Ein literarischer Streifzug durch Wien

B. E. Seidl, 30. Juli 2020

Wie gut kennt ihr die eigene Stadt? Ziemlich gut, dachte ich. Schließlich mache ich seit Jahren fast jedes Wochenende ausgedehnte Foto-Spaziergänge durch verschiedene Wiener Grätzl auf die ich mich jedesmal auch mehr oder weniger gut vorbereite. Trotzdem merke ich immer wieder, wie wenig ich eigentlich über die literarische Geschichte der Stadt, in der ich aufgewachsen bin und den Großteil meines bisherigen Lebens verbracht habe, weiß.

Jeder, der in Wien ist und sich für Literatur interessiert, kommt nicht an den Kaffeehausliteraten vorbei. Spätestens auf dem Weg ins Café Central trifft man auf die Pappmachee-Figur von Peter Altenberg. Doch wußtet ihr, dass es in Hietzing Literatur-Toiletten gibt, oder habt ihr schon einmal die Neidhart-Fresken bewundert?

Als Viola Rosa Semper 2013 nach Wien gezogen ist, hat sie vergeblich nach einem Buch gesucht, das wie ein Reiseführer aufgebaut ist, sich aber speziell der literarischen Geschichte Wiens widmet. In Reiseführern zu anderen Städten finden sich oft detaillierte Informationen über Denkmäler und Erinnerungsorte, die mit bedeutenden Autor*innen der jeweiligen Stadt in Verbindung stehen. Aber da Viola Rosa Semper kein Buch finden konnte, das in vergleichbarer Weise auf Literatur in Wien einging, beschloss sie kurzerhand, selbst eines zu schreiben. In Zusammenarbeit mit dem Falter Verlag begann sie 2016 an der Idee zu feilen. „Wichtig waren auch Literaturspaziergänge, die diesen „Reiseführer“-Faktor hineinbringen, der mir sehr wichtig ist,“ meint Semper. In ihrem im Frühjahr 2020 erschienen Literaturführer Wien, aus dem mit literaturPUNKTwien ein weiterführendes Projekt entstehen soll, stellt sie sechs Literaturspaziergänge vor, die in jeweils einer bzw. eineinhalb Stunden durch literarisch bedeutende Wiener Grätzl führen.

Alxinger Gedenkstein im Pötzleinsdorfer Schlosspark, Wanderung zum Doderer Gedenkstein in Hadersdorf © Viola Rosa Semper


Für mich war von Anfang an klar: Ich will möglichst die ganze Vielfalt der Literatur wiederspiegeln, also auch Genreliteratur, auch Lyrik, auch Kinderliteratur.

Bei der Recherche hat sich Semper zunächst die Kaffeehausliteratur näher angesehen. „Das war das, was mir schon am vertrautesten war und wo ich im Kopf hatte, wie ich es aufbauen möchte.“ Doch sie wollte einen Gesamteindruck über die literarische Geschichte Wiens gewinnen und machte sich daher auf die Suche nach den ältesten Zeugnissen über Wiener Autor*innen. So entdeckte sie unter anderem auch den Minnesänger Neidhard von Reuenthal.

Bei ihrer Recherchearbeit suchte sie zunächst online und hantelte sich dann durch zahlreiche Bücher auf der Uni-Bibliothek. Dabei machte sie sich zu den Autor*innen Notizen. Intensiv besucht hat sie die entsprechenden Sehenswürdigkeiten und Denkmäler allerdings erst nach der Fertigstellung der jeweiligen Kapitel.

Da bin ich dann die Touren gegangen, alle mindestens drei Mal, ein paar vier Mal. Manche Sehenswürdigkeiten außerhalb der Touren waren auch nicht einfach zu erreichen. Zum Doderer-Gedenkstein im Wienerwald bin ich gewandert und das barfuß, weil meine Wanderschuhe gleich am Anfang eingegangen sind und sich komplett aufgelöst haben. Aber die meisten Sehenswürdigkeiten kann man recht einfach erreichen.

