„Es ist immer noch sehr schwierig für österreichische Comic-Künstler*innen, in einem österreichischen Verlag ihre Comics zu publizieren und damit breite Anerkennung zu finden“

Elisabeth Klar ist vielfach ausgezeichnete Autorin, ihre wissenschaftliche Leidenschaft sind Comics. Die Komparatistin, beschäftigt sich mit Comics und Intermedialität im Bereich der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Translationswissenschaft. Im Interview stellt sie Überlegungen darüber an, was es braucht um mehr Leser:innen für Comic zu begeistern und gibt außerdem einige wertvolle Lesetipps.

Beim Thema Comics denken viele immer noch in erster Linie an Mickie Maus Heftchen, dabei hat diese Kunstform weit mehr Potential. Was braucht es deiner Meinung nach, um noch mehr Leser:innen für Comics zu begeistern?

Die Comics, die es bräuchte, gibt es jedenfalls alle. Wir haben das große Glück, inzwischen eine unwahrscheinlich große Bandbreite unterschiedlichster Comics zur Verfügung zu haben, die alle Genres und Spielformen der Literatur abdecken. Ob man Unterhaltung sucht, Vermittlung von Sachthemen oder hochkomplexe und künstlerisch anspruchsvolle Geschichten, man wird es finden.

Die Arbeit, die zu tun ist, liegt damit vielmehr bei den diversen Organisationen und Institutionen und darin, den Comic als Medium endlich entschieden ernst zu nehmen und ihm das symbolische Kapital zu verleihen, das ihm gebührt.

Hier hat sich auch viel verändert – inzwischen werden Rezensionen von Comics in großen Tageszeitungen abgedruckt, staatliche Radiosender wie Ö1 und FM4 machen Sendungen dazu und auch in der wissenschaftlichen Beschäftigung hat sich einiges getan. 

Es ist allerdings immer noch sehr schwierig für österreichische Comic-Künstler*innen, in einem österreichischen Verlag ihre Comics zu publizieren und damit breite Anerkennung zu finden – hier gehen die meisten immer noch den Weg nach Deutschland. 

Comics und Graphic Novels gibt es ja längst nicht nur in Heftform, sondern zum Beispiel auch im Internet in Form von sogenannten Webcomics. Gibt es Webcomics, die du empfehlen kannst?

Es gibt gerade im englischsprachigen Bereich sehr viele ausgesprochen spannende Webcomics-Autor*innen. Sehr gute Webcomics, die seit vielen Jahren weitergeführt werden, sind beispielsweise Something Positive von R.K. Milholland, Kevin and Kell von Bill Holbrook und Questionable Content von Jeph Jacques. Ein jüngerer und sehr empfehlenswerter Webcomic wäre Lore Olympus von Rachel Smythe. Wundervolle queere Webcomics sind unter anderem Discord Comics von Tab Kimpton und Assigned Male von Sophie Labelle. Eine andere wirklich fantastische deutschsprachige Künstlerin, die zwar nicht dezidiert Webcomics macht aber viele ihrer Wissenschaftscomics auch auf Twitter, ihrer Website und Instagram veröffentlicht, ist Daniela Schreiter (aka Fuchskind). Das ist natürlich nur eine sehr kleine und persönliche Auswahl von Empfehlungen, die man jederzeit erweitern könnte.

Comics können mitunter auch eine politische Funktion einnehmen, indem sie zum Beispiel gesellschaftliche Randgruppen oder alternative Lebensweisen thematisieren. Welche Rolle spielt hier die visuelle Komponente?

Beim Comic spielt die visuelle Komponente natürlich immer eine sehr wichtige Rolle, und ich sehe hier einerseits eine Ebene der narrativen Techniken des Comics im Allgemeinen, und andererseits natürlich auch eine ganz praktische Ebene der derzeitigen künstlerischen Produktion. 

