G.F. Stöger: 28 Tage. Der (nicht) ganz normale Wahnsinn

G.F. Stöger ist in Wien aufgewachsen und mittlerweile, wie sie selbst sagt, assimilierte Vorarlbergerin. Die Corona-Krise trifft sie, als sie gerade beginnt, an ihrem ersten Roman zu arbeiten. Über ihre persönlichen Erlebnisse in der Corona-Isolation hat sie nun ein Tagebuch veröffentlicht: 28 Tage. Der (nicht) ganz normale Wahnsinn. Hier ein erster Auszug.

Tag 1

Es ist soweit – Quarantäne (Anwärter zum “Unwort des Jahres” 2020) – oder sagen wir “fast”. Seit Mitternacht gibt es Regeln für die Bevölkerung, die man nur aus Diktaturen nicht aber in europäischen Demokratien kennt. Und wer ist Schuld? Sabine? Chiara? Nein – Corona! Sabine und Chiara waren Stürme, welche Wochen zuvor wüteten, aber Corona ist der Tornado, der nach uns, unserer Gesundheit, unserer Freiheit greift und dies in nahezu atemberaubender Geschwindigkeit, welche an einen Hollywood-Action-Streifen á la “The Fast and the Furious” denken lassen. Nur eben im echten Leben.

Unser Leben wurde vom Staat entschleunigt. Aufgezwungen. Sie versuchten, uns sanft an die neuen Regeln heranzuführen. Wobei “sanft” hier bedeutet, dass innerhalb von 3 Tagen nichts mehr war wie zuvor. Und es lässt vermuten, dass nichts mehr so sein wird wie es war. Uns traf es eh noch gut. Andere Staaten fuhren die Systeme innerhalb von 24 Stunden down.

Das ist unser neues Leben. Zumindest die nächste Zeit. Wie lange weiß nur Gott. Bis Ostersonntag sind es noch genau 28 Tage und diese 28 Tage werde ich aus unserer Höhle heraus berichten, wie es mir so geht, was mich bewegt, was mir Kraft raubt und auch was mich stärkt. Ich hoffe auf ein Osterwunder und weiß doch nicht, ob es geschehen wird …

Tja. Tag 1. Was gibt es dazu zu sagen? Ungewohnt? Chaotisch? “Surreal” trifft es wohl am besten. Am Freitagmittag wünscht man den Kollegen noch ein “schönes Wochenende, bis Montag” und an besagtem Montag sieht man sich nur mehr online, verstreut über das ganze Land. Vorbereitet war es, aber getroffen hat uns doch wie der Blitz. Freitagnachmittag ging es los. Die Regierung kündigt an, dass ab heute die Restaurants, Geschäfte zumachen. Nur Dienstleistungen, die den “grundlegenden” Bedarf abdecken sind dann geöffnet. Es folgten Szenen, als hätte unser sehr geschätzter Herr Bundespräsident den Krieg erklärt. Stürmung der Geschäfte, leere Regale, Schlangen vor der Kassa. Zum Glück beruhigte sich das Ganze am Samstag. Der Sonntag war dann schon eher gechillt. Familienausflug für eine Geocaching-Runde war angesagt. Dazwischen immer wieder Nachrichten, “Bad News are Good News”. Und zur Krönung am Abend um 19 Uhr die Meldung, dass ab dem kommenden Tag Teleworking angesagt ist und wehe, wehe, wehe, jemand wird am Arbeitsplatz angetroffen, der dort nix verloren hat … Die Kinder dürfen übrigens jetzt doch schon alle am Montag daheim bleiben. Nur im Notfall könnte man sie …

Und dann kam HEUTE. Tag 1. Zuerst mal bis 8 schlafen. Ist ja keine Schule. Das Frühstück beginnt mit der Diskussion, ob es heute Nutella gibt. Ist ja schließlich keine Schule. Haha. Natürlich nicht. Kaum sind die Kinder nach der Nahrungsaufnahme mit Tablet und Handy beschäftigt, wage ich einen Blick ins Webmail. Ah. Da gibt’s was Neues. Durchlesen, installieren und siehe da, unvermittelt findet man sich in einer Test-Telekonferenz wieder als Probelauf für den Jourfix. Gut, dass ich mein Nachthemd noch anhabe. Das mit den Herzerln. Eh ich mich verseh’ ist eine Stunde rum.

Jetzt aber sputen. Die Schulsachen abholen. Zuerst Volksschule. Total vorbildlich hatten die Lehrer jedem Schüler ein Paket geschnürt. Such mal unter 100 Säcken und Fächern den Namen deiner Tochter. Zum Glück kam mir ihr Klassenlehrer zu Hilfe – mit Respektabstand von 2 m. Ein kleiner abschließender Plausch mit Sicherheitsabstand und auf zur nächsten Station. Mittelschule. Hier auch alles ruhig. Der Klassenvorstand packt mir noch sämtliche Hefte und Schulbücher und sonstige Dinge, die mein Sohn in der Schule gehortet hatte ein. Auch hier noch aufbauende Worte. Hier noch ein Dank an alle Lehrer. Auch für euch ist das nicht einfach.

