Lady hört den Blues: Christina Maria Landerls Alles von mir

REZENSION Barbara E. Seidl 7. August 2021

Alles von mir

Warum nimmst du nicht alles von mir?

Siehst du denn nicht

Ich bin nichts wert ohne dich

All of me, Gerald Marks und Seymour Simons

Fast ein Jahrhundert schon inspiriert der Evergreen All of Me Musikgrößen zu immer neuen Interpretationen. Der Text, der vom schmerzlichen Verlust eines geliebten Menschen und dem damit einhergehenden Verlust des eigenen Wertes handelt, hat auch neunzig Jahre nach seiner Entstehung noch nichts von seiner berührenden Wirkung verloren, besingt er doch die Trauer um einen geliebten Menschen mit großer Eindringlichkeit. Aber auch was nach dem Abschied zurückbleibt, ist eine eigene Geschichte wert.

In Alles über mich spürt Christina Maria Landerl einige solcher Geschichten auf. Von Jackson, Mississippi bis Jackson, Tennessee begibt sich die namenlose Protagonistin auf einen Roadtripp durch den Süden der USA und folgt dabei den (Klang)Spuren weiblicher Blues-Ikonen wie Bessie Smith, Patsy Cline und Billie Holiday. Einziger Wegweiser ihrer ansonsten ziellosen Reise ist Billy Holidays Autobiographie Lady Sings the Blues.

Wechselnd zwischen Außen-und Innenperspektive spielt die Autorin mit Genres wie Reportage, Dokumentarfilm und Biopic. Die eindringlichen Szenen, die sich mit dem Wahrheitsgehalt von Erinnerungen– den schmerzlichen eigenen ebenso wie mit Legenden rund um die Blues-Sängerinnen– auseinandersetzen, gestaltet Landerl in minimalistischer Sprache. Und dennoch verfehlen die Bilder ihre berührende Wirkung nicht.

Christina Maria Landerl, Alles von mir. Müry Salzmann, 2020, 128 Seiten, €19.

Was die Erinnerungen vor Augen führen, ist der Bedarf, unangenehme Wahrheiten aufzuarbeiten, wie etwa die lange Tradition des Rassismus in den USA. So sind auch die tragischen, von Rassismus geprägten Schicksale der Sängerinnen heute nur noch wenigen bekannt, die spärlichen Ausstellungsräume, die an ihr Leben erinnern, kaum besucht.

Christina Maria Landerl greift in Alles von mir Motive des bisher eher männlich besetzten Genres des Amerikaromans wie Identitätssuche und Neubeginn auf und schreibt sie aus weiblicher Perspektive neu. Das Ergebnis ist ein Buch, das angenehm zurückhaltend und dabei trotzdem sehr gehaltvoll ist – in den behutsam ausgewählten Worten ebenso wie zwischen den Zeilen.

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