Auf der Ebene der narrativen Techniken dieses Mediums ist für mich essentiell, dass wir es mit hybriden Zeichen zu tun haben (Wortzeichen, Bildzeichen, aber auch indexikalische Zeichen wie Panels oder Sprechblasen, und Zeichen, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen wie Lettering), und mit einer sequentiellen Erzählung. Ich sehe mehrere Momente auf einer Seite (mehrere Panels), deren geografische Verortung (Aufeinanderfolgen) mir eine chronologische Reihenfolge anbietet. Eine Figur kann auf einer Seite mehrmals vorkommen, und ich muss sie wiedererkennen können, auch wenn sie aus unterschiedlichen Perspektiven und bei unterschiedlichen Tätigkeiten dargestellt werden. Ein bestimmter Körper ist damit nie ident sondern nur wiedererkennbar, und dieses Wiedererkennen kann auch fehlschlagen (auch ein Grund, warum im Comic gerne auf stereotypisierende Merkmale beim Figurendesign zurückgegriffen wird). Ebenso kann das Gender, Alter, usw. zwar visuell angezeigt werden, und der Text kann eine Figur als Mann oder Frau deklarieren, ob ich als Leser*in dem glaube, hängt aber von vielen Faktoren ab. Stärker noch als in der Literatur (wo die Pronomen eine scheinbare Sichtbarkeit geben) und im Film (wo ich „reale“ Schauspieler habe, deren Gender und Alter ich zu kennen glaube) performieren Comic-Körper folglich Gendern im Sinne von Judith Butler. Das macht dieses Medium grundsätzlich zu einem fruchtbaren Boden für Infragestellungen von vermeintlich sicherem Wissen über Körper und Identitäten.

Zusätzlich gehorchen Comic-Körper und Comic-Welt auch nur bedingt den üblichen Naturgesetzen. Visuelle Metaphern sind als Erzähltechnik eher üblich als die Ausnahme und können eine Figur von einem Panel zum nächsten in einen Hasen und wieder zurückverwandeln. Wenn eine Figur eine Schlucht hinunter fällt, stirbt sie oft nicht, hinterlässt jedoch einen Krater im Boden, der genau ihrer Körperform entspricht. Anthropomorphisierte Figuren sind alltäglich und auch die Welt, in der die Figuren leben, kann oft mehr von visuellen Wortwitzen bestimmt werden denn von physikalischen Gesetzen (ein Beispiel für einen Webcomic, der damit stark arbeitet, wäre Kevin and Kell von Bill Holbrook).

Dieses Potential wird natürlich auch praktisch genutzt. Ein Beispiel wäre die schon genannte Daniela Schreiter, die in Schattenspringer visuelle Metaphern sehr kreativ nutzt, um ihre Lebenserfahrung als Person auf dem autistischen Spektrum darzustellen. Sophie Labelle, die aus der Perspektive einer trans Frau spricht, nutzt für ihren Comic beispielsweise kindliche Figuren, um die Absurdität von Transfeindlichkeit darzustellen. So kommen in dem Comic vor allem Kinder vor, die durch die transfeindliche Umwelt erst sexualisiert und in einer Weise zwangsweise von außen gegendert und auf ihre Genitalien reduziert werden, die nicht altersgemäß ist (eine Übergriffigkeit, die wiederum häufig der Lebenserfahrung von trans Personen entspricht). Regina Hofer, eine österreichische Comic-Künstlerin, nutzt in Blad die Darstellung des eigenen Körpers dazu, ihr Erleben ihrer Essstörung zu vermitteln, sowie das gestörte Selbstbild, das damit verbunden ist. Auch diese Liste könnte man beliebig erweitern – es gibt hier sehr viele kreative Herangehensweisen.

Bei der Lektüre fügt sich die Geschichte aus Bild und Text zusammen –  ist das Lesen von Comics und Graphic Novels interaktiver? 