Und jetzt? 10 Uhr. Noch 30 min bis zur nächsten Telekonferenz. Ich schau mal, wie voll der Parkplatz vor dem Supermarkt ist. Geht eh. Also ein kleiner Abstecher. Mehl ist in Mengen da. Auch der Rest von all den fleißigen Angestellten über das Wochenende wieder aufgefüllt. Ich schaffe es, um 10.20 Uhr daheim zu sein. Kinder sitzen immer noch vorm Fernseher? Passt. Ach übrigens hab ich noch gar nicht erzählt, dass wir extra am Freitag zuvor beim Großhändler noch so ein 55-Zoll-Teil ergattert hatten. Man weiß ja nicht, was kommt …

Unglaublich, wie man sich darauf freuen kann, seine Kollegen wortwörtlich bildlich vor sich zu haben. Nur der Chef fehlt. Das Netz ist überlastet. Aber man improvisiert. Und kaum sieht man auf die Uhr, ist eine Stunde vergangen. Jetzt aber sollten die Kinder WIRKLICH mal weg vom Fernseher…

WIR MACHEN EINEN PLAN. Für den Tagesablauf, für die ab sofort geltenden Regeln inklusive der Jobs, die ab jetzt zu erledigen sind, für’s Essen. Mein Sohn verzweifelt fast ob der vielen Aufgaben, die er erledigen soll. Auf einem Haufen schaut es ja auch viel auf. Ich verspreche ihm, dass er fertig wird bis zu den “Ferien” und er bekommt einen Lernplan. Für das Töchterlein hat das netterweise der Klassenlehrer übernommen. In der Mittelschule muss man sich organisieren, weil verschiedene Lehrer. Und dann folgt 1 h Lernzeit. Für mich heißt das endlich kurz zur Ruhe kommen, Neuigkeiten lesen, kommunizieren. Auch mit meinen Eltern. Die sind gerade aufgestanden, weil in Amerika auf Urlaub. Ich mache mir schön langsam Sorgen. Hier werden Grenzen und Flughäfen dicht gemacht. Sie fahren heute zum Grand Canyon. Schön. Da sind wenigstens kaum Leute zu dieser Jahreszeit … ich hoffe sehr, dass sie bald die Heimreise antreten, bevor sie in den Staaten stranden. Wer weiß, wann wieder Flieger die beiden Kontinente verbinden?

Jetzt aber. Noch schnell die Arbeit checken. Ah, die haben gerade wieder Test-Konferenz. Ich klinke mich ein und eh ich mich versehe, ist die nächste halbe Stunde weg.

Wir warten auf Milch. Die Jüngste will erst in den Garten, wenn sie als Jause Paradiescreme kochen konnte. Der Milchbauer kommt meistens zwischen 3 und halb 4. Ich frag mal nach, ob er überhaupt noch liefert oder mitsamt seinen Kühen der Quarantäne frönt. In dem Moment parkt er. Die Paradiescreme ist gerettet und mein Kühlschrank gefüllt mit frischer Bio-Milch vom Bergbauern und Joghurt sowie Eis (es soll ja warm werden die nächsten Tage)…

Raus. Wir sind soweit. Dem Himmel sei Dank haben wir einen Garten, wo wir die nächste Stunde werkeln. Dass dieses lästige Unkraut und auch Kraut sich überall versamen muss. Aber ich habe ein Erfolgserlebnis. 3 Beete schauen aus wie neu.

Nun gesellt sich der Herr des Hauses zu uns. Er ist hundemüde. Kein Wunder. Letzte Nacht tat er Dienst an der Allgemeinheit beim Roten Kreuz und heute den ganzen Tag schuften. Auch bei ihm herrscht Chaos.

Ein schnelles Abendessen später stecke ich die Kinder vor den Fernseher (mein schlechtes Gewissen meldet sich, aber ab morgen wird eh alles besser…), damit ich wenigstens jetzt die Nachrichten inhalieren kann. Danach geht’s ab ins Bett für den Nachwuchs. Ich gönne mir mit meinem (mittlerweile auf der Couch schlafenden) Mann noch 2 Serien (Komödien, weil Drama gab es eh schon genug) und der erste Tag ist vorbei.

Da fällt mir ein … gezockt hatte ich heute so gut wir gar nicht. Normalerweise tobe ich mich bis zu 1 Stunde pro Tag bei “Clash of Clans” und “Clash Royale” aus. Aber was ist momentan denn schon normal?


Wer gerne weiterlesen möchte, kann das Tagebuch hier erwerben:

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