Von der politischen Kraft des Theaters: Elena Messners Nebelmaschine

REZENSION Barbara E. Seidl 30. November 2020

Barbara E. Seidl ist freie Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Trainerin für Deutsch und Englisch als Fremdsprache.

Kulturbetriebe sind einer Wirtschaftskrise zum Opfer gefallen, jegliche finanzielle Mittel sind erschöpft. Was kann die Kunst dieser Geringschätzung entgegensetzen? Das ist eine Frage, die im Jahr 2020 so aktuell erscheint, wie schon lange nicht mehr. So bedurfte es erst eines medialen Aufschreis und lautstarken Protestes, um daran zu erinnern, dass auch Kultur systemrelevant ist. Denn während sich die meisten gerne von Kunst berieseln und unterhalten lassen, nehmen sie viele nicht ernst. Doch Kunst ist mehr als Unterhaltung oder Selbstzweck, Kunst kann, wenn sie möchte, auch zu einer gesellschafts-politschen Kraft werden.

In Elena Messners neuem Roman Nebelmaschine wird der politischen Kunst ein Denkmal gesetzt. Inmitten einer, durch einen Finanzskandal bewirkten Krise, schließt sich eine Gruppe arbeitsloser Künstler*innen zum „Theater auf Lager“ zusammen. Mangels finanzieller Mittel wird kurzerhand improvisiert: So wird eine leerstehende Industriehalle zum Bühnenraum umfunktioniert, vom Stadttheater wird eine alte Nebelmaschine für Bühneneffekte ausgeliehen. Das etablierte Stadttheater möchte auf diese Weise seine Solidarität mit der unkonventionellen Gruppe bekunden und schickt zudem auch die Bühnentechnikerin Veronika, aus deren Perspektive die Ereignisse rückblickend erzählt werden.

An der titelgebenden Nebelmaschine zeigt sich die Undurchsichtigkeit der Finanzwirtschaft, die Außenstehende aber auch viele Beteiligte im Nebel stehen lässt. Die Idee hinter der Nebelmaschine ist es, das Licht der Beamer sichtbar zu machen, mit deren Hilfe Fotos, Texte, Tabellen und Videos für das Premierenpublikum in den Raum projiziert werden. Das einstudierte Stück, dessen Akte zwischen den Kapiteln stehen, ist im Nebelgeschwader bloß noch als Hörspiel zu vernehmen. Doch am Ende ist nichts, wie es scheint. Im raumgreifenden Rauch der Nebelmaschine wird der wahre Zweck des „Theater auf Lager“ enthüllt, der, wie ein Schneeball, eine Lawine ins Rollen bringt.

Man wolle, so verkündet die Hauptdarstellerin an einer Stelle, über die eigene Krise Zeugnis ablegen. Letztendlich legt Nebelmaschine nicht nur Zeugnis darüber ab, was der Kunst entgegengestellt wird, sondern auch, was die Kunst selbst entgegenstellen kann.

Elena Messners Nebelmaschine ist in jedem Fall ein Roman, der den Puls der Zeit trifft. Mit ihrer Hommage an das investigative Theater führt uns die Autorin einmal mehr die politische Kraft der Kunst vor Augen und die Verantwortung, die mit dieser einhergeht.

Foto: David Visnjic

1983 in Klagenfurt geboren, aufgewachsen in Ljubljana und Salzburg, Studium der Komparatistik und Kulturwissenschaften in Wien und Aix-en-Provence. Sie ist als Lehrende und Kulturwissenschaftlerin tätig, schreibt Prosa, Essays und Theatertexte. In der Edition Atelier erschienen die Anthologie »Warum feiern. Beiträge zu 100 Jahren Frauenwahlrecht« sowie ihre Romane »Das lange Echo« und »In die Transitzone«. www.elena-messner.com


Das Buch:

Elene Messner: Nebelmaschine. Roman, 216 Seiten, 21 Euro.

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