Ich muss einen Comic definitiv anders lesen als einen Text, und ich muss dieses Medium auch erst lesen lernen, auch wenn vielfach das Gegenteil behauptet wird. Wie oben bereits beschrieben handelt es sich um eine instabile Lektüre, in der ich hybride Zeichen identifizieren und wiedererkennen muss, und diese zu sequentiellen Momenten zusammensetze, aus denen wiederum eine kohärente Geschichte mit mehr oder weniger konsistenten Figuren wird. Zudem hat das Comic viele für dieses Medium spezifische konventionelle Zeichen (wie gesagt z.B. Sprechblasen und Panels aber auch andere Symbole), die sich auch stark von Comickultur zu Comickultur unterscheiden können. Einen europäischen Comic lesen zu können heißt damit keineswegs, auch einen japanischen Manga zu verstehen, selbst wenn der Text übersetzt ist. Wie bei vielen anderen Kunstformen kann es notwendig sein, sich zuerst damit zu beschäftigen, um sie dann umso mehr genießen zu können.

Was macht deiner Meinung nach ein gutes Comic aus?

Ich denke, dass diese Frage ebenso schwer zu beantworten ist wie jene, was gute Literatur ausmacht. Ich werde an einen Sachcomic, der mir das Infektionsgeschehen beim Coronavirus näher bringen soll (Daniela Schreiter hat hierzu Comics gemacht), andere Erwartungen heranbringen als an einen klassischen Superheld*innen-Comic oder an eine sehr persönliche und künstlerisch hoch anspruchsvolle Auseinandersetzung mit der eigenen Essstörung (Regina Hofer). Ich persönlich interessiere mich vor allem für Comics, die mit den narrativen Techniken des Mediums spielen, visuelle Metaphern für das Erzählen nutzen oder mit dem Körperzeichen kreativ umgehen, aber ich würde mir nicht anmaßen zu sagen, dass ein „guter Comic“ das braucht. Wie bei einem Text ist es denke ich wichtig, zunächst zu berücksichtigen, welche Art von Geschichte der Comic erzählen will, an welche Zielgruppe er sich wendet und in welchem Kontext er publiziert wird. Ausgehend davon lassen sich auch leichter konventionelle Erzähltechniken von innovativeren oder experimentelleren Erzähltechniken unterscheiden. Was im Manga die Norm des Erzählens ist, muss es nicht im franko-belgischen Comic sein, und umgekehrt.


ELISABETH KLAR

geboren 1986 in Wien, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Transkulturellen Kommunikation. Sie arbeitet in der Softwareentwicklung und leitet Literaturworkshops für Kinder und Jugendliche. Elisabeth Klar hat zahlreiche Preise erhalten, u. a. war sie Finalistin des FM4-Wettbewerbs Wortlaut (2013). Ihr gefeiertes Debüt „Wie im Wald“ erhielt den Förderpreis der Stadt Wien und stand auf der Shortlist des Rauriser Literaturpreises 2015, 2017 erschien ihr zweiter Roman „Wasser atmen“. Zuletzt erschienen: „Wasser atmen“ (2017) und „Himmelwärts“ (2020).


Elisabeth Klar, geboren 1986 in Wien, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Transkulturellen Kommunikation. Sie arbeitet in der Softwareentwicklung und leitet Literaturworkshops für Kinder und Jugendliche. Elisabeth Klar hat zahlreiche Preise erhalten, u. a. war sie Finalistin des FM4-Wettbewerbs Wortlaut (2013). Ihr gefeiertes Debüt „Wie im Wald“ erhielt den Förderpreis der Stadt Wien und stand auf der Shortlist des Rauriser Literaturpreises 2015, 2017 erschien ihr zweiter Roman „Wasser atmen“. Zuletzt erschienen: „Wasser atmen“ (2017) und „Himmelwärts“ (2020).

Elisabeth Klar ist außerdem auch Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Comic-Forschung und -Vermittlung, die sich der Sichtbarmachung, Förderung und Vernetzung von Comic-Forschung, -Wissenschaft, -Vermittlung und -Produktion in Ös­terreich widmet.

Mehr dazu: https://www.oegec.com

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