Im Spotlight: Eine Zeitreise durch die Literaturgeschichte

Eva Mühlbachers Liebe zu Klassikern der Literaturgeschichte brachte sie auf die Idee, einen Literaturführer zusammenzustellen, der deutlich macht, dass Weltliteratur weder trocken noch verstaubt ist. Mit „Zeitreisende – Deutsche Literatur für Entdecker: von der Romantik bis zum Ersten Weltkrieg“ ist nun der erste Band erschienen. Im Interview erklärt die Autorin, warum Klassiker auch heute noch eine spannende Lektüre sein können.

Mit Ihrer Literaturführer- Reihe Zeitreisende – Deutsche Literatur für Entdecker möchten Sie einen neuen Zugang zu sogenannten Klassikern der Literaturgeschichte eröffnen. Was steckt hinter dieser Idee?

Eva Mühlbacher, Zeitreisende. Deutsche Literatur für Entdecker. Dachbuch Verlag 2020, 528 Seiten, €24,70

Haben Sie den Eindruck, dass diese Werke langsam in Vergessenheit geraten?

Ja. Sie werden nur noch von einer kleinen „Fanbase“ gelesen, obwohl ich denke, dass sich mehr Menschen für diese Werke interessieren würden. Viele fürchten sich aber davor, nicht klug genug dafür zu sein oder haben Angst, nicht mitreden zu können. Daran hat leider der sehr uninteressant gestaltete Schulunterricht der letzten Jahrzehnte seinen großen Anteil: wer Literatur liest, wird darüber geprüft. Richtig? Falsch. Mein Ziel mit diesem Literaturführer ist es, den Lesern und Leserinnen die Hand zu reichen und ihnen einen Einstieg zu bieten, der sie nicht zu einer Prüfung führt. Sondern zu ihrer eigenen Begeisterung.

Liegt die Tatsache, dass viele Klassiker heute nicht mehr so populär sind, nicht vielmehr an der veralteten Sprache als an den Themen, die besprochen werden?

Genau das ist der Punkt. Deshalb habe ich mich entschieden, mich an den Themen zu orientieren. Der Leser und die Leserin werden bezüglich der Sprache an der Hand genommen und bewusst mit einigen Ausdrücken konfrontiert, die für uns heute vielleicht schwieriger fassbar sind. In vielen für uns altmodisch klingenden Wörtern steckt aber eine ganz eigene, in sich wunderschöne Bedeutung, die zu entdecken, es wert ist. Die Idee ist zu sagen: Seht her – die Gefühle, die hier beschrieben sind, kennen wir noch heute. Sie sind tief in unserer Menschlichkeit verankert und verändern sich deshalb nicht, auch nicht nach 200 Jahren. Genau dort ist der Anknüpfungspunkt zur alten Literatur.

Was macht Klassiker Ihrer Meinung nach auch heute noch zeitgemäß?

Wir blicken auf viele Klassiker mit einem gewissen emotionalen Abstand, was einerseits positiv ist, andererseits das Gefühl entstehen lässt, diese Werke hätten nichts mehr mit uns zu tun. Zeitgemäß sind sie aber alle, weil die Gefühle, die hier beschrieben werden, auch ganz kleine Situationen wie zum Beispiel das Nicht-Auffinden des Himbeersaftes in Joseph Roths „Radetzkymarsch“, uns noch heute begegnen können. Es kommt mir so vor, als seien viele Gefühle unmittelbarer aufgeschrieben, weil weit weg von dem Wunsch, einen Bestseller zu schreiben oder ein politisches Statement abzugeben. Die Klassiker lassen noch doppelte Böden und emotionale Grauzonen zu. Das Gefühlsleben eines Menschen über eine ganze Lebensspanne besteht zu einem großen Teil aus Grauzonen. Das kann es so schmerzhaft machen, aber auch so wundervoll.

Nach welchen Kriterien haben Sie die besprochenen Werke ausgewählt?

Da ist zunächst einmal die Grundidee, die ich nicht aus den Augen verlieren wollte: ich habe mich an Literatur orientiert, die Gefühle beschreibt. Diese zugänglich zu machen und gleichzeitig in einen fachlich richtigen historischen Kontext einzubetten, war die Herausforderung. Bewusst habe ich auch bekannte und unbekannte Werke gemischt, weil ich dem Gedanken „Man liest das, weil der Autor bekannt ist“ gegensteuern wollte. Verwundern wird vielleicht, dass Franz Kafka nicht vorkommt. Das ist nicht etwa so, weil er für die deutschsprachige Literatur nicht wichtig gewesen wäre, sondern weil er ein solcher Ausnahmefall ist, dass ich viel mehr Kontext, allem voran die Frage, warum es deutschsprachige Literatur in Prag gibt, hätte geben müssen. Das Buch hat aber bereits eine ansehnliche Länge und es wäre für den Leser und die Leserin zu kompliziert geworden, dieses Kapitel gegen Ende des Buches noch einmal zu öffnen. An dieser Entscheidung sieht man: dieses Buch ersetzt kein Germanistik-Studium. Es soll einen Einstieg für Menschen ermöglichen, die „Literatur-Entdecker“ und noch etwas Anfänger auf diesem Gebiet sind.

Haben Sie bei Ihrer Recherche auch einige bisher noch weniger bekannte Namen entdeckt? Etwa weibliche Autoren, die im Deutschunterricht übergangen werden? 

Ja, natürlich, aber nicht erst bei der Recherche, sondern schon während meines Studiums. Ein besonders gutes Beispiel ist für mich die Schriftstellerin Hedwig Dohm, die auch Frauenrechtlerin war. Sie hat die Novelle „Werde, die du bist“ geschrieben. Man darf sich von dem für uns heute kitschig klingenden Titel nicht abschrecken lassen, denn die Geschichte erzählt von einer alten Frau, die sich in einen jungen Mann verliebt. Es ist eine ergreifende, wunderschöne Erzählung darüber, dass man als alter Mensch keine erotischen Gefühle oder Gefühle des Verliebt-Seins haben darf. Wenn ich mir ansehe, wie unsere heutige Zeit mit der Liebe umgeht und damit, was sie sein sollte und was nicht, sehe ich aktuell keine Weiterentwicklung seit dem Ende des 19.Jahrhunderts. Es ist ein hochaktuelles Werk aus der Perspektive einer Frau, die ihr Recht zu lieben einfordert.


Eva Mühlbacher wurde 1990 in Wien geboren. Ihre Leidenschaft für Literatur führte sie zum Studium der Deutschen Philologie, welches sie mit einem Master of Arts abschloss. Nachdem sie einige Zeit Deutsch als Fremdsprache unterrichtet hatte, absolvierte sie zusätzlich noch das Lehramtsstudium. Mühlbacher studierte in Cambridge, wo sie auch als Schauspielerin auf der Bühne stand. Sie lebte in Rom, unterrichtete in Verona und widmete sich auf Sizilien ganz ihrer Passion – dem Schreiben. Die Autorin lebt und arbeitet derzeit in Wien, wo sie gerade ihr Doktorat absolviert. 

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