Den Großteil der Sehenswürdigkeiten hat Viola Rosa Semper selbst besucht, bei den übrigen hat sie Verantwortliche angerufen, um sich zu vergewissern, ob es die Gedenktafel oder das Haus noch gibt.

Und was hat sie selbst am meisten beeindruckt?

Das waren wohl die Neidhard-Fresken. Als ich dort drinnen war, war das wirklich ein ganz eigenes Gefühl. Dieses Überdauern über so viele Jahre und die Bedeutung von Neidhard, von dem ich vor der Recherche noch gar nichts gewusst habe.

Und dann natürlich die Frauen, von denen wohl viele auch weiterhin noch unbekannt bleiben müssen, weil sie nur anonym schreiben konnten oder im Namen ihrer Männer geschrieben haben. Einige weniger bekannte Autorinnen, die Semper auch in ihren Literaturführer aufgenommen hat, haben sie sehr beeindruckt: „Else Jerusalem zum Beispiel oder auch Ada Christen.“


Welche Orte sollten wir uns unbedingt einmal ansehen?

Viola Rosa Semper legt literaturinteressierten Wien- Besuchern vor allem die Neidhard-Fresken ans Herz sowie die Literatur-Toiletten der VHS Hietzing.

Das finde ich einfach so skurril und jetzt ist es für mich ein Ziel geworden, selbst über Toiletten zu schreiben, damit eines Tages auch eine Toilette nach mir benannt wird. Die Idee dahinter finde ich einfach super.

Das Adalbert Stifter Denkmal im Türkenschanzpark gefällt Semper auch sehr gut, nicht zuletzt weil es ein dankbares Fotomotiv ist. Schließlich war sie auch vom Alxinger Gedenkstein im Pötzleinsdorfer Schlosspark begeistert, auf dem man die Aufschrift aus einem seiner Werke aus dem 18. Jahrhundert bewundern kann.

Sowas beeindruckt mich immer, wenn es Literatur vor Ort im Stadtbild gibt. Also auch die Gedenktafeln, die nicht nur auf die Autor*innen verweisen, sondern ein Gedicht abgedruckt haben.

Nicht vergessen sollte man auch die Bezirksmuseen und natürlich das Literaturmuseum, wo jede Ausstellung zu etwas Besonderem wird.

Viola Rosa Sempers Literaturführer lädt die Leser*innen auf abwechslungsreiche Streifzüge durch Wien ein und bietet auch alteingesessenen Bewohner*innen die Möglichkeit, ihre Stadt neu zu entdecken. Von der Kaffeehausliteratur über Frauen in der Wiener Literaturszene, Wien in Versen und am Theater, die Wiener Moderne, Kinder und Jugendliteratur bis hin zur morbiden Wiener Faszination mit dem Tod, führt uns das Buch zu Denkmälern, Erinnerungsorten und Kuriositäten und wird so zu einem perfekten Begleiter für einen „Urlaub daheim“.

Weiterführende Informationen finden sich auf: https://www.literatur.wien


Die Autorin:

Foto von Thomas Hofstätter

Viola Rosa Semper studierte Meteorologie an der Universität Wien. Nach dem Studium wandte sie sich der Literatur und der deutschen Sprache zu.
Seit 2017 arbeitet sie als freie Autorin, Texterin, Lektorin und Tutorin für Deutsch als Fremdsprache.
Der „Literaturführer Wien“ ist ihr erstes Buch für den Falter Verlag.

Näheres gibt es auch auf: viola.semper.at
Facebook: @violarsemper
Instagram @vrsemper


Das Buch:

Viola Rosa Semper: Literaturführer Wien. Auf den Spuren von Autorinnen und Autoren und ihren Werken. Falter Verlag, 256 Seiten

https://shop.falter.at/literaturfuehrer-wien.html

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