Vom In-Sich-Hineinessen: Regina Hofers Blad

REZENSION Barbara E. Seidl, 26.September 2021

„Ich habe Hunger und Angst vor dem Essen“

Regina Hofer, Blad

Rund 200.000 Österreicher:innen erkranken mindestens einmal in ihrem Leben an einer Essstörung, 90-97% davon sind junge Frauen und Mädchen. Die Ursachen sind vielfältig. So können etwa (psychischer) Stress oder das Gefühl zu dick zu sein, dazu führen, dass die Betroffenen zu viel oder kaum mehr etwas essen. Die Probleme beginnen oft bereits in der Pubertät.

In ihrer teils autobiographischen Graphic Novel Blad, widmet sich die Zeichnerin und Künstlerin Regina Hofer dem Thema Essstörung aus ganz persönlicher Perspektive. In eindrucksstarken schwarzweißen Bildern zeichnet sie die Geschichte einer kreativen jungen Frau, die hin-und-hergerissen ist zwischen ihrem Selbstbild und dem Weltbild ihres traditionalistischen und unter Alkoholeinfluss auch gewalttätigen Vaters.

Da ihren Problemen kein Verständnis entgegengebracht wird, isst die Protagonistin ihren Kummer in sich hinein. Mit Listen dokumentiert sie ihre heimlichen Essanfälle: Obst, Joghurt und Schokoriegel. Später, als sie lernt, sich zu übergeben, sind es vor allem weiche Speisen.

Die Bilder wirken gleichzeitig als Spiegel und Verfremdung des Textes, vor allem aber vermitteln sie die allgegenwärtige Angst: Angst vor Erwartungen, Angst vor Gewalt, Angst vor dem Essen. Zwischen Hirschgeweihen und Hasenköpfen ergibt sich das Bild einer unheimlichen Heimat in der das Heranwachsen einem Horrorfilm gleicht und die Lesenden mitzittern, ob der Heldin am Ende doch noch die Flucht gelingt.

Regina Hofer, Blad. Luftschacht Verlag, 2018, 120 Seiten, Schwarz-Weiß-Illustriert, €18,50.

REGINA HOFER, *1976 in Linz , Graphikstudium am Mozarteum Salzburg, Studium der Malerei und Graphik an der Akademie der Bildenden Künste, Wien.
Seit 2002 freischaffende Künstlerin in den Bereichen Animation und Zeichnung.
Blad ist ihre erste Graphic Novel.

Regina Hofers Zeichnungen reichen weit über einen klassischen Comic-Still hinaus. Vielmehr ist jedes einzelne Bild ein kleines Kunstwerk. Kreativ, nüchtern und unkonventionell ist Blad ein Band von bemerkenswerter erzählerischer Kraft, der mit Wort und Bild einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s