus weltanschaulichen Gründen befürworten oder ablehnen kann. Oder sich Alternativen ausdenken, wie das BGE (bedingungslose Grundeinkommen), das leider noch Zukunftsmusik ist.

Schwierig wird diese Sachlage, wenn Verhältnisse derart klaffen, wie sie es in unserer Gesellschaft in manchen Arbeitsbereichen tun, sei es in den anderen Künsten, in der Elementarpädagogik, der Landwirtschaft, in der Pflege, um nur einige Beispiele zu nennen. Wir müssen – als Gesellschaft – über diese Strukturen, über Fair Pay, über den noch immer existenten Pay Gap einen konstruktiven Diskurs führen und nach Lösungen suchen.

Da ich im literarischen Feld zu Hause bin, beschäftigt mich der Teilbereich bei der Lösungssuche natürlich mehr. Die Bewusstseinsarbeit, die nottut, scheitert derzeit noch daran, dass sie nicht von allen mitgetragen wird – Verlage, Lesungsorte, Literaturzeitschriften, Buchhandlungen, Literaturhäusern: Mich frappiert dabei immer wieder, dass ausgerechnet Buchhändler*innen das Anliegen der Autor*innen verstehen, den Dialog mit uns suchen und bereit sind, neue Wege zu gehen, die anderen Spieler*innen im literarischen Feld hingegen weitaus seltener. Ein Blick auf die wirtschaftliche Struktur macht es verständlich. Solidarische Buchhändler*innen sind wie wir KMUs, sind nicht in einem geförderten Unternehmen wie Verlage oder Literaturhäuser angestellt.

Die Aussage, dass literarisches Gestalten eben Selbstverwirklichung sei, habe ich noch nie von Buchhändler*innen  gehört – aber von Veranstalter*innen und Verleger*innen. Die dabei ihre eigene Selbstverwirklichung gerne vergessen, weil sie sich nach x-Berufsjahren durch die Verlagsförderung kaschiert, die durchaus Höhen zwischen 30 und 130 Tausend Euro erreichen kann und ihnen ein Leben jenseits der Liebhaberei ermöglicht. 

Bitte mich nicht falsch zu verstehen, ich kritisiere nicht diese Förderstruktur per se, die mir in Anbetracht der Kleinheit Österreichs und der Schwierigkeit, am deutschen Markt Fuß zu fassen, durchaus sinnvoll erscheint. Insbesondere auch der Wertschöpfungskette wegen, die mit Kunst und Kultur verbunden ist. Doch ohne diese Verlagsförderung wären österreichische Verlage wohl mehrheitlich Liebhaber*innen, so sie nicht längst an einen internationalen Konzern verkauft sind. Mich stört, dass ausgerechnet Verleger*innen, die von unserer Arbeit leben, die ja für ihre Programmerstellung und damit für den Erhalt der Förderung essenziell ist, unsere Arbeit zur ›Selbstverwirklichung‹ abwerten. Wir müssten uns eben drei Brotjobs zusätzlich suchen. Statt bloß zwei. Denn (maximal) 10 % Tantiemen seien international üblich und deshalb schon fair und in Ordnung. Was sie dabei – neben ihrer eigenen Selbstverwirklichung – übersehen, ist das Faktum, dass wahrhaftige Literatur viel Zeit und Ruhe braucht. Sie lässt sich nicht im Nebenher gestalten!

Die Aussage, es sei zwar bedauerlich, aber schon immer so gewesen, unabänderlich, leider, das Hungertuch, diese Aussage – unabhängig davon, von wem sie kommt – wird uns nirgendwo hinbringen. Auf keinen Fall zu neuen Ufern. Sie ist ebenso langweilig wie das Jammern der Kolleg*innen beim verschwiegenen Stelldichein am Rand der Buchmesse oder beim erschöpften Tête-à-Tête danach, das es ihnen ermöglicht, Frust abzulassen, aber nichts an der Situation verändert. Angst war schon immer ein schlechter Ratgeber.

Die Wertschätzung literarischer Arbeit darf nicht durch den Wunsch nach persönlichem Profit, gesicherter Anstellung, gefördertem Haus-Halten verstellt werden, sondern es sollte uns als Gesellschaft bewusst sein, wenn wir ausgezeichnete Kunst wünschen, wird diese einzig in einer Atmosphäre der Wertschätzung entstehen. Denn sie braucht Ruhe, um zu gedeihen, Reflexion, Zeit, Konzentration.

Oder lassen Sie es mich allgemeiner formulieren: Wir brauchen dringend einen Dialog über unser aller Arbeitsverhältnisse – samt kreativen und vielleicht auch mal gewagten, neuen Konzepten, damit sich etwas ändert. 

Kommt die Kommunikation mit dem Publikum, bzw. den Leser*innen Ihrer Meinung nach oft zu kurz?

Absolut! Bei herkömmlichen Verlagen gestaltet sich diese doch einzig über die Verkaufszahlen. Meines Erachtens ist das eine enorme Verzerrung, insbesondere weil dabei meist das Werbebudget außer Acht gelassen wird. 

Obendrein zeigt unsere Erfahrung bei dem Projekt »Wortgewitzt 2024« erneut, wie bedeutend die Kommunikation für Literat*innen sein kann: Wir schrieben einen Literaturpreis aus. Über 150 Einreichungen aus ganz Europa erreichten uns. Ein dreiköpfiges ehrenamtliches Gremium wählte daraus eine Shortlist, die den Leser*innen mittels Newsletter vorgelegt wurden. Sie gaben alsdann ihre Stimme ab, ergänzt mit ein paar Zeilen zum Werk: Warum ihnen dieses zusagte, was es ihnen zum Klingen brachte. Wir fügten diese Ansichten zusammen und sandten sie an die Autor*innen mit der Nachricht, sie seien Teil des »Wortgewitzt«-Literaturkalenders 2024 »Von der Kunst, Mensch zu werden«. Für uns spannend war, dass die Literat*innen vor allem auf diese Leser*innen-Zeilen in ihren Antworten Bezug nahmen und betonten, wie bereichernd und bestärkend dieses Echo für sie sei.

Im Sommer dieses Jahres haben Sie zusammen mit acht Autor*innen „Wort an Wort: Berührung“, ein Buch über das Land um Laa präsentiert. Was können Sie uns über die Entstehung dieses Buches erzählen. 

Ich lud sieben Kolleg*innen ein, einige Tage am Arthof vor Ort zu verbringen, zu recherchieren und alsdann darüber zu schreiben: Wie sahen sie die Landschaft, wie erlebten sie die Menschen, was löste die Natur in ihnen aus. Sie sollten sich einlassen auf eine Region, die sie zuvor nicht kannten, und diese alsdann in assoziativen Bezug zu Dörfern weltweit setzen, in denen sie zuvor bereits lebten oder die sie aus bestimmten Gründen interessieren. Auf Basis dieser Recherchen konfrontierten sich alle mit der Frage, wie Welt ins Dorf kommt und ob das überhaupt noch Kategorien sind, die für unsere Gegenwart taugen.

»Wort an Wort: Berührung«, das Buch, das daraus entstand, war für mich ein spannendes Projekt, weil es im Zuge der Zusammenarbeit auch zu zahlreichen Gesprächen über diese Fragestellung mit den Kolleg*innen und alsdann mit Leser*innen kam. Obendrein ist es durchaus auch eine Augenweide geworden, mit seinem Leinencover, Prägedruck, farbigem Vorsatzblatt und Lesebändchen. Eine feine kleine Kostbarkeit für alle Menschen, die sich für die Welt im Dorf interessieren oder die Sophie Reyer, Daniel Zipfel, Bettina Schwabl, Isabella Straub, Sara M. Schachinger, Sofie Morin, Clarissa Lempp oder mein Schreiben schätzen.

Sind bereits weitere Projekte in Planung?  

Immer! Sonst wäre das Leben ja wohl recht düster. Für unseren Literaturkalender »Wortgewitzt – Von der Kunst, Mensch zu werden« arbeiten wir derzeit gerade am Layout. Und was sonst noch 2023 geschehen wird, dazu kann man nach einem »Ich will!« zu unserem Quartals-Newsletter mehr erfahren! Und ihn mitbestimmen, denn als nächstes steht die Planung des Verlagsprogramms 2023 auf der Agenda. 

Weiterführende Links:

https://www.edition-arthof.com/deine-meinung-zaehlt/

https://www.youtube.com/MarlenSchachinger

Marlen Schachinger ist promovierte Literaturwissenschafterin und freiberufliche Autorin, die für die Literatur brennt. Deshalb arbeitet sie außerdem als Bloggerin, Dozentin für Literarisches Schreiben & Poetik, als Regisseurin, fallweise sogar als Übersetzerin, und seit April 2022 eben auch als Geschäftsführerin des Verlags »Edition Arthof«. 
Literatur, davon ist Schachinger überzeugt, ist in all ihren Spielarten derart mannigfaltig und faszinierend, dass ein Leben in der literarischen Landschaft niemals eintönig werden kann.

Ein Gedanke zu „„In unserer Gesellschaft bedeutet Wertschätzung eine gewisse Honorarhöhe.“

  1. Bitte newsletter an neeracher@gmx.ch
    Bin bildende Kûnstlerin u Autorin
    Glücklich von Ihrem fulminant neudenkenden, lebendigen Verlag! Gelesen zu haben. Herzl Grûsse bitte auch an Nadine Kube
    Susanne Neeracher
    Nach Hirnsclag neu in 3097 Liebefeld Schweiz

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